Republik Abchasien Kalter Krieg um den Strandstaat

Abchasien bietet Strände, die jedes Jahr Tausende Russen locken. Auch sonst ist Moskaus Einfluss in der winzigen Region gewaltig. Doch der Nachbar Georgien erhebt ebenfalls Anspruch - und der will in die Nato.

Uwe Klußmann

Aus Sochumi berichtet


Wer eine europäische Landkarte in die Hand nimmt, dem erscheint die Hafenstadt Sochumi am Schwarzen Meer als Teil Georgiens. In der von Bergen umgegeben 70.000-Einwohner-Stadt fand am 30. September eine große Militärparade statt. Doch nicht ein georgischer Soldat marschierte über den "Platz der Freiheit". Nirgends wehte auch nur eine georgische Fahne.

Vor dem ausgebrannten früheren Regierungsgebäude im Zentrum marschierten bei spätsommerlichen Temperaturen Soldaten mit Hoheitszeichen der Republik Abchasien. Ihnen folgten Panzer unter abchasischer Flagge. Anlass war der 25. Jahrestag des Sieges über georgische Interventionstruppen. Er wird in Abchasien auch als "Tag der Unabhängigkeit" begangen.

Georgische Truppen waren im August 1992 in Abchasien einmarschiert, das sich dem neuen georgischen Nationalstaat nicht unterwerfen wollte. Die Intervention führte in einen Bürgerkrieg, der mehr als ein Jahr dauerte. Dabei kamen auf beiden Seiten mehrere tausend Menschen, darunter auch zahlreiche Zivilisten, ums Leben. Bis heute erkennen nur wenige Länder die Republik Abchasien an: Russland, Nicaragua, Venezuela, Syrien und der Inselrepublik Nauru.

Blick auf Sochumi, Hauptstadt der Republik Abchasien
Uwe Klußmann

Blick auf Sochumi, Hauptstadt der Republik Abchasien

Militärstrategisch ist Abchasien ein russisches Protektorat. Die abchasische Armee zählt etwa 2200 Soldaten, darunter 700 in der Marine, die mit kleinen Kanonenbooten für den Küstenschutz sorgen. Stabschef der abchasischen Armee ist ein russischer Generalleutnant. Beim Ablauf ihrer Parade war die Handschrift russischer Ausbilder unübersehbar.

Die abchasischen Streitkräfte sind mit den russischen in einer gemeinsamen Gruppierung verbunden. Russlands Armee unterhält zusätzlich Militärbasen mit rund 4000 Soldaten in Abchasien. Diese Truppenpräsenz, mit Abchasien vertraglich vereinbart, wird von Georgien als "Okkupation" verurteilt. Das kommt wenig überraschend, beansprucht doch Georgien nach wie vor das Territorium Abchasiens für sich. Dabei sprechen die meisten Bewohner Abchasiens weder Georgisch, noch haben sie je einen georgischen Pass besessen.

Das Auswärtige Amt warnt

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach bei ihrem Besuch in der georgischen Hauptstadt Tiflis im August von "Besatzung". Die Bundesregierung unterstützt die georgische Position, das Auswärtige Amt rät in einer "Reisewarnung" vor einem Besuch Abchasiens "dringend" ab.

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Die große Mehrheit der abchasischen Bevölkerung hingegen sieht in der russischen Militärpräsenz eher einen Stabilitätsfaktor, angesichts des Konfliktes mit Georgien. Dessen Streben nach einer Nato-Mitgliedschaft weckt in Sochumi Sorge vor neuen Spannungen. "Das erhöht in jedem Fall die Temperatur", sagt Daur Kove, Abchasiens Außenminister.

Offiziell rühmt die abchasische Führung Russland als "Verbündeten und strategischen Partner", so Abchasiens Präsident Raul Chadschimba in seiner Ansprache bei der Parade. Denn, so der Staatschef des De-facto-Staates, "in die koloniale Vergangenheit führt kein Weg zurück". Die georgische Vorherrschaft in Abchasien zur Sowjetzeit, durchgesetzt von Stalin und seinem Geheimdienst, wird in Abchasien als eine Form von Kolonialismus gesehen.

Russlands Einfluss zeigt sich nicht nur beim Militär: Moskau subventioniert das Budget Abchasiens zu mehr als 50 Prozent. Die Renovierung von Schulen, Krankenhäusern, Museen und Bibliotheken wäre anders nicht möglich. Eine wesentliche Einnahmequelle Abchasiens sind auch jährlich mehrere Hunderttausend Reisende aus Russland, die sich an der 220 Kilometer langen von Palmen gesäumten Küste erholen.

Bloß kein zweites Sotschi

Der Rubel ist das Zahlungsmittel und Russisch die vorherrschende Alltagssprache. Dennoch demonstrieren die Abchasen immer wieder, dass sie keine Marionetten Moskaus sein wollen. Mit Russland haben sie auch zehn Jahre nach der Anerkennung der Republik immer noch keinen Vertrag über den Grenzverlauf geschlossen, weil sie sich mit den Russen nicht einigen können. Und wenn Russen in Gesprächen etwas nicht mitbekommen sollen, gehen sie ins Abchasische über, das kein Ausländer versteht.

Abchasische Medien, etwa das im Lande viel gelesene Zweiwöchentlich-Blatt "Echo Abchasii", kritisieren offen die "Inkompetenz" staatsnaher russische Medien. Und sie sparen auch nicht mit Kritik an den inneren Verhältnissen der eigenen Republik. So kommt in "Echo Abchasii" etwa der frühere Außenminister und jetzige Oppositionspolitiker Sergej Schamba zu Wort. Der kritisiert, das Parlament in Abchasien sei bislang nur "ein Anhängsel der Exekutive" und kontrolliere sie kaum.

So bleiben die mal herzlichen, mal harten Abchasen selbst für führende Russen ein Rätsel. Für Ärger in Kreisen des Moskauer Großkapitals sorgt etwa, dass die Abchasen nur ihren eigenen Bürgern den Erwerb von Grund und Boden erlauben. Ein abchasischer Journalist sagt: "Wir wollen nicht, dass hier Oligarchen unsere Küste mit Beton verschandeln wie in Sotschi", dem einstigen Olympiade-Ort gleich hinter der russisch-abchasischen Grenze.



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seboolba 02.10.2018
1. Sehr unvollständig
Wenn der Artikel davon spricht, dass die Mehrheit der Bewohner Abchasiens kein georgisch spricht, vergisst er dabei jedoch, dass Anfang der 90er Jahre Georgier noch fast die Hälfte der Bevölkerung stellten und erst im Rahmen ethnischer Säuberungen, in deren Verlauf fast 250000 Georgier vertrieben wurden der heutige Status hergestellt wurde. Hier wird, zumindest im ersten Abschnitt unreflektiert die Selbstdarstellung der heutigen abchasischen Separatisten und ihrer russischer Protektoren übernommen! Ein sehr dünner und schwach recherchierter Artikel allemal!
berndatlondon 02.10.2018
2. Ueberall das gleiche Problem
Zur Zeiten der UdSSR hat man Grenzen auf der Landkarte neu gezogen, genau wie die Kolonialmaechte in Afrika und der Arabischen Welt. Und wieder wollen wir nicht akzeptieren das die Menschen die dort leben etwas anderes wollen. Schade, wo wir doch ueberall sehen was uns dass heute fuer Probleme bereitet. In der Arabischen Welt is es schwieriger solche Probleme zu loesen. Was die Ex-UdSSR Gebiete anbetrifft so waere es ganz einfach, wie es im Artikel steht "Irgendwie sprechen die alle Russisch und finden dass auch OK so" Genau wie in der Ukraine, die Krim war immer Russisch, 95% die Leute dort sprechen und fuehlen Russisch, nur waehrend der UdSSR hat man aus organisatorischen Gruenden (Strom/Wasser/Verkehr) die Krim an die Ukraine angegliedert. Nach Ende der UdSSR hat man eben vergessen dass wieder rueckgaengig zu machen. Warum macht man das also nicht jetzt, wenn die Menschen in diesen Gebieten dass wollen. Stattdessen laesst man Menschen in absolut sinnlosen Auseinandersetzungen sterben. Die Ukraine selber haelt ja auch bis heute Gebiete besetzt (ca. 25% des Staatsgebietes) die Polen, Ungarn, der Slowakei und Rumanian gehoeren und dass alles basierend auf einem Vertrag mit Hitler Deutschland, ist glaube ich die letzte Vereinbarung aus dieser Zeit die noch bestand hat. Nur haben die Ukrainer alle dort lebenden "Auslaender" getoetet oder vertrieben, deshalb hat die Ukraine nun auch nicht die Probleme wie in Georgien.
goglimogli 02.10.2018
3.
Aus welchen Grund betrachet der Autor Abchasien als "Nachbarstaat" Georgiens und macht fraglich die Tatsache der Okkupation? Villeicht sollte der Autor o.g. Begriffe in Wiki nachschlagen. Wieder einer angeblich "neutraler" Betrachter, der die Tatsachen mit halbeingedeuteten Wahrheiten vermischt.
pauli96 02.10.2018
4. Vielleicht erinnert sich mal jemand an den Artikel
wenn wieder Georgien als Opfer der russischen Aggressionspolitik dargestellt wird. Falls Georgien in die Nato aufgenommen werden sollte, wäre die Nato als "Verteidigungsbündnis"obsolet und ich würde jede politische Kraft unterstützen, die dann einen Austritt Deutschlands vorantreibt.
helmut_langer 02.10.2018
5. Internationaler Gerichtshof
Der IGH in Den Haag hat am 22.7.2010 ein Rechtsgutachten veröffentlich: Er stellte klar, dass die einseitige Unabhängigskeiterklärung des Kosovo nicht im Widerspruch zum Völkerrecht stehen! Die Reaktionen darauf fielen sehr unterschiedlich aus. Festzuhalten bleibt, dass (lt. BBC) u.a. USA, EU, D , die heute Abchasien, Süd-Ossetien u.a. dieses Recht absprechen, begeistert waren und den Kosovo als Staat (obwohl nicht überlebensfähig und auch ohne eigene Währung...) anerkannten!
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