Republikaner-Debatte Die Nichtangriffs-Krieger

Muslime unter Generalverdacht, Sozialistengefahr aus Südamerika und Irans gefährliche Berge: Die republikanischen Präsidentschaftsbewerber lieferten sich eine TV-Debatte zur Außenpolitik mit einigen Seltsamkeiten. Trotz aller Differenzen gingen sie aber pfleglich miteinander um.

Von , Washington

Newt Gingrich und Michele Bachmann: Innerparteilicher Schongang bei der TV-Debatte
AFP

Newt Gingrich und Michele Bachmann: Innerparteilicher Schongang bei der TV-Debatte


Ein bisschen Gruppendynamik zum Einstieg, zum Warmwerden. Das kann nie schaden. Jeder stellt sich also bitte erstmal vor. "Ich bin Wolf Blitzer", sagt Wolf Blitzer, "und ja, das ist mein echter Name." Blitzer ist der Moderator der CNN-Debatte - und wir sind ruckzuck mittendrin im Kampf der Republikaner um die Präsidentschaftskandidatur.

Diesmal geht es um Außen- und Sicherheitspolitik. Okay, zugestanden, das ist nicht gerade das Paradethema der gegenwärtigen Republikaner-Generation. Aber es lohnt sich trotzdem dranzubleiben. Ehrlich.

Weiter mit der Vorstellungsrunde. "Ich bin Mitt Romney", sagt Mitt Romney, "und ja, das ist mein Name." Ja, lustig. Rick Perry, der breitbeinige Gouverneur aus Texas, der sich in einer der vorhergehenden TV-Debatten partout nicht erinnern konnte, welches Ministerium er eigentlich abschaffen will ("Oops!"), stellt lieber seine Frau Anita vorn in der ersten Reihe vor: "Ich bin ein gesegneter Mann." Herman Cain, der kürzlich seinen ganz eigenen "Oops"-Moment hatte, als ihm nicht einfiel, was so alles in Libyen geschieht ("Okay,... Libyen..."), bekennt sich zu seiner Vergangenheit als Chef einer Pizza-Kette: "Ich bin der Geschäftsmann Herman Cain."

Der nächste Front-Runner, bitte

Ja, und dann kommt Newt Gingrich. Newt Gingrich! Ein paar Jahrzehnte Abgeordneter in Washington, Autor von gut und gerne 25 Büchern, als Sprecher des Repräsentantenhauses in den Neunzigern der große Gegenspieler von Bill Clinton - und jetzt, plötzlich, der Spitzenreiter bei den Republikanern in den Umfragen. Wer hätte das gedacht.

Tatsächlich ist das für alle außer Gingrich eine weitere echte Überraschung in diesem hin- und herwogenden Kampf der Republikaner um die Nominierung. Michele Bachmann war schon vorn, Perry auch und zuletzt Cain. Alle sind sie wieder abgerutscht. Und jetzt ist er dran: Newt Gingrich sei sein Name, und er habe im Herbst 1958 erkannt, dass das nationale Überleben ein wertvolles Studienobjekt sei, sagt Gingrich. Prima, 1958, da war Newt gerade 15.

Gut 54 Jahre später muss er sich bei CNN als Spitzenreiter beweisen. Denn die Fernsehdebatten scheinen diesmal im Vergleich zu früheren Nominierungsschlachten einen höheren Stellenwert einzunehmen. Wer hier scheitert, rutscht in den nationalen Umfragen prompt ab. Und nicht nur das. Die Befragten in den frühen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire folgen diesem Muster. So hat Gingrich dort zwar keine schlagkräftige Vor-Ort-Kampagne aufbauen können, liegt aber in Iowa ebenfalls mit Romney an der Spitze des Feldes.

Gingrich also will an diesem Dienstagabend liefern. Ihm gilt die erste Frage von Wolf Blitzer - und der Spitzenreiter geht in Sachen Terror gleich in die Vollen. Man müsse unterscheiden zwischen normalem Recht für Kriminelle und Fragen der nationalen Sicherheit. In ersterem Fall müsse die Unschuldsvermutung gelten, "aber wenn du jemanden stellen willst, der eine Nuklearwaffe in einer amerikanischen Stadt zünden will, dann musst du jedes mögliche Mittel nutzen".

Hamas und Hisbollah an der US-Grenze

Als daraufhin Ron Paul, der radikal-liberale Senior und Vertreter einer isolationistischen US-Außenpolitik, zu Protokoll gibt, man solle doch bitteschön nicht die Freiheit der Sicherheit opfern - dann könne man ja auch einen Polizisten in jedes Haus setzen -, greift Romney ein. Die USA seien im Krieg: "Verfassung und Strafrecht gelten für Straftäter; aber für jene, die mit uns im Krieg sind, gilt eine andere Art von Recht."

Hart, härter, Republikaner. Keiner der Kandidaten - außer Paul und Obamas früherem China-Botschafter Jon Huntsman - will sich hier lumpen lassen.

Dabei wird sowohl für die republikanische Nominierung als auch im Wahlkampf gegen US-Präsident Barack Obama ein ganz anderes Thema entscheidend sein: die Wirtschaft, die Krise, die Arbeitslosigkeit. Außenpolitik spielt diesmal nur eine untergeordnete Rolle. Dabei haben die Kandidaten doch erstaunlich Skurriles und Unterschiedliches im Angebot.

Differenzen gibt es zum einen in der Frage des Truppenabzugs aus Afghanistan. Während Huntsman die Soldaten so schnell wie möglich zurückholen und damit bei den kriegsmüden Amerikanern punkten will, beharrt etwa Romney auf dem 2014-Zeitplan. Zum anderen ist es die illegale Immigration, die Unterschiede zwischen den Kandidaten deutlich macht. Besonders Gingrich gibt sich liberal, will jenen Illegalen, die schon seit Jahrzehnten in den USA leben, eine Aufenthaltsgenehmigung geben.

Innerrepublikanischer Schongang

Doch offener Streit bricht nie aus. Die Kandidaten vermeiden Wortgefechte, wie man sie in früheren Debatten durchaus beobachten konnte. Es ist eine Diskussion der Nichtangriffs-Krieger: möglichst offensiv in der Aussage, aber im innerrepublikanischen Schongang.

Weiter geht's mit Rick Santorum. Der sehr katholische und sozialkonservative Ex-Senator aus Pennsylvania will bei Flughafenkontrollen eine Zweiklassengesellschaft einführen und tendenziell Verdächtige intensiver kontrollieren: junge, männliche Muslime. Santorum ist es auch, der mit Blick auf Terrorverdächtige bemerkt, dass beim letzten Krieg auf amerikanischem Boden, dem Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten, Präsident Abraham Lincoln ebenfalls Bürgerrechte ausgesetzt hat. Gut zu wissen.

Und, nicht zu vergessen, diese Südamerikaner, Hugo Chávez und Co. "Ich mache mir Sorgen wegen der Ausbreitung des Sozialismus", sagt Santorum, "gerade wegen der Verbindung mit radikalen Islamisten." Zuvor hatte schon Rick Perry erwähnt, dass die Iraner ein besonders großes Botschaftsgebäude in Venezuela unterhalten. Und in Mexiko? Da "arbeiten Hisbollah und Hamas", um in die USA hineinzukommen.

Bergiges Gelände

Herman Cain, den seine Anhänger noch kürzlich - also vor den Vorwürfen der sexuellen Belästigung, vor dem Libyen-Aussetzer - als ersten "Pizza-Präsidenten" im Weißen Haus sahen, hat am Dienstagabend einiges an Offensivgeist zu bieten. Na ja, zumindest zwischenzeitlich.

Was er denn als Präsident tun würde, wenn Israel Iran mit Atomwaffen angreife? Würde er das Land unterstützen? Oder sich raushalten?, fragt Moderator Blitzer. Er würde sich erstmal schlau machen, ob die Israelis einen guten Plan haben, erwidert Cain. Natürlich sei ein Angriff nicht so leicht, weil Iran ja ein sehr bergiges Territorium habe. Aber wenn die Mission klar sei, ja, dann könne man die Israelis unterstützen.

Dann kommt Ron Paul dran, sagt, dass er das nicht tun würde, dass die Israelis selbst auf sich aufpassen könnten und so weiter und so weiter. Jedenfalls genug Zeit für Cain, kurz über die Sache nachzudenken.

Dann meldet er sich nochmal zu Wort. Ein Einsatz in Iran sei doch sehr unwahrscheinlich, das habe er ja bereits gesagt, "wegen des bergigen Geländes".



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Seite 1
SNA 23.11.2011
1. O Weia
Zitat von sysopMoslems unter Generalverdacht, Sozialistengefahr aus Südamerika und Irans gefährliche Berge: Die republikanischen Präsidentschaftsbewerber lieferten sich eine TV-Debatte zur Außenpolitik mit einigen Seltsamkeiten. Trotz aller Differenzen gingen sie aber pfleglich miteinander um. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,799383,00.html
"eine andere Art von Recht"? "bergiges Gelände"? "Hamas in Südamerika"? vertrottelte Folterfans als US-Präsidenten? Gott bewahre!
kupidon, 23.11.2011
2. Roulette
Jede Woche ist ein neuer Kanditat der die Umfragewerte anführt. Kaum ist einer an der Sptize, wird ihm besondere Aufmerksamkeit zuteil und er (sie) versaut es ordentlich mit einer dummen Antwort auf eine einfache Frage. Man kännte dann gleich ein Würfel werfen um den Kanditaten zu bestimmen, sind offensichtlich alle gleich "gut".
Kaworu 23.11.2011
3. Erschreckend
Immer wieder erschreckend aber irgendwie auch amüsant, was sich da bei den Republikanern als Präsidentschaftskandidat aufstellt.
Bins 23.11.2011
4.
Zitat von sysopMoslems unter Generalverdacht, Sozialistengefahr aus Südamerika und Irans gefährliche Berge: Die republikanischen Präsidentschaftsbewerber lieferten sich eine TV-Debatte zur Außenpolitik mit einigen Seltsamkeiten. Trotz aller Differenzen gingen sie aber pfleglich miteinander um. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,799383,00.html
Oh wei. Amerika. Seit dem 9/11 alle Grundsätze über Bord geworfen. Die Bevölkerung kann einem nur leid tun, mit solchen Entscheidungsträgern...
Burger_Meister 23.11.2011
5. ...
Die armen Amis ... Ein ganzes Jahr Wahlkampf. Sowas gehört echt verboten ...
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