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Religionswächter Bardakoglu: "Jede Religion hat ihr Heiliges"

Das religiöse Oberhaupt der Türkei, Ali Bardakoglu, freut sich über die besänftigenden Worte aus dem Vatikan. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE fordert der islamische Geistliche Muslime auf, Kritik rational zu üben. Emotionale und gewalttätige Reaktionen seien grundsätzlich falsch.

SPIEGEL ONLINE: Herr Präsident, der Vatikan sagte heute, dass der Papst "extrem betrübt" darüber ist, mit Teilen seiner Regensburger Rede die Gefühle von Muslimen verletzt zu haben. Freut Sie diese Entschuldigung?

Islamischer Würdenträger Bardakoglu: "Wir Religionsführer müssen bei Bedarf unsere Fehler eingestehen"
REUTERS

Islamischer Würdenträger Bardakoglu: "Wir Religionsführer müssen bei Bedarf unsere Fehler eingestehen"

Bardakoglu: Ja, diese Erklärung des Papstes ist zu begrüßen. Er sagt, dass er den Islam achtet und die Gefühle der Muslime nicht verletzen wollte. Für mich ist dies eine zivilisierte Haltung. Dass er jetzt sein Bedauern ausdrückt, ist ein Zeichen seiner Bereitschaft, für den Frieden in der Welt zu arbeiten. Wir Religionsführer müssen bei Bedarf unsere Fehler eingestehen und den Menschen überall als gutes Vorbild dienen. Ich hoffe aber auch, dass der Papst unsere Kritik versteht und darüber nachdenkt.

SPIEGEL ONLINE: In der türkischen Presse wurden Sie heute mit den Worten zitiert: 'Ich habe den Vortrag von Papst Benedikt XVI. an der Universität Regensburg nicht gelesen'. Stimmt das?

Bardakoglu: Ich kannte die betreffenden Passagen und den gesamten Inhalt der Rede. Nach der Berichterstattung der türkischen Medien habe ich mir den Text zuschicken lassen, und mich bei unseren Vertretungen im Ausland umfassend über den Kontext informiert. Die Rede basiert auf einer philosophischen Reflektion, die von Platon bis Hegel reicht; dies ist auch die Tradition der deutschen Philosophie, die ihre Wurzeln unter anderem in der hellenistischen Ideenwelt findet. Der Glaube an einen einzigen transzendentalen Gott legitimiert in der islamischen Religion niemals die Unterdrückung der Vernunft und des freien Willens. Ganz im Gegenteil, das rationale Denken und die Freiheit des Individuums werden im Islam gefördert, und die islamische Geschichte hat diesbezüglich durchaus eine eigene Tradition.

Der Papst kritisierte das Verhältnis zwischen Gott und Ratio im Islam, aber er hätte sich auch und unbedingt auf die Tradition des rationalen Denkens in meinem Glauben berufen müssen. Ein Religionsführer hatte hier eine einseitige und anklagende philosophische Sichtweise zur Grundlage der Kritik an der Theologie und den Heiligtümern einer Religion gemacht. Deswegen sagte ich, dass er sich entschuldigen und sagen sollte: Es tut mir leid, wenn ich die religiösen Gefühle der Muslime verletzt haben sollte. Wenn das heute geschehen ist, freue ich mich darüber.

SPIEGEL ONLINE: Was ist für Sie inakzeptabel an der Kritik des Joseph Ratzinger?

Bardakoglu: Er zog ein Zitat zur Untermauerung seiner Argumentation heran, das den Propheten und unser heiliges Buch angreift. Anstatt zum Beispiel über aktuelle Probleme muslimischer Praxis zu sprechen, klagte er somit direkt die theologischen Grundlagen des Islam an.

Wir sagen nicht, dass wir unantastbar oder unfehlbar sind. Alle Muslime sind fehlbare Menschen. Aber jede Religion hat ihr Heiliges. Das trifft im Osten für den Hinduismus oder Schintoismus genauso zu wie im Westen für das Judentum, Christentum oder den Islam. Ich mache Sie darauf aufmerksam: Wir haben bis heute niemals die heiligen Fundamente einer anderen Religion, eines anderen Glaubens kritisiert. Das setzt der Respekt vor dem Menschen voraus. Wir sprechen über Fehler, die von Christen begangen werden. Aber wir reden niemals abfällig über die Bibel oder über Jesus, der auch unser Prophet ist. Er ist ein Mensch, den die katholische Welt als unantastbar und unfehlbar betrachtet.

SPIEGEL ONLINE: Der Zorn trieb die Massen wieder auf die Straße, im Westjordanland wurden zwei Kirchen mit Brandbomben beworfen. Die Welt ist diese Bilder auch langsam leid.

Bardakoglu: Ja, ich stimme Ihnen zu, das ist auch völlig falsch! Kirchen in Brand zu setzen ist genauso schlimm wie Moscheen anzuzünden. Die Muslime müssen lernen, ihre Reaktionen vernünftig auszudrücken, rational zu denken und zu handeln. Emotionale und gewalttätige Reaktionen sind grundsätzlich falsch. Die Gewalt muss durch das Wort ersetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Müssen die Muslime heute nicht auch Selbstkritik üben?

Bardakoglu: Ja, selbstverständlich. Die islamische Welt muss für Kritik von allen Seiten offen sein und in sich das objektive Denken, die Vernunft fortentwickeln. Aber das ist nicht einseitig zu betrachten. Jede Religion muss kritisiert werden können. Wenn diese Kritik von einem Wissenschaftler gekommen wäre, hätte ich mich mit ihm hingesetzt und debattiert. Aber der Papst sollte nicht im Namen von Millionen von Menschen, ja im Namen von Gott über eine andere Religion richten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bekannt für Ihr Engagement im interreligiösen Dialog und kommen häufig mit Vertretern anderer Religionen zusammen. Finden Sie den Dialog nützlich?

Bardakoglu: Natürlich, und er muss unbedingt weitergeführt werden. Ich hatte ja auch nicht den Vatikan, sondern eine bestimmte Rede des Papstes kritisiert. Wir kommen mit vielen Vertretern der katholischen Welt zusammen. Ich erkenne in ihnen wertvolle Menschen, mit denen man sich hervorragend unterhalten kann. Wenn sich die Kritik gegen die Praxis der Gläubigen richtet, dann ist sie völlig legitim. Sowohl der Westen als auch die islamische Welt machen Fehler und bedürfen der Korrektur. Ich hatte still gehofft, dass sich andere katholische Geistliche innerlich von den Ansichten des Papstes distanzieren. Ich konnte auch nicht glauben, dass die päpstlichen Äußerungen zur offiziellen Sicht des Vatikans werden. Das würde all unsere bisherigen Bemühungen um ein friedliches Miteinander zunichte machen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie mit dem Papst bei seinem Türkei-Besuch im November über diese Fragen sprechen?

Bardakoglu: Die Türkei ist ein laizistischer Staat, und die Einladung ging nicht von mir aus, sondern von dem Staatspräsidenten. Ob wir zusammenkommen, hängt von den Umständen und Möglichkeiten dieses Besuches ab. Ich bin für Gespräche immer offen.

Das Interview führte Dilek Zaptcioglu

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