Christen in Ägypten Angst vor den Bärtigen

Muslime machen Jagd auf Kopten, Christen verfolgen "Bärtige": Der Machtkampf in Ägypten hat den ohnehin brandgefährlichen Konflikt der Religionen noch weiter verschärft. Oft reichen schon ein Wort oder ein Gerücht, damit es zu Gewalt kommt.

REUTERS

Aus Kairo berichtet


In Manschijet Nasser, einem Slum von Kairo, geraten zwei Ägypter in einen Streit. Der eine ist beleidigt, dass der andere die Höhlenkirche von St. Sama'an besichtigen will, ohne ihn, den örtlichen Touristenführer, um Hilfe zu bitten. Der andere blafft zurück, dass er sich selbst bestens auskennt. Doch dann eskaliert der Streit.

"Wie führst du dich hier auf! Was würdest du sagen, wenn ich mich so in einer Moschee verhalten würde!", schreit der örtliche Touristenführer, ein Christ. "Du konfessioneller Hetzer! Hört euch das an! Er diskriminiert mich, weil ich Muslim bin!", schreit der andere zurück. Plötzlich streiten da nicht mehr zwei beleidigte Ägypter. Auf einmal herrscht Religionskrieg: Christ gegen Muslim.

Die Stimmung zwischen den Religionsgruppen in Ägypten ist durch den Machtkampf in Kairo angespannter als ohnehin schon. Manchmal reichen schon ein Wort oder ein Gerücht aus, damit es zu Gewalt kommt. Viele Mitglieder islamistischer Gruppen halten es mit Mohammed Mursi. Christen dagegen sympathisieren mit Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi. Deshalb werden in Gebieten, wo Christen in der Mehrheit sind, Bärtige verfolgt - weil man sie für Islamisten hält. In Pro-Mursi-Regionen dagegen werden Christen brutal attackiert.

Die Armee wird deshalb von den Kopten als das kleinere Übel angesehen, auch wenn sie im Oktober 2011 knapp 30 ihrer Demonstranten tötete. "Als Mursi regierte, haben sich die Bärtigen aufgeführt, als gehöre ihnen das Land", sagt der 27-jährige Christ Milad Asis aus Kairo. Hassprediger durften ungestört hetzen. Papst Tawadros II., das geistliche Oberhaupt der Kopten, hatte sich öffentlich für Mursis Absetzung eingesetzt.

Hetzjagd auf Kopten

Die Christen stellen schätzungsweise rund zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung. Auf dem Land, also in Oberägypten oder auf der Sinai-Halbinsel, wo der Staat wenig zu melden hat, sind sie besonders schutzlos. Dort kam es in den Tagen nach Mursis Absetzung zu schrecklichen Szenen:

Im Dorf Nagaa Hassan bei Luxor wurde die Leiche eines Mannes gefunden. Gerüchten zufolge wurde er von Christen ermordet. Ein Mob belagerte deshalb das Haus des 41-jährigen Kopten Emile Naseem. Er hatte in dem Dorf die Kampagne der Tamarod-Bewegung gegen Mursi geleitet.

Die Polizei nahm die Frauen und Kinder seiner Familie mit, für Naseem selbst und seinen Neffen war jedoch kein Platz mehr im Auto. Die Polizisten ließen die beiden deshalb schutzlos zurück. Der Mob zündete zunächst Naseems Haus an. Naseem und sein Neffe flüchteten aufs Dach. Von dort sprangen sie von einem Häuserdach zum nächsten, bis sie doch von ihren Verfolgern gestellt wurden. Mit Äxten, Ästen und Stöcken schlugen sie auf Emile Naseem und seinen Neffen ein. Der 41-Jährige wurde zu Tode geprügelt, der Neffe überlebte schwerverletzt. Rund 30 weitere Häuser und Geschäfte von Christen wurden in Nagaa Hassan in Brand gesteckt, drei weitere Christen erstochen. Insgesamt kamen in Ägypten in den Tagen nach dem Militärputsch fünf Kopten ums Leben.

Viele Christen leben im Kairoer Stadtteil Schubra. Während eines Protestmarsches von Islamisten durch das Viertel traute sich die Familie Sawiris nicht zur Tür hinaus, als die Demonstranten ein paar hundert Meter entfernt von ihrer Haustür vorbeizogen. "Wir haben Schreie gehört und ein paar Schüsse", berichtet der 42-jährige Hani Sawiris über die Ausschreitungen an diesem Tag. Sein sechsjähriger Sohn steht eingeschüchtert neben ihm. "Du brauchst keine Angst zu haben. Wir und die Armee sind mehr als die", versichert ihm Schadia Mansur, seine Tante.

Auch wenn sie es nicht selbst gesehen haben - für die Familie steht außer Frage, wer hinter der Gewalt steckte - die "Bärtigen". "Sie haben sogar den Friseursalon von Artif zerstört", behauptet die 50-jährige Mansur. Das hätten die Nachbarn erzählt. Die vielen Gerüchte vermehren in diesen Tag das Misstrauen und die Angst in Ägypten.

Der Friseursalon von Artif Fathi liegt 800 Meter weiter die Straße hinunter. Der Demonstrationszug verlief direkt am Laden vorbei. Fathi, ein Christ, ist überrascht, als er nach den angeblich Zerstörungen gefragt wird. "Nein, bei mir war nichts. Sie haben die Türen eingeschlagen im Laden des Muslimbruders gegenüber", sagt er.

Artif Fathi versichert, dass es ein Mob Jugendlicher aus der Nachbarschaft war, der die islamistischen Demonstranten attackierte - mit Steinen, Ketten und Schrotflinten. Er habe in seinem Salon vier Islamisten vor der aggressiven Menge versteckt. "Christ oder Muslim, wir sind doch alle Ägypter", sagt der Friseur. Fünf weitere Anwohner, die den Demonstrationszug sahen, beschreiben denselben Tathergang, Kopten wie Muslime.

Die Jugendlichen attackierten demnach die Demonstranten und zerstörten die Kunstglastüren des Ladens gegenüber von Fathi. In der Nachbarschaft weiß man, dass der Ladenbesitzer Mitglied der Muslimbruderschaft ist. Er steht in seinem Geschäft und wirkt ängstlich, als er nach den Ausschreitungen gefragt wird. "Nein, nein, nichts passiert", sagt er nur - obwohl sein Laden offen steht, weil er keine Türen mehr hat.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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TS_Alien 03.08.2013
1. .
Bei so vielen demonstrierenden Menschen frage ich mich immer, wer in solchen Ländern arbeiten geht. Und wann. Wenn diese Menschen genauso viel Energie in ihre Bildung stecken würden wie in die Verteidigung ihrer mehr oder weniger kruden Ideologien, hätten sie ein weitaus besseres Leben. Oder ist das gar nicht deren Ziel?
Mimimat 03.08.2013
2. Ach jaa!
Zitat von sysopREUTERSMuslime machen Jagd auf Kopten, Christen verfolgen "Bärtige": Der Machtkampf in Ägypten hat den ohnehin brandgefährlichen Konflikt der Religionen noch weiter verschärft. Oft reichen schon ein Wort oder ein Gerücht, damit es zu Gewalt kommt. Religionskrieg in Ägypten: Christen gegen Muslime - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/religionskrieg-in-aegypten-christen-gegen-muslime-a-914383.html)
Dieser Artikel ist das beste Beispiel dafür, was an der These "MEINE Religion ist friedlich" dran ist. Kaum glaubt so ein Geistergläuber, sein Gott würde beleidigt, dreht er frei. Da muss es wohl mit dem Glauben an die Allmacht seines unsichtbaren Freundes nicht weit her sein.
carlo02 03.08.2013
3. heißt
heißt es nich in der Bibel, liebe deinen feind?
frenkle 03.08.2013
4.
Es ist deprimierend, dass wir seit ueber 40 Jahren auf den Mond fliegen koennen und Menschen immer noch an Maerchen glauben. Vielleicht sollte man das Problem ein fuer alle mal loesen indem es irgendwo in der Wueste einen Kampf der Religionen gibt wo die so lange auf sich einbruegeln bis keiner mehr uebrig ist...
sjensx 03.08.2013
5. Fehleinschätzung
Unfassbar, dass heutzutage Religion immernoch der Hauptgrund für solche, fast mittelalterlichen Zustände ist. Nach so langer Zeit dachte ich, dass sich die Erkenntnisse aus dem Zeitalter der Aufklärung auf allen Kontinenten niedergelassen hätten. Was für eine Fehleinschätzung!
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