Aus Tampa, Florida, berichtet Sebastian Fischer
Sie spricht von "Liebe", er von "Respekt". Sie appelliert an die "Herzen" der Zuhörer, er fordert harte "Wahrheiten". Sie lächelt und spricht leise. Er brüllt und ballt die Faust.
Zwei Reden, zwei Welten. So hat es gewirkt. So war es beabsichtigt.
Sie - das ist Ann Romney. Er - das ist Chris Christie. Diesen beiden gehörte die Bühne am ersten Tag der Republikaner-Convention in Tampa, der Krönungsmesse für Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Ehefrau Ann und New Jerseys polternder Gouverneur Chris Christie sollen die zwei größten Probleme von Mitt Romney lösen, seine Defizite ausgleichen.
Zweites Problem: Romney scheint ohne Inhalt. Für was steht der Mann eigentlich? Politisch hat er schon dies und jenes vertreten, siehe seine Volten in Sachen Gesundheitsreform.
So musste also Romney an diesem Dienstagabend in Tampa weicher und kantiger zugleich gemacht werden. Genau das war die Job-Beschreibung von Ann Romney und Chris Christie. Sie mussten den Kandidaten aufpumpen: mit Gefühl und Menschlichkeit einerseits, mit Profil und Härte andererseits. Eine Doppelpackung für den 65-Jährigen.
Die Operation ist den beiden, nun ja, teilweise gelungen.
"Ihr könnt Mitt trauen"
Und das ging so: Ann Romney ist aufgeregt, als sie um kurz nach zehn Uhr abends zur besten Sendezeit des US-Fernsehens die auf Hochglanz gestylte Bühne betritt. Sie trägt ein rotes Kleid, auf einem Dutzend Bildschirmen hinter ihr flimmern Hochzeitsbilder und Jugendfotos des Paares. Die Frau des Kandidaten hüpft ein wenig auf der Bühne. Sie kichert. Sie winkelt beide Arme nach oben an. "Das ist so aufreeeegend", ruft sie den mehr als 2000 Delegierten zu. Es wirkt mädchenhaft. Jedenfalls am Anfang.
Ann Romney wartet nicht mit der Gefühlsinjektion für den Kandidaten. Es geht sofort zur Sache. "Ich werde heute Abend nicht über Politik reden und nicht über die Partei", sagt sie. Stattdessen wolle sie "von meinem Herzen zu euren Herzen" reden, über das Eine, Große, das alle vereine: "Heute Abend will ich über Liebe reden."
Stille im Publikum. Es ging ja auf diesem Parteitag, der gerade begonnen hat, schon ordentlich zur Sache. Romneys Ex-Rivale Rick Santorum hat gesprochen, über Sozialstaat (stutzen!) und Abtreibung (verbieten!). Die Anhänger des radikalliberalen Romney-Gegners Ron Paul haben für ein bisschen Tohuwabohu gesorgt, ihrem Ärger über den Kandidaten Luft gemacht. Sie haben gesagt, hier in Tampa gehe es ja recht mafiös zu. Und dann kommt Ann Romney mit Liebe.
Sie meint das recht umfassend: Ann redet über ihre Liebe zu Mitt, die Liebe zum Land, zu den Kindern und Enkeln. Es geht um Nächstenliebe, um die Mitmenschen: Den alleinerziehenden Vater, der hart arbeitet, um seinen Kindern ein paar Klamotten zu kaufen. Und immer wieder um die Frauen, um die Mütter. Die würden Amerika überhaupt erst zusammenhalten. Dabei sei das Leben härter geworden, das Benzin teurer, die Lebensmittel auch, und so weiter.
Keine Frage, Ann Romney sagt das alles sehr gefühlvoll. Nur: Es passt nicht. Denn in der Familie Romney gab es solche Probleme nie. Mussten sie denn jemals aufs Geld achten? Ann und Mitt stammen beide aus wohlhabenden Familien, sie mussten nie ein Risiko eingehen.
Die Sache mit dem Gefühl funktioniert erst, als Ann Romney wirklich über sich selbst spricht: über ihr Leben mit Multipler Sklerose, den besiegten Brustkrebs. Und über das Vertrauen in ihren Mann, den Kandidaten: "Es mag zwar einige Leute geben, die nicht mit Mitts Politik übereinstimmen. Aber keiner, keiner wird härter arbeiten als Mitt Romney." Großer Jubel. Sie erzählt von Romneys Erfolgen: als Geschäftsmann, als Manager der Olympischen Winterspiele, als Gouverneur von Massachusetts. "Dieser Mann wird nicht scheitern", ruft sie, und: "Ihr könnt Mitt trauen." Es ist ein Versprechen.
Christie hält eine Bewerbungsrede für sich
Doch das war noch längst nicht die volle Dosis Gefühl. Denn jetzt erklingt "My Girl" von der Gruppe "Temptations", und Mitt Romney betritt die Bühne, quasi als Überraschungsgast. Romney präsentiert seine feuchten Augen, küsst die Ehefrau, nimmt sie an der Hand - und ab ins gleißende Licht hinter der Bühne. Kein Wort. Das ist viel Schmalz, viel Kitsch, viel Rührseligkeit - aber die Nummer funktioniert. Es dürfte der größte Jubel sein, den Romney bisher in seinem Wahlkampf eingefahren hat.
Und dann - ohne Übergang, "My Girl" ist kaum verklungen - kommt der Polit-Rabauke Chris Christie, der nicht nur wegen seines Körperumfangs an SPD-Chef Sigmar Gabriel erinnert. Er betritt die Bühne mit geballter rechter Faust. Parteigranden hatten den 49-Jährigen über Monate gedrängt, sich selbst als Präsidentschaftskandidat zu bewerben. Christie ist zurückgezuckt, hat schließlich Romney unterstützt. Dafür darf er nun die "Keynote Address" halten. Es war eine solche Rede, die einen jungen Politiker namens Barack Obama im Jahr 2004 auf dem Parteitag der Demokraten zum Star machte.
Doch Christie hat Startschwierigkeiten. Er redet ein bisschen viel über sich selbst, das Wort "Ich" kommt dauernd vor. Bis zum ersten Mal "Romney" braucht er eine Viertelstunde. Christie redet über seine Erfolge in New Jersey, über das amerikanische Schuldendefizit, über die Regierung, die zu groß sei. Er sagt, seine Mutter habe ihn gelehrt "Respekt" über "Liebe" zu setzen. Was hatte Ann Romney wenige Minuten vorher noch gesagt? Spielt bei Christie keine Rolle.
Nein, der Mann redet nicht über Gefühle. Er redet im Stakkato-Stil über "hart arbeitende" Familien, über die Gegensätze zwischen Republikanern und Demokraten: Wir gegen die. Am Schluss wird Christie besser. Er wird lauter und grundsätzlicher.
Bei Romney weiß die Parteibasis noch immer nicht so recht, woran sie ist - und wofür sie kämpfen soll. Bei Christie weiß sie das sofort. Der Mann ist wütend, er hat einen roten Kopf, er lebt die Politik. "Steht auf, steht auf", ruft er. "Steht mit mir auf für Amerikas Zukunft! Und wenn ihr mit mir für Mitt Romney kämpft, dann kämpfe ich mit euch." Christie ballt die Faust, wie ein Boxer nach einem siegreichen Kampf stapft er über die Bühne.
"Es war eine große Rede", schreibt "Washington Post"-Kolumnist Ezra Klein: "Aber es war eine große Rede für Chris Christie, nicht für Mitt Romney." Hat Christie eine Bewerbungsrede in eigener Sache gehalten? Sicherlich. Doch hat er Romney tatsächlich in den Schatten gestellt? Das bleibt abzuwarten. Für Team Romney war es ja keine Überraschung, was und wie Christie reden würde. Die Regie in Tampa überlässt nichts dem Zufall, jede Rede ist abgesegnet von Romneys Leuten. Wer sich dem nicht beugen will - etwa Renegat Ron Paul - darf nicht reden.
Klar ist: Christie hat die Latte hoch gelegt für Romney. Der muss nun am Donnerstag die Rede seines Lebens halten. Die geeigneten Zutaten jedenfalls haben ihm seine Frau und Chris Christie jetzt schon einmal geliefert.
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