Reservisten-Demo gegen Olmert "Dieser Krieg hatte kein Ziel"

Vor der Knesset in Jerusalem protestieren Reservisten gegen die Kriegsführung der israelischen Regierung im Libanon. Sie fragen nach dem Sinn dieses Feldzuges, werfen den Verantwortlichen Versagen vor und fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Ehud Olmert.

Von Leonie Schultens, Jerusalem


Jerusalem - Ein Zelt nur steht im Rosengarten vor der Knesset. Niemand weiß so genau, wem es überhaupt gehört. Der Besitzer des Parks erlaubt den Reservisten und ihren Unterstützern nicht, die Unterkünfte tagsüber stehen zu lassen. Es gibt aber dennoch genug Anzeichen für die Dauer-Demonstration der Reservisten: Plastikstühle, Planen und Plakate, Tische beladen mit Essen und Getränken. Und etliche Männer und Frauen sammeln sich auf dem Platz gegenüber dem Amtssitz der Regierung.

Organisiert wurde der Protest nach dem Ende des Krieges im Libanon von drei Reservesoldaten: Roni Zweigenbaum, Assaf Davidoff und Lior Dainemarz. Alle drei waren in einer Infanterie-Einheit im Einsatz. Und alle drei kamen enttäuscht, ja sogar entsetzt über ihre Regierung zurück.

Im Rosengarten sitzt auch Giddi Celman. Der 33-jährige Reservist, der selbst nicht im Libanon-Krieg war, steht Journalisten Rede und Antwort. Als wäre er seit Jahren ein Medienprofi erläutert er den Standpunkt der "Miluimnikim" (Hebräisch für Reservisten): "Es gibt drei Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass der Krieg verloren wurde und die Kämpfe so schlecht geplant waren. Das sind Premierminister Olmert, Verteidigungsminister Perez und Generalstabschef Halutz. Diese Männer müssen ihre Büroschlüssel auf den Tisch legen und nach Hause gehen."

Kein einziges Kriegsziel sei erreicht worden, erklärt Celman. "Die entfürten Soldaten sind nach wie vor in den Händen der Hisbollah, der Norden unseres Landes wird immer noch von Raketen bedroht, und die Zivilisten, die dort leben, wurden vernachlässigt. Niemand hat sich um sie gekümmert."

Die Reservisten verlangen, dass eine Kommission die Kriegsführung untersucht. "Nicht eine wie Olmert sie jetzt eingesetzt hat", sagt Celman. "Der Mann, der für das ganze Malheur verantwortlich ist, will jetzt ein unparteiisches Gremium installieren? Dass ich nicht lache! Nein, wir verlangen eine Kommission, die unserem Staatsgericht unterliegt."

Viele Israelis beschuldigen die Reservisten, ein politisches Forum für die rechten Parteien und die Siedler zu sein. Und tatsächlich, ein paar Meter von dem Zeltplatz der "Miluimnikim" stehen Zelte der religiösen Rechten.

Giddi Celman bestreitet die Vorwürfe. "Hier gibt es keine und doch alle politischen Meinungen. Die Geschichten über die angebliche Unterstützung der Rechten für unsere Demonstration wurden von Olmerts Medienleuten in die Welt gesetzt. Wir erlauben keiner politischen Partei, uns Gelder zukommen zu lassen."

Die Reservisten bekämen ihre Unterstützung von der Zivilbevölkerung ganz allgemein. "Gestern kam sogar ein Bus mit alten Damen. Die konnten kaum die Treppen in den Garten steigen und sprachen auch kein Wort Hebräisch. Sie waren einfach nur hier, um Beifall zu klatschen."

Im Schatten eines Baumes sitzt Avner Pieperberg auf dem Rasen. Auch er trägt wie fast alle im Rosengarten ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "Olmert, Perez, Halutz, übernehmt die Verantwortung." Auf der Rückseite heißt es: "Bis hierher und nicht weiter!"

Pieperberg ist Fallschirmjäger. Er war im Libanon. Eie die anderen Reservisten verlangt er den Rücktritt des Regierungstrios Olmert, Perez und Halutz. "Ich bin nur Reserve-Soldat, ansonsten bin ich Geschichtenerzähler und mache Puppentheater. Laut unseren Gesetzen darf mich die Regierung zwar zum Armeedienst rufen. Aber ich möchte, dass sie wissen, was sie tun. In diesem Krieg gab es einfach kein Ziel."

Krieg sei "wie ein Schachspiel", sagt Pieperberg. "Wenn man die Dame einsacken will, muss man strategische Züge machen. In diesem Krieg gab es einfach keine Strategie. Bis heute weiß ich nicht, was wir für Ziele hatten, was die Aufgabe meiner Einheit war."

Dann gibt er ein Beispiel: "Im Libanon sollten wir den Ort Reshef übernehmen. Auf dem Weg haben wir im Ort Debel Halt gemacht. Da saßen wir nun und bekamen keine weiteren Anweisungen. Alles lief viel zu langsam. Wir sollten während der Nacht ein Haus übernehmen. Aber unser Hauptquartier gab uns keine genaue Anweisung. Als schließlich der Morgen graute, wurde uns gesagt, wir sollten einfach in das erste Haus des Dorfes gehen. Strategisch gesehen eine völlige Fehlentscheidung. Das Haus lag direkt unter einem Hügel – total einfach zu beschießen."

Schließlich seien sie ins das Haus vorgerückt. "Hundert Leute verteilt auf zwei Stockwerke. Wir mussten eine Tür einrammen. Der Lärm hat uns wohl verraten. Nachmittags schlug dann eine Hisbollah-Rakete ein. Neun Soldaten starben, 30 wurden verletzt", berichtet er. "Stundenlang haben wir auf die Order für die Evakuierung gewartet. Aber wieder hat sich das Hauptquartier Zeit gelassen, die Toten und Verwundeten zurück zu bringen."

Heute werden sich alle Demonstranten des Rosengartens auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv einfinden. Dort wollen sie zusammen mit den Familien der entführten Soldaten Gilad Schalit, Ehud Goldwasser und Eldad Regev die Regierung auffordern, sich für deren Freilassung einzusetzen.



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