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US-Republikaner Rubio: Der Joker

Aus Manchester und Nashua berichtet

Republikaner Rubio: Schon reif für das Weiße Haus? Fotos
REUTERS

Jung, aggressiv, ehrgeizig: Marco Rubio, Senator aus Florida, könnte die beste Waffe gegen Hillary Clinton sein. Das dämmert nun auch vielen Republikanern. Doch seine Rivalen wühlen in seiner Vergangenheit.

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Stress? Er? Bei den TV-Debatten? Marco Rubio schaut ein wenig ungläubig. "Es gibt wirklich härtere Jobs. Man steht halt zwei Stunden in einem klimatisierten Studio und beantwortet Fragen", sagt er. Kurzes Nachdenken. "Ok, diese CNN-Debatte. Die ging drei Stunden. Danach hätte ich eigentlich einen Whirlpool gebraucht." Er lacht, seine Fans auch, die Stimmung im Saal des Saint Anselm Colleges in Manchester ist bestens.

Es läuft gerade ganz gut für Rubio. Ach, was heißt gut? Es läuft wunderbar. Er ist nach New Hampshire gekommen, eine dieser wichtigen Stationen im Vorwahlkampf. In Manchester und Umgebung hat Rubio fünf Termine in zwei Tagen. Townhall-Meeting, Wirtschaftstreffen, Firmenbesuch, solche Sachen. Die Leute, weiß und jung, strömen zu seinen Veranstaltungen, und Rubio genießt es.

Es ist Mittwochabend, rund dreihundert Menschen quetschen sich in eine Aula der Rivier-Universität in Nashua. Flaggen, Kreuze, Veteranen. Man ist unter sich. Rubio will das neue Amerika beschreiben, aber erst einmal widmet er sich einem immer wiederkehrenden Vorwurf: "Man sagt, ich sei zu unerfahren, ich solle warten", ruft er. "Aber warten worauf? Wir haben eine Energiepolitik aus den Sechzigern, eine Bildungspolitik aus den Siebzigern, ein Steuersystem aus den Achtigern. Wir brauchen jemanden im Weißen Haus, der für die Probleme des 21. Jahrhunderts auch Lösungen des 21. Jahrhunderts anbietet." Ovationen.

Rubio ist 44. Seine Eltern sind kubanische Einwanderer, der Vater Barkeeper, die Mutter Putzfrau. Seit fünf Jahren sitzt Rubio für Florida im Senat in Washington und lange Zeit sah es so aus, als wäre seine Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei nur ein Testlauf für spätere Versuche. Doch seit er kürzlich in einer dieser TV-Debatten seinen ehemaligen Mentor Jeb Bush wie einen Schuljungen hat aussehen lassen, steigt sein Wert.

Rubios Gegner werden nervös

Paul Singer, schwerreicher Hedgefondsmanager aus New York, hat ihm sein Geld versprochen. Ein halbes Dutzend Senatskollegen haben sich für ihn ausgesprochen. Und die Rivalen werden nervös, was ein recht zuverlässiger Indikator dafür ist, dass es gut läuft. "Er ist überschätzt", sagt Donald Trump über Rubio. "Außerdem habe ich noch nie jemanden gesehen, der so sehr schwitzt."

Vielen Republikanern dämmert, dass die Partei mit Rubio womöglich die besten Aussichten aufs Weiße Haus hätte. Wie schwer sich die Basis mit vermeintlich naheliegenden Kandidaten wie Bush tut, haben die letzten Monate gezeigt. Zu viel Vergangenheit, zu sehr Insider.

Videoporträt: Marco Rubio - der Jungstar

AP/dpa

Auch Rubio ist Berufspolitiker, Ecken und Kanten hat er nicht, aber er bringt ein paar Vorteile mit. Sein Familienhintergrund könnte für die so wichtige Wählergruppe der Latinos interessant sein. Er ist konservativ, aber nicht so sehr, dass er die Mitte verschrecken würde. Vor allem könnte er Generationenwechsel verkörpern. Träte Marco Rubio gegen Hillary Clinton an, hätten die Republikaner womöglich ein hübsches Narrativ - neues Amerika gegen altes Amerika. Eine Erzählung, mit der auch Barack Obama schon Clinton schlug.

Viel Pathos

Davon träumen seine Leute. Bis zur Nominierung aber ist es noch ein weiter Weg, das weiß auch Rubio. Die erste Vorwahl ist in drei Monaten, und bis dahin sollten sich die Umfragen bessern. In den meisten Erhebungen ist Rubio inzwischen stabil zweistellig. Doch Trump und Ben Carson, die Lieblinge der Aufmüpfigen in der Partei, sind noch nicht in Reichweite.

Zu Trumps Wahlkampf sagt Rubio wenig. Seine Tonlage soll freundlicher erscheinen, seine Botschaft hoffnungsvoller, seine Ideen vernünftiger. Das Einwanderungssystem will er reformieren, die Bildung erschwinglich machen, Familien entlasten. Rubio inszeniert sich als Kandidat für die Zukunft. Innovation und Wettbewerb, das sind die Stichworte in New Hampshire.

"Wenn ich früher etwas lernen wollte, musste ich in die Bibliothek gehen. Wenn Kinder heute etwas lernen wollen, können sie das in Millisekunden im Internet tun", sagt er in der Aula in Nashua. "Ich glaube, wir haben das beste Jahrhundert in der Geschichte unseres Landes vor uns. Aber wir müssen jetzt handeln, wenn unsere Nation speziell bleiben will." Viel Pathos, das ist Rubios rhetorisches Konzept. Beschwörungen der amerikanischen Einzigartigkeit kommen immer dann gut an, wenn die Menschen im Land verunsichert sind. Die Selbstvergewisserung lindert die Schmerzen, das hat sich Rubio von Trump abgeschaut.

Der nächste Morgen. Rubio besucht eine Rüstungsfirma in einem Vorort von Manchester. Der Chef führt ihn durch die Produktionshallen, neben ihm rollt ein Roboter mit zwei Greifarmen. Leider funktionieren die Bremsen nicht. "Na, die Journalisten kann er ruhig überfahren", scherzt Rubio.

"Putin ist im Grunde ein Gangster"

Die Visite in der Waffenschmiede zeigt seine andere, harte Seite. In der Außen- und Sicherheitspolitik versteht sich Rubio als Krieger. Das Militär will er aufstocken, die Ausrüstung modernisieren. "Die Zeiten, in denen der Opa, der Vater und der Sohn das gleiche Flugzeug flogen, werde ich beenden", ruft er. Die Annäherung an Kuba lehnt er ab, das Atomabkommen mit Iran hält er für die größte Sünde Obamas - und Wladimir Putin? "Der ist im Grunde ein Gangster", sagt er. Das klingt alles reichlich halbstark, aber in New Hampshire kommt es an.

"Yeah!", brüllen seine Anhänger.

Zum Problem für Rubio könnte seine Vergangenheit werden. Sein Umfeld in Miami soll nicht das einfachste sein, Rubios Schwager saß zwölf Jahre im Gefängnis, wegen angeblicher Drogengeschäfte. Und seine Gegner nehmen seine persönlichen Finanzen in den Blick. Im Abgeordnetenhaus in Florida hatte Rubio eine Parteikreditkarte, die ihn dazu verleitet haben soll, berufliche und private Ausgaben nicht immer ganz sauber zu trennen. Trump hat das Thema längst für sich entdeckt. "Rubios Finanzen sind ein Desaster", schimpft er seit Tagen.

In New Hampshire verspricht Rubio, bald die Abrechnungen aus jener Zeit vorzulegen, um das Gegenteil zu belegen. Aber was sagt er zu Trumps Angriffen? "Ich kann nicht auf alle Verrücktheiten von Donald Trump eingehen", so Rubio. "Da hätte ich ja für nichts mehr Zeit."


Zusammengefasst: Lange galt Marco Rubio als zu jung für den Kampf um das Weiße Haus. Doch nun ändert sich die Lage. Der Sohn kubanischer Einwanderer steigt in den Umfragen, die Gegner werden nervös. Im Wahlkampf gibt er sich freundlich-volksnah. Doch tatsächlich ist Rubio ein Hardliner, spricht sich aus für mehr Militärausgaben - und gegen Zugeständnisse für Kuba oder Iran.

Zum Autor
Veit Medick ist seit Februar 2009 Politikredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE und seit August 2015 Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit_Medick@spiegel.de

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insgesamt 73 Beiträge
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1.
Kezman9 07.11.2015
Wieder so ein Falke der von Aussenpolitik und Diplomatie keine Ahnung hat. Mit den Republikanern kommen wir schneller in den 3. Weltkrieg.
2. Voellig ueberfluessig
tailspin 07.11.2015
Die Clinton braucht keinen Rubio, der in der dritten Reihe laeuft, um geschlagen zu werden. Nur sich selbst. Die zutreffende Charakterisierung dieser Person als verlogen und blutruenstig durch Richter Andrew Napolitano laesst nur einen Schluss zu. Sie wird 2016 nicht auf dem Wahlzettel auftauchen. http://www.zerohedge.com/news/2015-11-06/mistress-deception-more-hillary-chronicles
3. Guter Artikel
Togge 07.11.2015
Danke, ein unaufgeregter, unparteiischer Artikel über die Republikaner. Das liest man bei SPON leider viel zu selten.
4. Die Zukunft liegt klar bei den Demokraten
alyeska 07.11.2015
Und nicht bei den ewig gestrigen Republikanern. Die neue Welt braucht kluge Diplomaten und ein weltweites Miteinander und keine Hardliner und Ablehner.
5. Rubio wird überschätz
WestlicheNation 07.11.2015
Wir brauchen kompetente Personen mit Führungsqualitäten und den richtigen Ziele und nicht die hohlen Prinzen.
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