Report des US-Justizministeriums USA gewährten Nazis Unterschlupf

Zuflucht für Verfolgte - und Verfolger: Die USA haben einem Bericht der "New York Times" zufolge nach dem Zweiten Weltkrieg weit mehr deutschen Nazis Unterschlupf gewährt als bislang bekannt. Die Zeitung beruft sich auf neue Beweise in einem bislang zurückgehaltenen Report des US-Justizministeriums.


Washington - Dem 600 Seiten starken Report zufolge durften die Nationalsozialisten ins Land kommen, obwohl ihre dunkle Vergangenheit den US-Behörden bekannt gewesen sei. In manchen Fällen hätten die amerikanischen Geheimdienste bewusst mit Helfern des Hitler-Regimes zusammengearbeitet, um von deren Wissen zu profitieren, schreibt die "New York Times".

Der Report des Justizministeriums spreche von der "Kollaboration der Regierung mit den Verfolgern", heißt es in dem Bericht. "Amerika, das sich als sicherer Hafen für die Verfolgten rühmte, wurde - in einem kleinen Maße - auch ein sicherer Hafen für die Verfolger." Die USA hätten deswegen in zahlreichen Fällen diplomatischen Streit mit anderen Ländern gehabt.

Als Beispiel nennt das Blatt unter anderen den deutschen Raketeningenieur Arthur Rudolph, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA gegangen war und dort nach Arbeiten am Pershing-Raketenprogramm maßgeblich an der Konstruktion der "Saturn 5"-Trägerrakete beteiligt war, die 1969 erstmals Menschen auf den Mond brachte. Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte Rudolph Waffen für die Nazis und leitete am Kriegsende die unterirdische Raketenfabrik im KZ Mittelbau-Dora am Berg Kohnstein bei Nordhausen.

Der bekannteste Fall: Wernher von Braun, der für die Nazis die "Vergeltungswaffe 2" gebaut hatte. Der Ingenieur und SS-Mann landete nicht vor dem Kriegsgericht, sondern entwickelte die Trägerrakete für das "Apollo"-Projekt.

Ein weiterer Fall, über den die Zeitung berichtet, ist Otto von Bolschwing, der von der CIA in den USA angestellt wurde. Bolschwing gehörte zu den Mitarbeitern von Adolf Eichmann, der während der NS-Zeit maßgeblich für die Organisation der Deportation und Ermordung der europäischen Juden verantwortlich war.

Spezialeinheit zur Aufspürung von Hitler-Getreuen

Der Bericht schildere die Erfolge und Fehler einer speziellen Untersuchungseinheit des Justizministeriums über die Nazi-Verfolgung in den USA. Die Gruppe aus Anwälten, Historikern und Kriminalisten wurde 1979 unter anderem eingesetzt, um in den USA lebende Hitler-Getreue zu überführen, damit sie des Landes verwiesen werden konnten. Ungefähr 300 Nazi-Schergen seien seit Gründung der Spezialeinheit deportiert worden. Die Abteilung sei mittlerweile mit einem anderen Teil des Ministeriums verschmolzen worden.

Insgesamt hätten es - so der Bericht weiter - weit weniger als 10.000 Nazis aus Deutschland in die USA geschafft. Die Zahl sei damit deutlich geringer als in offiziellen Darstellungen von US-Behörden angegeben.

Das seit 2006 existierende Papier sollte eigentlich niemals an die Öffentlichkeit gelangen, da es nach Angaben der Behörde nicht formal fertiggestellt worden sei und faktische Fehler enthalte. Das Ministerium habe aber eingelenkt, nachdem eine private Forschungsgruppe mit einer Klage auf Freigabe drohte. Der "New York Times" liege nun eine vollständige Version des Reports vor.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Artikels hieß es: Raketeningenieur Rudolph habe die unterirdische Raketenfabrik Mittelwerk bei Kronstein im Harz geleitet. Das ist falsch. Rudolph leitete die Fabrik im KZ Mittelbau-Dora am Berg Kohnstein bei Nordhausen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

kng/dpa/AFP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.