Republikaner-Parteitag Umjubelte Vize-Kandidatin geht in die Offensive

Sarah Palin schlägt zurück: Die umstrittene Vize-Kandidatin hat beim Republikaner-Parteitag den Demokraten Obama und die Medien scharf attackiert - danach ließ sie sich demonstrativ im Kreise ihrer Familie bejubeln. Die Partei nominierte sie und McCain mit großer Mehrheit.


St. Paul - Der Jubel kannte keine Grenzen. Sarah Palin stand auf der Bühne, neben ihr Ehemann Todd und ihre fünf Kinder - dabei auch der Freund von Palins schwangerer minderjähriger Tochter Bristol, Levi Johnston. Überraschend trat auch John McCain, der republikanische Präsidentschaftskandidat, auf die Bühne, der eigentlich erst einen Tag später auf dem Parteitag erwartet worden war.

Sie alle genossen bereits minutenlang die Begeisterung, die ihnen entgegenschlug, als McCain den Delegierten und Fernsehzuschauern entgegen rief: "Meinen Sie nicht auch, dass wir die richtige Wahl für die künftige Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten getroffen haben?" Und fügte hinzu: "Was für eine schöne Familie."

Zwei volle Tage lang hatte sich Palin auf ihre Rede vor den Delegierten in Minneapolis-St. Paul im Bundesstaat Minnesota vorbereitet - dann legte sie los. Die 44-jährige Gouverneurin von Alaska griff den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama scharf an und stellte ihn als karriereorientierten Opportunisten dar.

Obama hatte ihr unterstellt, nicht genügend Erfahrung für den Posten der Vizepräsidentin mitzubringen. Sie jedoch bezeichnete ihre frühere Tätigkeit als Bürgermeisterin einer Kleinstadt als verantwortungsvoll. Obama habe dagegen bei seinem Karrierebeginn in Chicago keine wirkliche Verantwortung getragen, argumentierte sie. Während es in der Politik einige Kandidaten gebe, die "Wandel" benutzten, um ihre Karrieren zu fördern, benutze John McCain seine Karriere, um Wandel zu bewirken, sagte Palin mit offensichtlichem Bezug auf Obamas Wahlkampfmotto.

Wegen der breiten Berichterstattung über ihr Privatleben ging Palin auch mit den Medien scharf ins Gericht. An die Adresse ihrer Kritiker in den Medien sagte sie: "Hier ist meine Eilmeldung für all diese Reporter und Kommentatoren: Ich gehe nicht nach Washington, damit sie eine gute Meinung von mir bekommen. Ich gehe nach Washington, um den Menschen in diesem großartigen Land zu dienen."

Zwar schauten ihre politischen Gegner verächtlich auf ihre bisherige Tätigkeiten als Bürgermeisterin eines Dorfes und Gouverneurin von Alaska, sagte Palin, doch diese Arbeiten hätten sie mit der Basis - den Familien - zusammengeführt und seien mit wahrer Verantwortung verbunden gewesen. Sie habe in den vergangenen Tagen gelernt, "dass man, wenn man bei der Washingtoner Elite nicht gut angesehen ist, schon allein aus diesem Grund als Kandidat bei manchen Medien als unqualifiziert angesehen wird". Sich selbst beschrieb sie als "Durchschnittsmama", die zu den Eishockeyspielen ihrer Kinder gehe.

Die Republikaner nahmen die Rede mit Jubel auf - und kürten danach wie erwartet McCain und Palin offiziell als Präsidentschaftskandidaten. Beide bekamen eine große Mehrheit.

McCain verteidigt Palin als erfahrene Politikerin

Palin war nach ihrer Nominierung am vergangenen Freitag zunehmend unter Druck geraten. Medien kritisierten ihre angebliche Unerfahrenheit und die Schwangerschaft ihrer 17-jährigen Tochter und berichteten ausführlich über Vorwürfe des Amtsmissbrauchs.

In einer wenige Woche vor ihrer Berufung gehaltenen Rede bezeichnete Palin den Krieg der USA im Irak als eine "von Gott gegebene Aufgabe". Wie außerdem bekannt wurde, nannte Palin in einem Auftritt vor Theologiestudenten in Alaska den Bau einer 30 Milliarden Dollar teuren Gaspipeline in dem Staat als "Gottes Willen". Sie forderte die Studenten auf, sowohl für die Truppen im Irak als auch für die Verwirklichung des Pipeline-Projekts zu beten. Ein Video von der im Juni gehaltenen Rede in einer Kirchengemeinde in Palins Heimatstadt Wasilla tauchte jetzt im Internet auf.

In einem Interview mit dem Sender ABC stärkte McCain der Gouverneurin von Alaska den Rücken. Er bezeichnete sie als solide Kandidatin für den Vize-Posten. Sie sei für "20 Prozent der Energieversorgung der USA zuständig", sagte er. Palin habe als Bürgermeisterin gearbeitet, und die Wähler in Alaska hätten ihre Arbeit gründlich bewertet. Sie sei außerdem eine fähige Außenpolitikerin, teils weil "Alaska gleich neben Russland liegt". Dagegen seien die Leistungen seines demokratischen Kontrahenten Barack Obama "sehr dürftig".

asc/Reuters/dpa/AP/AFP

Palins politische Positionen
Umwelt
Palin hat in mehreren Interviews klargemacht, dass sie die Erderwärmung nicht als Folge menschlichen Handelns ansieht. Palin befürwortet Ölbohrungen in geschützten Naturgebieten in den arktischen Regionen ihres Heimatstaats Alaska. Unter ihrer Führung hat die dortige Landesregierung Klage gegen den Beschluss der Regierung in Washington eingereicht, den Eisbären auf die Liste der bedrohten Tierarten zu setzen.
Wirtschaft
Palin beschreibt sich selbst als finanzpolitisch konservative Republikanerin und überzeugte Befürworterin der freien Marktwirtschaft. In einer Wahlkampfbroschüre von 2006 schrieb sie: "Die freie Marktwirtschaft ermöglicht allen Beteiligten den Wettbewerb und stellt dadurch sicher, dass die besten und effizientesten Projekte umgesetzt werden. Sie sichert einen fairen und demokratischen Prozess." Als Gouverneurin von Alaska hat sie sich durch strenge Sparpolitik profiliert.
Abtreibung
Palin tritt für ein weitreichendes Verbot der Abtreibung ein. Sie will sie nur dann zulassen, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. In ihrem Gouverneurswahlkampf 2006 sagte sie: "Egal, welche Fehler wir als Gesellschaft machen: Wir können es nicht zulassen, das Leben Unschuldiger zu beenden." Ihr im April geborenes fünftes Kind, das an dem Down-Syndrom leidet, bezeichnete sie als "Geschenk Gottes". Obwohl sie die Diagnose schon während der Schwangerschaft kannte, dachte sie nach eigenen Angaben nie an einen Abbruch.
Bildung
Palin hat sich mehrfach klar gegen Sexualkundeunterricht in Schulen ausgesprochen. Sie befürwortet stattdessen Aufrufe zur Enthaltsamkeit bis zur Ehe. Zudem will sie, dass neben der Evolutionstheorie an Schulen gleichwertig die biblische Schöpfungsgeschichte unterrichtet wird. "Man muss beides lehren", sagte sie in einem Zeitungsinterview. "Eine gesunde Debatte ist wichtig und wertvoll in unseren Schulen."
Waffen
Palin tritt gegen Beschränkungen des Rechts auf Waffenbesitz ein und ist Mitglied der einflussreichen konservativen Waffenlobby NRA. Sie selbst ist Jägerin. In einem Interview mit "USA Today" berichtete sie 2006, ihre Tiefkühltruhe sei "voll mit Wildfleisch, das wir hier in Alaska geschossen haben". Palin begrüßte das Urteil des Obersten Gerichts zum Waffenbesitz: Die Richter hoben darin das seit 32 Jahren gültige, weitreichende Verbot von Feuerwaffen in der Stadt Washington D. C. als verfassungswidrig auf.

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