Von Hasnain Kazim, Islamabad
Hamid Mir lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und starrt auf sein Mobiltelefon. "Angst? Ob ich Angst habe?" Er wiegt den Kopf hin und her. "Es wäre gelogen, wenn ich nein sage." Seit Dienstagabend, 23.47 Uhr steht sein Leben auf dem Kopf. Da klingelte sein Blackberry und signalisierte ihm den Eingang einer SMS:
"Ich habe noch keinen größeren Bastard gesehen als dich. Ich hoffe, jemand kommt und fesselt dich nackt. Ich hoffe, es hat noch kein Mann der Armee etwas richtig Schmutziges mit deinen Lieben angestellt."
Hamid Mir, 45, ist einer der bekanntesten Journalisten Pakistans. Er moderiert in Islamabad die tägliche Talkshow "Capital Talk", Gespräche mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er ist das Gesicht des privaten Senders Geo TV, auf seiner Visitenkarte steht "Executive Editor". Oft ist er bedroht worden. Nachdem er über korrupte Politiker geschrieben hatte, erhielt Mir während der Zeit von Militärdiktator Pervez Musharraf Sendeverbot.
Manche sagen, er stehe den Taliban nahe, andere halten ihn wahlweise für einen CIA-Agenten, einen israelischen Spion oder einen Mann Indiens. Mir lacht. "Wenn man von allen Seiten kritisiert wird, zeigt das nur, dass man objektiv und nur der Wahrheit verpflichtet ist."
Pakistan zum zweiten Mal in Folge auf Platz eins
Die Wahrheit ist in Pakistan eine riskante Angelegenheit. In keinem Land wurden in diesem Jahr mehr Journalisten getötet als in Pakistan. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" geht von zehn Todesfällen in dem Land aus, bei weltweit mindestens 66 Opfern. Damit bleibt Pakistan im zweiten Jahr in Folge das gefährlichste Land der Welt für Journalisten.
"In den vergangenen Jahren wurden Kollegen meistens Opfer von Terroranschlägen, von Separatistengruppen oder von radikalen Parteien", sagt Mir. Viele Kameraleute und Fotografen starben, als sie zum Ort eines Anschlags eilten und dort eine weitere Bombe explodierte.
Seit einem Jahr verändere sich das Bedrohungsszenario dramatisch: "Der Hauptfeind ist jetzt der Staat, die Armee, der Geheimdienst."
Am 14. Dezember hat Mir in seiner Sendung die Frage diskutiert, ob der Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, General Ahmed Shuja Pasha, kurz nach dem tödlichen US-Einsatz gegen Osama Bin Laden im nordpakistanischen Abbottabad in mehrere Golfstaaten gereist ist, um sich die Unterstützung der arabischen Welt für einen Putsch in der Heimat zu sichern. Aufgekommen war dieses Gerücht durch einen Blog des Journalisten Omar Waraich für die britische Zeitung "The Independent". Darin zitiert Waraich den pakistanischstämmigen US-Geschäftsmann Mansoor Ijaz, der behauptet, entsprechende Informationen von einem Vertreter des US-Geheimdienstes erhalten zu haben.
Ijaz ist in eine Affäre verwickelt, die derzeit Pakistan erschüttert. Demnach soll Pakistans Botschafter Hussain Haqqani über Ijaz die US-Militärführung in einem Memorandum darum gebeten haben, Präsident Asif Ali Zardari vor einem Militärputsch zu schützen und die Macht der pakistanischen Generäle zu beschneiden. Das Militär tobt, Botschafter Haqqani verlor seinen Posten, der Bruch zwischen Zardari und ziviler Regierung auf der einen Seite und den Streitkräften auf der anderen ist offensichtlich.
"Wer es wagt, das Militär zu kritisieren, lebt gefährlich"
Hamid Mirs Show über den Geheimdienstchef wurde mehrmals auf Geo TV wiederholt. Am 19. Dezember ging beim Obersten Gerichtshof eine Petition ein, General Pasha wegen des Putschverdachts aus dem Amt zu entfernen. Einen Tag später erhielt Mir die SMS-Drohung.
Die Streitkräfte und der Militärgeheimdienst ISI sind mächtige Institutionen in Pakistan, Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani und ISI-Boss Pasha werden von westlichen Magazinen regelmäßig zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gezählt. Obwohl demokratisch gewählt, gilt Präsident Zardari als Staatschef von Gnaden Kayanis und Pashas.
"Wer es wagt, das Militär zu kritisieren, lebt gefährlich", sagt Mir. Er hat es oft getan und sich nicht einschüchtern lassen. "Aber diese SMS beunruhigt mich doch." Mir hat sie veröffentlicht, um sich zu schützen; ebenso die Telefonnummer, von der sie abgesendet wurde.
Ein Gebäude weiter, in der Hauptstadtvertretung der Tageszeitung "The News", sitzt Umar Cheema im Kellergeschoss. Dort arbeitet das Rechercheteam bei grellem Neonlicht, sie sind an heiklen Geschichten dran, es geht um Korruptionsfälle oder die Einmischung des Militärs in die Politik. Gerade hat Cheema, 35, einen Artikel veröffentlicht, wonach Premierminister Yousuf Raza Gilani in diesem Jahr nicht einmal umgerechnet 60 Euro Einkommensteuer gezahlt hat. Man schafft sich mächtige Feinde mit so etwas.
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