Rettung der Minenarbeiter Glückauf für Chile

Chile feiert das "Wunder von San José": Mit Freudengesängen, Tränen und Hupkonzerten bejubeln die Menschen die Rettung der Minenarbeiter. Mittendrin im Glückstaumel ist Präsident Sebastián Piñera. Er gibt sich volksnah und staatsmännisch zugleich - und weiß die Euphorie zu nutzen.

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Sie sind gerettet. Alle 33 Bergarbeiter haben die Erdoberfläche erreicht. Männer, von denen man nur fahle, ausgezehrte Gesichter auf Videoaufnahmen kannte, stehen plötzlich zwischen jubelnden Massen. Die Welt feiert sie, Glückwünsche aus weit entfernten Ländern erreichen die Kumpel der chilenischen Mine "San José", selbst der Papst schickt Grüße (siehe Zitate-Strecke in der linken Spalte). Sirenen heulen, Luftballons in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau steigen in den Himmel.

In der nahegelegenen Stadt Copiapó, aus der viele der Bergarbeiter stammen, mussten die Schüler nicht zum Unterricht erscheinen. Der Bürgermeister hatte ihnen freigegeben, damit Eltern und Kinder "in der Wärme ihres Hauses" vor dem Fernseher die Rettung verfolgen können.

Sie sehen ein Happy End - nach monatelangem Bangen und Warten, das von den 1500 Medienleuten, die an der Mine campieren, begleitet wurde. Mehrere Filme sollen geplant sein, der spanische Schauspieler Javier Bardem gilt als Wunschkandidat für die Hauptrolle.

Chile bejubelt seine Helden, und mittendrin ist Präsident Sebastián Piñera. Er steht ganz vorne am Rettungsschacht, mit roter Jacke und weißem Helm. Er umarmt jeden Bergarbeiter, der oben ankommt. Er legt den Arm um die weinende Freundin eines Mannes, der gerade nach oben gebracht wird, und tätschelt den Kopf eines Sohnes. Er klatscht, er strahlt, er singt mit, als die Menschen am Schacht "Chi Chi Chi Le Le Le" brüllen.

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Rettungsaktion: "Willkommen, Helden von Chile"
Chile scheint geeint, vielleicht auch nur für kurze Zeit. Piñera lobt "Geschlossenheit, Mut und Durchhaltevermögen" der Bergarbeiter. Es ist ein guter Moment für staatsmännische Worte: Der Reichtum des Landes sei "nicht Kupfer, sondern die Minenarbeiter". Da steht der Präsident schon mehr als 14 Stunden am Rettungsschacht.

Piñera hat die Rettung der 33 Männer zur Chefsache gemacht, entgegen den Bedenken seiner Minister. Das vergessen seine engsten Berater nicht, den Journalisten zu vermitteln. Der Präsident habe sich persönlich für die Kumpel eingesetzt und einiges riskiert. Und er hat gewonnen.

Das "Wunder von Chile", es hätte auch eine Tragödie werden können. Aber "wir haben geschworen, niemals aufzugeben, und wir haben das gehalten", sagt Piñera. Das gilt - glaubt man den Berichten - vor allem für ihn selbst. Täglich soll er sich über den Zustand der Bergarbeiter informiert haben, über Fortschritte bei den Rettungsarbeiten, die chronischen Krankheiten bis hin zu den Zahnschmerzen eines Eingeschlossenen.

Mehrmals reiste der Präsident zur Mine. Der konservative Politiker hat mit den Angehörigen gesprochen, er hat Anteil gezeigt an dem Schicksal der Menschen, die häufig sehr arm sind. Das hat ihm Respekt eingebracht - und ihn populär gemacht. In mehreren aktuellen Umfragen liegt seine Beliebtheit bei mehr als 50 Prozent. Das Institut Cerc sieht Piñera - dem nachgesagt wird, oft auf Umfragewerte zu schielen - bei einer Zustimmung von 57 Prozent. "Was als mögliche Tragödie begann, hat sich als wahrer Segen herausgestellt", hat er selbst erst vor wenigen Tagen gesagt.

Der Präsident weiß die Euphorie um die Rettung der Kumpel zu nutzen - und sich in Szene zu setzen. Er war jahrzehntelang ein wichtiger Geschäftsmann, er gilt als "hyperaktiv und intelligent" und als guter Krisenmanager. Schon als Piñera im März den Amtseid ablegte, wackelte die Erde; ein Nachbeben nach den verheerenden Erdstößen, die das Land im Februar erschütterten und bei denen 700 Menschen getötet wurden.

Das nächste nationale Unglück folgte im August - in der Mine San José. Piñera selbst hielt am 22. August das erste Lebenszeichen der eingeschlossenen Männer in die Kameras: "Uns geht es gut in dem Schutzraum. Die 33." Er stand im Staub der Atacama-Wüste, und nicht wenige um ihn herum vermuteten, die Nachricht sei schon Stunden vor dem Eintreffen des Staatschefs angekommen.

Als 52 Tage später die Rettungskapsel in die Tiefe gelassen wurde, zeigte das Fernsehen Bilder des Präsidenten, der betet und sich bekreuzigt. Für die Rettung des bolivianischen Bergmanns hat er Evo Morales eingeladen, Boliviens Staatschef. Es ist ein Fest für Chile, und es ist perfekt.

Piñera müsse aber achtgeben, dass er dieses "einwandfreie Bild" nicht zerstöre, das "vermutlich in die Annalen der Geschichte eingeht", warnt Lateinamerikaexperte Patricio Navia von der Universität New York. Der Präsident dürfe jetzt nicht mit den Geretteten um die Aufmerksamkeit der Medien buhlen, sondern müsse die allgemeine Freude nutzen, um die Arbeit seiner Regierung voranzutreiben.

In Santiago kursiert "La Tercera" zufolge wohl eine ähnliche Einschätzung. Der Umgang mit dem Minenunglück und dem Erdbeben seien Symbole "der neuen Form des Regierens", so Quellen aus dem Präsidentenpalast, "das soll bei der Rettung deutlich werden - ohne dass der Präsident sich zu sehr in den Vordergrund drängt".

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Chiles Präsident Piñera: Konservativer, Kumpel, Milliardär



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
kaiserjohannes 13.10.2010
1. .
Heute sah die chilenische Heimat, wie 33 ihrer Kinder zum zweiten Mal das Licht der Welt erblickten. Ernährt über Monate durch eine metallischen Nabelschnur und geboren vor aller Augen, stehen die Todgeglaubten und sehen hinab ins Grab, das zum fruchtbaren Mutterschoß geworden ward. Viva Chile!
Lando 13.10.2010
2. Wirklichkeit und Film treffen aufeinander, grandios
Zitat von sysopChile feiert das "Wunder von San José": Mit Freudengesängen, Tränen und Hupkonzerten bejubeln die*Menschen die Rettung der Minenarbeiter. Mittendrin im Glückstaumel ist Präsident Sebastián Piñera. Er gibt sich volksnah und staatsmännisch zugleich - und weiß die Euphorie zu nutzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722967,00.html
Wusste gar nicht, dass hinter dem Ozean ein so diszipliniertes, durchorganisiertes Land existiert. Bin schwer beeindruckt von der chilenischen Sorge um seine Minenarbeiter. Kosten werden nicht gescheut. Dort richtet man seine Augen in alle Welt nach Experten und weiß diese Hilfe zu koordinieren. Warum so herablassend von "Euphorie zu nutzen" reden?! Der Präsident kann stolz auf das sein, was seine Landsleute, die Bergwerkarbeiter, tapfer (diszipliniert)ertragen und kann stolz auf die anderen Landsleute sein, die Hilfe aus ALLER Welt so "undramatisch" wie am Schnürchen zu nutzen verstehen. Einfach vorbildlich.
der_Tobi, 13.10.2010
3. .
Bei seinem Einsatz für die Minenarbeiter hat der Präsident offenbar ein bißchen gepokert: das Risiko, seinen Namen mit einer tragisch gescheiterten Rettungsaktion zu verbinden, gegen die Chance, seinen Namen mit einer triumphal geglückten Mission zu verbinden. Dass er jetzt jedem der Befreiten persönlich die Hand gibt und sich über gute Umfragewerte freut, kann man ihm nicht ernsthaft übel nehmen.
Ernst August 13.10.2010
4. Die Rettungschau
Zitat von kaiserjohannesHeute sah die chilenische Heimat, wie 33 ihrer Kinder zum zweiten Mal das Licht der Welt erblickten. Ernährt über Monate durch eine metallischen Nabelschnur und geboren vor aller Augen, stehen die Todgeglaubten und sehen hinab ins Grab, das zum fruchtbaren Mutterschoß geworden ward. Viva Chile!
Chi, Chi, Chi - le, le, le... Ein Blick auf die politische Landkarte Südamerikas zeigt warum CNN und Co. in gleichen Fall niemals aus Venezuela oder Bolivien diese peinliche Rettungschau (bitte plumpe Anngriffe zu unterlassen: Berichten: JA. Freude Ja! Durchsichtige nationalistische Politschau rund um die Uhr: NEIN) bringen würden. Chi, Chi, Chi - nee, nee, nee...
zzipfel 13.10.2010
5. Das genaue Gegenteil von "Wunder" - nämlich
Zitat von sysopChile feiert das "Wunder von San José": Mit Freudengesängen, Tränen und Hupkonzerten bejubeln die*Menschen die Rettung der Minenarbeiter. Mittendrin im Glückstaumel ist Präsident Sebastián Piñera. Er gibt sich volksnah und staatsmännisch zugleich - und weiß die Euphorie zu nutzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722967,00.html
offenbar gute Planung und gute Fachleute, die bei der Rettungsaktion das Sagen haben. Glauben und anerkennen Journalisten nicht gute menschliche Leistung sondern eben nur "Wunder"? Wie töricht.
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