Religiöse Linke in den USA Die Rückeroberung von Jesus Christus

In den USA formiert sich die christliche Linke. Ihre Anführer predigen gegen Armut, Irak-Krieg und Umweltverschmutzung. Hillary Clinton und die Demokraten setzen auf die wachsende Bewegung. Endet mit Bushs Präsidentschaft auch die Ära der religiösen Rechten?

Von Sebastian Heinzel, New York


New York - "Impeach President Bush!" rief Jim Winkler vor wenigen Wochen in einen Saal voller Zuhörer in Washington, D.C. Ein Amtsenthebungsverfahren gegen George W. Bush sei die einzige richtige Reaktion auf einen "illegalen Aggressionskrieg, der mit Lügen verkauft wurde". Die Forderung ist nicht neu, interessant ist vielmehr der Fordernde: Jim Winkler ist der Chef einer christlichen Lobbying-Gruppe, seine Rede, die er auf einer Konferenz des nationalen Kirchenrats hielt, war religiös motiviert: "Wenn ich spreche, ist es mein Wunsch, einen Wandel der Menschen und des Systems herbeizuführen, damit das Reich Gottes kommen kann."

Wettkampf um die religiöse Deutungshoheit

Hillary Rodham Clinton: Entdeckung neuer Wähler im republikanischen Terrain.
AP

Hillary Rodham Clinton: Entdeckung neuer Wähler im republikanischen Terrain.

In ganz Amerika formiert sich derzeit die "Religious Left", die religiöse Linke. Immerhin 27 Prozent der US-Bevölkerung lassen sich laut einer Studie der University of Akron dieser Gruppe zuordnen. Damit ist sie zwar kleiner als die religiöse Rechte (38 Prozent), aber größer als das Lager der überzeugten Säkularen (21 Prozent). Kein Monat vergeht derzeit, in dem linke Christen nicht eine große Konferenz abhielten oder ein Buch darüber erschiene, wie man der Rechten die religiöse Deutungshoheit entreißen könnte: "Sie haben uns Jesus gestohlen", lautet der Tenor der linken Gläubigen. Viel zu lange schon dominieren ihrer Meinung nach christliche Fundamentalisten, die bei Präsident George W. Bush meist ein offenes Ohr fanden, die gesellschaftspolitischen Debatten. Statt gegen Abtreibung, Schwulenehe und Evolutionslehre zu Felde zu ziehen, trommelt die religiöse Linke lieber gegen die Armut im Land, den Krieg im Irak und die Umweltverschmutzung. Und die Demokratische Partei, die zur Religion bisher reservierte Distanz hielt, entdeckt religiöse Wähler als Verbündete.

An der Spitze der bunten Bewegung, in der sich schwarze Kirchen, moderate Protestanten, liberale Katholiken und religiöse Friedensaktivisten tummeln, stehen Reverend Jim Wallis und Rabbi Michael Lerner. Wallis, ein prominenter linker Evangelikaler, berät Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in spirituellen Angelegenheiten. Sein Buch "Gottes Politik: Warum die Rechte sie falsch versteht und die Linke sie nicht versteht" wurde zum Bestseller. Lerner schmiedet schon seit 2004 Allianzen zwischen progressiven Geistlichen aller Glaubensrichtungen, auch sein Buch "Die linke Hand Gottes" findet derzeit reißenden Absatz. "Die Rechte ist nicht mehr die einzige Stimme", sagt Jim Wallis. "Diese Ära ist vorbei." Das Erscheinen der religiösen Linken auf der politischen Bildfläche ist in Wirklichkeit eine Wiederauferstehung. Der Glaube spielte in der amerikanischen Geschichte bei progressiven Anliegen oft eine entscheidende Rolle, etwa bei der Abschaffung der Sklaverei oder in der Bürgerrechtsbewegung mit dem betont religiösen Martin Luther King an der Spitze.

Doch in den vergangenen drei Jahrzehnten überließen die Politiker der säkular dominierten demokratischen Partei das Feld der Religion bereitwillig den Republikanern - und mussten ungläubig mitansehen, wie Bush das Volk erfolgreich mit sakraler Rhetorik becircte. Die Republikaner würden die spirituellen Bedürfnisse der Amerikaner besser befriedigen, argumentiert Rabbi Michael Lerner: "Die Religionsfeindlichkeit der Linken ist einer der Hauptgründe dafür, warum sich an sich progressive Gläubige von der Politik abwenden."

Übungen auf der religiösen Klaviatur

Nach sechs Jahren Bush haben die Demokraten langsam eingesehen, dass die Religion nicht einfach aus der Politik verschwinden wird. Ihre größten Hoffnungsträger, allen voran die Senatoren Hillary Clinton und Barack Obama, der bereits als erster schwarzer Präsident der USA gehandelt wird, üben bereits seit einiger Zeit auf der religiösen Klaviatur. In der jüngsten Debatte um 12 Millionen illegale Einwanderer im Land sagte Clinton zum restriktiven Gesetzesvorschlag des Repräsentantenhauses: "Diese Vorlage würde buchstäblich den guten Samariter kriminalisieren, und wahrscheinlich sogar Jesus selbst." Einige Kirchen hatten sich zuvor auf die Seite der Illegalen - großteils katholische Latinos - geschlagen. Schon 2005 überraschte Hillary Clinton ihre Anhänger, als sie Abtreibung eine "traurige, ja sogar tragische Entscheidung für viele, viele Frauen" nannte und bekannte, immer schon gebetet zu haben.

Auch in der Debatte um die Klimaerwärmung, die seit einigen Wochen in den US-Medien brodelt, wildert Clinton im Terrain der Republikaner. Vor allem evangelikale Christen sorgen sich um Gottes Schöpfung: Laut einer Umfrage halten 63 Prozent von ihnen den Klimawandel für ein dringendes Problem. Die Republikaner, welche die konservativen Protestanten für ihre treue Basis hielten, wurden dadurch am falschen Fuß erwischt. Schließlich hatte die Bush-Administration jahrelang Zweifel am Klimawandel geschürt. Hillary Clinton reagierte schnell und legte umgehend ein deutliches Bekenntnis zu grünen und energiesparenden Technologien ab.

Für Aufsehen sorgt zudem die Allianz zwischen den Demokraten und einigen Kirchen im Bundesstaat Wisconsin an der kanadischen Grenze. Am 7. November, dem Tag der Kongresswahlen, stimmen die Einwohner Wisconsins über einen Verfassungszusatz gegen homosexuelle Ehen ab. Die von den Republikanern propagierte Regelung verböte auch eingetragene Lebenspartnerschaften - und das geht selbst vielen Christen zu weit. Für ein "Nein" zur Verfassungsänderung wirbt auch eine lange Reihe kirchlicher Organisationen, darunter die moderateren protestantischen Kirchen. Schon 1982 war Wisconsin der erste amerikanische Bundesstaat, der Homosexuelle gesetzlich vor Diskriminierung schützte - nicht zuletzt, weil die Kirchen Wisconsins überwiegend auf der Seite der Schwulen standen.

Reibungslos läuft die neue Zusammenarbeit zwischen den Demokraten und den Kirchen natürlich noch nicht. Howard Dean, der Vorsitzende der Demokratischen Partei, wagte sich zwar jüngst in die Fernsehshow des Predigers Pat Robertson. Doch eine seiner Aussagen stieß viele Zuseher vor den Kopf: Demokraten hätten "mit der christlichen Gemeinschaft sehr viel gemeinsam", sagte Dean - und zog damit ungewollt eine Trennlinie zwischen Christen und Demokraten.

Doch weitere Annäherungsversuche demokratischer Politiker sind vorprogrammiert: "Ich garantiere, dass jeder Demokrat, der zu den Wahlen 2006 oder 2008 antritt, die Bibel zitieren und über sein jüngstes Kirchenerlebnis reden wird", sagt Rabbi Michael Lerner.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.