Religion im US-Wahlkampf: Amerikas Glaubenskrieger bangen um ihre Macht

Aus Indianapolis berichtet

Zweimal verhalf Amerikas christliche Rechte den Republikanern ins Weiße Haus, jetzt bröckelt ihre Macht. Vor allem junge Gläubige fallen von den Fundi-Kirchenführern ab. Sie sind den ewigen Kulturkampf gegen Schwule und den Islam leid - eine Chance für Barack Obama.

Indianapolis - Der Teufel ist im Internet immer nur einen Mausklick entfernt. Das ist die Botschaft des Redners oben auf der Bühne. Unten, in der vorletzten Zuhörerreihe des Convention Centers in Indianapolis, hockt John Johnson aus Tennessee und tippt fleißig in seinen Laptop. Während der Prediger vorne dröhnt, liest Johnson Religionsblogs und Nachrichtenseiten, schreibt E-Mails. "Ich will doch nur", erklärt der Kirchenaktivist und hauptberufliche Büromöbelverkäufer, "dass wir unseren Glauben so ernst nehmen wie möglich."

Für Baptisten bedeutet das streng genommen: So viele Seelen wie möglich vor der Hölle zu retten. Moderne Technologie erreicht mehr Menschen als jede Predigt, und so ist Johnson nicht der einzige, der seinen Laptop zum Jahrestreffen der Southern Baptists mitgebracht hat, die mit mehr als 16 Millionen Mitgliedern die konservative Speerspitze der Evangelikalen in den USA bilden.

Im Ausstellungsraum gleich nebenan koordinieren drei Männer per Laptop ein Mini-Fernsehstudio. Shawn Wesson aus Missouri steht mit seiner Frau Sarah vor der Kamera und liest leiernd vom Teleprompter ab. "Bis 2020 jedem in Amerika die Botschaft Gottes nahezubringen, ist eine göttliche Herausforderung. Helft uns dabei." Die Computer schneiden mit, bald wird das Duo in Kirchen in ganz Amerika zu sehen sein. "God's Plan for Sharing", heißt der Stand mit dem TV-Studio. Oder kurz GPS. Wie das Navigationssystem.

Aber eigentlich suchen die Gläubigen selbst nach Richtung. Zwar drängen sich in Indianapolis mehr als 7000 Teilnehmer. Doch die Mitgliedszahlen der evangelikalen Gemeinden gehen zurück, insbesondere die Jungen bleiben fort. Wesson, 41, der Teleprompter-Prediger, hat eine Erklärung: "Es liegt an unserer postmodernen Gesellschaft, in der alles in Frage gestellt wird. In der absolute Wahrheit keinen Platz mehr hat." Seine Frau, 15 Jahre jünger, steht heftig nickend daneben. Auf die Frage nach ihrem Beruf antwortet sie: "Ich bin Shawns Frau." Noch 1998 haben die Southern Baptists in einer Resolution festgehalten, dass die Frau dem Mann in der Ehe untergeordnet sein solle.

Der Mitgliederschwund beherrscht die Diskussionen beim Gläubigentreffen. "Bald sind wir klein wie Ameisen", raunt ein Kirchenführer düster. Schuldige werden gesucht - und dabei kommen auch die Kirchenoberen nicht ungeschoren davon, die sich in den vergangenen Jahren vor allem als Politiker gebärdet haben.

Allen voran Richard Land, ein Mann mit raumfüllender Stimme, der auch in Indianapolis vor den vier Boten der Apokalypse warnt: Abtreibung. Internetpornografie. Homosexualität. Radikaler Islam. "Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das letzte Hindernis für die Weltherrschaftspläne radikaler Islamisten", donnert Land. Da müssten alle Amerikaner kämpfen, gerade im Wahljahr.

Mit Wahlkämpfen hat Land Erfahrung. 2004 half er, Evangelikale im Protest gegen die Homo-Ehe zu koordinieren. So erfolgreich, dass sie ein Viertel aller US-Wähler stellten. Fast 80 Prozent dieser Wählergruppe votierten für George W. Bush.

Die jungen Gläubigen murren

Doch die Stimmung hat sich gedreht, und das merkt auch Land. "71 Prozent der Amerikaner glauben, dass religiöse Führer sich zu politischen Fragen äußern sollten", ruft er trotzig in den Raum - aber dass er die Statistik überhaupt zitiert, verrät Unsicherheit.

Denn vor allem jüngere Gläubige murren. John Johnson, 37, etwa. "Bei den Kirchenoberen geht es immer um große Politik, nicht uns selber", sagt er. Ihn störe nicht so sehr, was Schwule oder Nichtgläubige machen. "Mein Herz ist ja selbst voll Sünde." Er will sich auf den eigenen Glauben besinnen und auf die Missionsarbeit. Matthew Hall, ein Mittzwanziger aus Kentucky, meint: "Die Kirchenoberen haben Angst, dass ihr politischer Einfluss flöten geht. Vor ein paar Jahren waren noch Zehntausende Leute bei solchen Versammlungen. Jetzt sind es 7000."

Die Teilnehmer heute sind zwar nicht weniger religiös und konservativ als früher. Auch sie trinken nicht und halten Homosexualität oder Abtreibung für Sünde. Sie kaufen im kleinen Glaubenssupermarkt der Veranstaltungshalle Trinkflaschen für ihre Kinder mit dem Aufdruck "Jesus loves you". Oder Teen-Magazine, in denen steht, wie man mit einem Jungen beim Minigolf viel mehr Spaß haben kann als im Bett.

Doch viele jüngere Gläubige sind die ständigen Wahl- und Kulturkämpfe leid. Sie wollen lieber Nächstenliebe praktizieren, als gegen Schwule zu hetzen. Gerade hat sich "The Journey" gegründet, eine Gruppe junger Evangelikaler, auf deren Agenda Hilfe für Arme und die Umwelt steht. Ein 25 Jahre alter Teilnehmer hat bei der Jahrestagung eine Resolution zum Klimawandel eingebracht.

McCain redet nicht vor den Baptisten

Aber um ihren Einfluss in Washington zu wahren, würden Leute wie Land auch dieses Jahr am liebsten alle Evangelikale geschlossen hinter den Republikanern versammeln - obwohl McCain nicht ihr Wunschkandidat ist. In den Vorwahlen haben die meisten Mike Huckabee unterstützt, einen Ex-Baptistenprediger, der nun als Vizepräsidentschaftskandidat im Gespräch ist.

McCain ist zwar Kirchgänger, doch er trägt seinen Glauben nicht vor sich her. Im Wahlkampf 2000 nannte er religiöse Führer "intolerant". Er konzentriert sich auf moderate Wähler - doch vergraulen darf er die religiöse Basis nicht. Seine Helfer erinnern die Religionsführer schon fleißig daran, dass McCain konservative Richter zum Obersten Gerichtshof ernennen würde. Dass er gegen die Homo-Ehe plädiert und gegen Abtreibungen.

Allerdings tritt der republikanische Kandidat in Indianapolis nicht auf - anders als Bush, der die Teilnehmer vor vier Jahren live per Videoschalte aus dem Weißen Haus umwarb. Immer wieder betonen Teilnehmer, sie würden sich nicht noch einmal so für die Republikaner engagieren wie in den vergangenen beiden Wahlkämpfen. Sogar neue Allianzen sind denkbar. Barack Obama will gezielt um Evangelikale werben. Sein Kalkül: Wenn sich junge Gläubige für Armutsbekämpfung, HIV-Prävention oder Klimaschutz interessieren, könnte doch auch Obama ihr Kandidat sein. Jüngste Umfragen zeigen, dass die Demokraten bei Evangelikalen aufholen.

Aber Hürden bleiben. "Unsere Leute werden niemals für einen Kandidaten stimmen, der entschieden für Abtreibung ist", beharrt Richard Land in der "Financial Times". Er kann auch hoffen, dass die Freigabe von Homo-Ehen in Kalifornien in dieser Woche viele religiöse Wähler erneut mobilisiert. Und dann ist da noch Obamas schwarze Hautfarbe. Die Southern Baptists haben die Rassentrennung im Süden lange gebilligt und sich erst 1995 offiziell für ihre Politik entschuldigt.

Die Distanz ist geblieben. Wie bei dem 22 Jahre jungen Pastorensohn, ein freundlicher Blondschopf aus Tennessee, der seinen Namen nicht nennen mag. "Obama ist letztendlich doch vor allem Afrika verpflichtet", sagt er. "Wollen wir so jemandem zum Führer Amerikas machen?" Dann kratzt er sich am Hals und fragt: "Das klingt jetzt aber nicht rassistisch, oder?"

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