Republikaner Cain Der Pizza-Präsident
Anti-Politiker, Fast-Food-Unternehmer - und plötzlich Umfragekönig: Der Präsidentschaftsbewerber Herman Cain ist der neue Liebling der Republikaner. Der "Hermanator" selbst sieht sich schon im Weißen Haus - auch wenn es mit seinem außenpolitischen Wissen etwas hapert.
Herman Cain hat eigentlich keine Chance. Deshalb ist er ja auch angetreten. "Wenn man Herman antreiben will, muss man ihm nur sagen: 'Das kriegst du nicht hin.' Dann ist er nicht mehr zu stoppen", sagt Gloria, die Frau des Mannes, der sich um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bewirbt. Käme er durch, es wäre eine Sensation in der US-Historie: Der schwarze Kandidat Herman Cain gegen den schwarzen Präsidenten Barack Obama.
Hätte, wäre, wenn? Cain jedenfalls hat gerade seine Autobiographie veröffentlicht. Der Titel: "Das ist Herman Cain!" Mit Ausrufezeichen. Untertitel: "Mein Weg ins Weiße Haus."
Das gesamte Buch ist ein Ausrufezeichen.
Auf dem Foto fürs Cover trägt Cain seine goldene Krawatte ("Gold ist meine Kraftfarbe"), das Nicht-mehr-zu-stoppen-Zitat seiner Frau steht schon auf den ersten Seiten, und im letzten Kapitel hat Cain die Ereignisse des 21. Januar 2013 skizziert: "Ich bin Amerikas 45. Präsident, am Mittag habe ich den Amtseid abgelegt."
Ein Pizza-Präsident für Amerika?
Herman Cain, nur ein Dampfplauderer? Ein Clown? Keineswegs. Denn plötzlich ist Cain Spitzenreiter in den Umfragen. Laut einer Erhebung von NBC und "Wall Street Journal" kommt er auf 27 Prozent unter republikanischen Wählern und liegt damit vor Mitt Romney, Rick Perry und Co. Er ist der neue Liebling der radikalen Tea Party. Sein Buch rangiert jetzt unter den Top Ten der Bestseller. Ausgerechnet Cain, der Mann ohne Polit-Erfahrung. Er war Chef der Fast-Food-Kette "Godfather's Pizza", er war bei "Burger King".
Reicht das aus fürs Weiße Haus?
"Sie sagen: Hermann Cain kann die Präsidentschaftswahl nicht gewinnen, weil er keinen großen Namen hat, nicht genug Geld und nie ein politisches Amt hatte. Aber dem amerikanischen Volk geht es nicht um Billionen von Dollar. Amerika will Cain", erklärt Herman Cain, der von sich gern in der dritten Person spricht - oder als "Hermanator".
Es sei naiv zu glauben, dass ein Präsidentschaftskandidat Antworten auf alles haben müsse: "Tatsächlich muss ein echter Anführer die richtigen Fragen stellen." Neulich wurde Cain in einem Interview indirekt nach dem Namen des Präsidenten von Usbekistan gefragt. Darauf witzelte er über "Ubeki-beki-beki-beki-stan-stan" und meinte: "Keine Ahnung." Schaffe denn das einen einzigen Job in Amerika, wenn er es wüsste?, fragte er schließlich zurück.
Cain ist ein Showtalent: geschliffene Rhetorik, raumgreifende Gestik. Klar und simpel die Botschaften (siehe Video). Irans Präsidenten Ahmadinedschad etwa will er in die Schranken weisen, indem rund um die Welt US-Kriegsschiffe mit Raketenabwehrsystemen stationiert werden. "Und dann würde ich zu Ahmadineschad sagen: Versüße mir den Tag!"
Schließlich der 9/9/9-Plan. Cain will das US-Steuersystem radikal umkrempeln, Einkommens-, Unternehmens- und Umsatzsteuer sollen jeweils auf neun Prozent festgesetzt werden. Die Idee stammt von Rich Lowrie, den Cain seinen ökonomischen Berater nennt. Eigentlich aber ist Lowrie Vermögensverwalter, angestellt bei einer Bankfiliale in Cleveland, Ohio. Bei Experten ist die Idee durchgefallen. Und Jon Huntsman, einer von Cains Konkurrenten im Kampf um die Kandidatur, lästert: 9/9/9 klinge eher wie der Preis einer Pizza.
Hauptsache Anti
Die Tea-Party-Bewegung ficht all das nicht an. Ganz im Gegenteil. Gerade weil er unerfahren ist, gerade weil er keine Karriere in der Hauptstadt Washington gemacht hat, gerade weil seine Botschaften so radikal geradeheraus klingen - deshalb ist Cain ihr neuer Star. Hauptsache anti. Zu beobachten beim "Gipfeltreffen der Werte-Wähler", vergangenes Wochenende in Washington. Da feiern rund 3000 evangelikale Christen und Tea-Party-Bewegte den Kandidaten Cain.
Ganz vorne dabei: William Temple, ein Aktivist der Tea Party, gewandet in die Klamotte der amerikanischen Revolutionäre aus dem 18. Jahrhundert. Schon während Cains Rede schwingt Temple immer wieder begeistert seinen mit Feder geschmückten Hut. "Wir wollen neue Gesichter, keine professionellen Politiker mehr", sagt der 61-Jährige nachher: "Wir könnten den ersten Pizza-Präsidenten haben. Jeder wäre besser als ein Berufspolitiker."
In den Reihen der republikanischen Partei hat sich eine Abneigung gegen Politik als Beruf festgesetzt, die nicht vergleichbar ist mit dem, was in Europa als Politikverdrossenheit durchgehen mag. Während diese Verdrossenheit nach innen gerichtet ist und sich im Wahlboykott erschöpft, leben die Aktivisten der Tea Party ihr Anti-Establishment-Gefühl hart und aggressiv aus. Regelmäßig suchen sie sich einen neuen Herold: Michele Bachmann wurde vom Texaner Rick Perry abgelöst. Und während dessen Umfragewerte nun sinken, steigen jene von Herman Cain.
Mitt Romney, der Kandidat des republikanischen Establishments, scheint über den neuen Gegenspieler nicht gerade unglücklich. Bei der letzten TV-Debatte ließ sich der ansonsten hölzern wirkende Romney von Cain zu Witzeleien hinreißen, wirkte lockerer. Und als Cain - mal wieder - die Zahlenfolge 9/9/9 skandierte, gab ein lachender Romney mit dem Zeigefinger den Takt vor. Anders als Perry schätzen sie Cain in Romneys Wahlkampfteam nicht als allzu große Gefahr ein - der Geschäftsmann aus Atlanta hat weniger Geld, ist in den entscheidenden Vorwahlstaaten organisatorisch schlechter aufgestellt. Vor allem nimmt er Perry die Stimmen.
Und Cain? Der bleibt dabei. "Es ist klar: Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika", lautet der letzte Satz seines Buches.


