Es knirscht, wohin man auch tritt. Aleppos Straßen sind übersät mit Schutt und Glasscherben, den Überbleibseln von Gebäuden und Schaufenstern. Zusammen ergibt das jenes mahlende Geräusch unter den Schuhsohlen, das einen Rundgang durch Aleppo von jeder anderen Stadt der Welt unterscheidet.
Abu Dschamal ist ein junger Kämpfer der "Brigade Nordsturm", einer Einheit des syrischen Widerstands. Seine Kameraden nennen ihn nur "Scharfschütze", weil er den ganzen Tag über Schutt und Glasscherben von einem Haus zum nächsten schleicht, immer in der Hoffnung auf eine gute Schussgelegenheit.
Abu Dschamal ist in Bustan al-Bascha stationiert, einem von Bomben- und Granatangriffen verwüsteten Stadtviertel, in dem kaum noch Zivilisten leben. Vor einem Geschäftshaus, in dem früher unter anderem eine Bank untergebracht war, lässt er sich von ein paar Kämpfern zum Tee einladen. Auch ich setze mich auf einen Stuhl, der auf dem Bürgersteig steht. Abu Dschamal deutet auf ein riesiges Fenster im ersten Stockwerk: "Das ist kein guter Sitzplatz. Die Druckwelle von Explosionen kann die Scheiben zum Bersten bringen. Die herabfallenden Glasscherben könnten dich töten." Als wir am folgenden Tag wieder an dem Gebäude vorbeigehen, ist das Fenster tatsächlich zersprungen, die Scherben liegen auf Bürgersteig und Straße.
Dazwischen rosten Metallsplitter vor sich hin. Sie stammen von explodierten Artilleriegranaten und Fliegerbomben. Ihr Zweck ist einzig: zu töten. Nach der Explosion fliegen sie sirrend durch die Luft, zerfetzen Menschen, reißen klaffende Löcher in Schädel. Die Schrapnells machen keinen Unterschied zwischen Kämpfern und Zivilisten, Männern und Frauen, Greisen und Kindern. Nach dem Aufschlag sind die oft bizarr verformten Metallstücke glühend heiß. Man kann sich die Finger an ihnen verbrennen, das wissen inzwischen sogar Aleppos Kinder.
Ein vielleicht zwölf Jahre alter Junge zieht Leichenteile aus dem Schutt
Wer in dieser verrückt gewordenen Stadt überleben will, nimmt sich vor den umherfliegenden Splittern und Trümmerstücken in acht. Schlägt eine Fliegerbombe in der Nähe ein, warten die Menschen nach der Explosion mindestens zehn Sekunden lang unter Vordächern oder in Häusern. Denn so lange dauert es, bis der Aushub eines Bombenkraters durch die Luft geschleudert wird, nicht selten Hunderte Meter weit. Danach prasseln Trümmerstücke, faustgroße Steine und Metallteile nieder - mit tödlicher Wucht.
Erst sehr viel später senkt sich grauer Staub auf die Stadt: das, was von pulverisierten Gebäuden übrig bleibt. Opfer von Fliegerbomben sind denn auch meist von Kopf bis Fuß mit feinem Staub bedeckt. Noch bevor die Lebensfarbe unter der Puderschicht aus ihren Gesichtern weicht, wirken sie schon aschfahl.
Bombardements mit Artillerie und aus der Luft sind in Aleppo mittlerweile so alltäglich, dass sich die Menschen dadurch kaum noch von ihrem Alltag ablenken lassen - solange das Grollen der Explosionen weit entfernt bleibt. Nur wenn Bomben in der unmittelbaren Umgebung einschlagen, entsteht Hektik: Wut bricht aus, auf Präsident Assad und seine Luftwaffe ebenso wie auf die Rebellen, für deren Anwesenheit sich Assad an der Zivilbevölkerung rächen will. Haben die Kampfflieger abgedreht, schweben immer noch hell brennende Magnesiumfackeln am Himmel, weißen Rauch hinter sich herziehend. Das heißlodernde Magnesium soll Luftabwehrlenkwaffen von den Triebwerken der Kampfjets ablenken.
Unten in den Straßen machen sich Männer und Jugendliche derweil daran, ein getroffenes, teilweise eingestürztes Haus nach Toten und Verwundeten abzusuchen. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, hier habe bloß die Erde gebebt. Ganze Stockwerke liegen dicht aufeinander, zusammengedrückt wie eine Ziehharmonika. Die Betonböden sind zu schwer für die Helfer. Ein Bulldozer wird herangefahren. Er versucht, die riesigen Trümmer mit einem Stahlseil auseinanderzureißen - doch das Seil reißt. An einer anderen Stelle zieht ein vielleicht zwölf Jahre alter Junge Leichenteile aus dem Schutt, als wäre es die alltäglichste Sache der Welt. Fein säuberlich wickelt er die staubig-blutigen Gliedmaßen in eine Wolldecke. "Willst du gucken?", fragt er. Ich winke ab. Zu identifizieren gibt es da ohnehin nichts mehr.
Halb Aleppo versinkt langsam im Schutt
Wer kann, zieht in die untersten Stockwerke oder die Keller von großen, mindestens sechsstöckigen Gebäuden um. In der Regel brechen bei Bombenangriffen nur die obersten vier bis fünf Stockwerke ein. Darunter hat man gute Überlebenschancen. Nur gegen die ballistischen Lenkwaffen, die Assad seit kurzem auf Aleppo abschießen lässt, nützt das nichts. Ihr Gefechtskopf ist - je nach Raketentyp - zwischen 600 und 1000 Kilogramm schwer, schwerer als alle Bomben, die von der Luftwaffe über Aleppo abgeworfen werden. Die rund elf Meter langen Raketen zerstören ganze Häuserzeilen, zum Teil bis auf die Grundmauern. Da bleiben nur Staub und Tod.
Abgesehen von den weitgehend unzerstörten Stadtvierteln im Westen, die noch von Assads Streitkräften kontrolliert werden, versinkt Aleppo langsam, aber sicher im Schutt. Insgesamt hat die Intensität der Bombardements in den vergangenen Wochen aber sogar abgenommen. Die Luftwaffe kümmert sich inzwischen um eine Vielzahl belagerter Armeestützpunkte im ganzen Land: Hubschrauber fliegen Nachschub dorthin, und die Kampfpiloten versuchen, die Stellungen der Belagerer zu treffen. Für den Kampf gegen die einstige Wirtschaftsmetropole und Millionenstadt Aleppo hat die Luftwaffe einfach nicht mehr genügend Material und Menschen übrig.
Das mag auch ein Grund sein, warum viele Flüchtlinge nach Aleppo zurückgekehrt sind. Die Straßen und Märkte sind wieder voll. Auch die Wirtschaft passt sich den neuen Verhältnissen an. Der Krieg und die immer häufigeren Stromausfälle haben zum Stillstand praktisch aller Fabriken geführt. Maschinen werden geplündert und stückweise in die Türkei verkauft. In einer Zigarettenfabrik ist das gesamte Inventar bis auf eine Heidelberger Druckmaschine ausgeräumt und weggekarrt worden. Zurückgelassen haben die Plünderer nur die tonnenschweren Tabakvorräte - vielleicht ein Indiz dafür, dass sie strenggläubige Salafisten waren.
"Kein Strom, kein fließendes Wasser, kein Kochgas und keine Heizung"
Abu Ahmed hatte früher ein Kleidergeschäft. Den Laden gibt es immer noch, er befindet sich an einer Straßenecke. An den Wänden hängen ein paar unverkäufliche Lederjacken. Abu Ahmed hat umgesattelt und vertreibt jetzt Heizöl, Diesel und Benzin. Geschmuggelter Treibstoff schlechter Qualität kommt selbst aus dem Irak bis nach Aleppo.
Es ist ein gutes Geschäft, denn wegen der Stromausfälle tuckern überall Generatoren, und die brauchen Benzin. "Die Nachfrage ist groß", sagt Abu Ahmed, "auch wegen der vielen Rebellen und deren Pritschenwagen. Meine Familie kann ich so wieder ganz gut über die Runden bringen. Trotzdem sind die Lebensumstände hart. Ich muss Tag und Nacht auf Posten stehen, und bei mir zu Hause gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, kein Kochgas und keine Heizung."
An jeder dritten Kreuzung verkaufen findige Straßenhändler Generatoren "Made in Korea". Auch an Gemüse und Fleisch herrscht kein sichtbarer Mangel, auch wenn viele Leute kein Geld dafür haben. Die Händler haben allerdings gelernt, ihre Geschäfte nicht mehr wie früher alle auf ein einziges Marktviertel zu konzentrieren. Märkte, Krankenhäuser und Bäckereien, alles beliebte Ziele für Assads Artillerie und Luftwaffe, sind nun stärker dezentralisiert und auf die ganze Stadt verteilt. Selbst im alten Basar von Aleppo, durch den heute die Front verläuft und der teilweise zerstört und ausgebrannt ist, wird in gut versteckten kleinen Bäckereien Fladenbrot hergestellt. Am Straßenrand schächtet ein Metzger Schafe, hellrotes Tierblut fließt in den nächsten Gully.
Handgeschriebene Tafeln warnen vor Heckenschützen
Überall häufen sich Müllberge. Kinder klettern darauf und suchen nach Wiederverwertbarem. In den Stadtparks sägen Jugendliche an den wenigen übrig gebliebenen Bäumen. Die Leute brauchen Brennholz gegen die Kälte - koste es, was es wolle. In der Nähe der Front warnen handgeschriebene Tafeln vor Heckenschützen des Regimes. An manchen Orten, zum Beispiel beim Nasser-Tor in der Altstadt, haben die Rebellen mit Assad-Bildern beklebte Müllwagen an neuralgischen Stellen quer auf der Straße geparkt, quasi als Kugelfang.
Über die Gassen gehängte große Tücher dienen als Sichtschutz. Und auf der großen Autobahn, der Ausfallstraße Richtung Osten, haben Bagger einen mehr als mannshohen Erdwall aufgeschüttet, quer zur Fahrtrichtung. Auch dieser Wall dient als Kugelfang, denn die Militärbasis von Hanano ist nur etwa 1700 Meter entfernt. "Im Gegensatz zu uns haben Assads Soldaten auch großkalibrige Gewehre, mit denen sie bis zu zwei Kilometer weit gezielt schießen können", sagt Abu Dschamal, der es als Scharfschütze wissen muss. Auf der Autobahn wurden immer wieder Fahrzeuge beschossen und Zivilisten, die das mehrspurige Asphaltband überqueren wollten.
Die Fußgängerbrücke, die an dieser Stelle über die Autobahn führt, ist wegen der Kugeln aus dem Stützpunkt schon lange gesperrt. Nur gerade hinter dem Erdwall ist man sicher, schon wenige Meter links oder rechts davon beginnt die Todeszone.
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