Von Nicola Abé
An dem Tag, an dem Azza Helal Suleiman zur Heldin wurde, erlitt sie einen Schädelbruch, einen Schnitt unter dem Auge, Prellungen an Armen und Beinen, schwere Blutungen. "Sie wird sterben", sagten die Ärzte.
Es war der 18. Dezember 2011, Azza Helal Suleiman, 49, war zum Tahrir-Platz gefahren mit einer Gruppe von Freunden. "Das Militär jagte uns", erzählt sie, "wir rannten."
Dann sah sie das Mädchen. Sie kannte es, so wie sie die Gesichter kannte jener Menschen, mit denen sie seit Monaten auf dem Platz stand, um zu protestieren - erst gegen Diktator Husni Mubarak und nun gegen den Militärrat. Jene Menschen, mit denen sie sich Essen, Wasser und Hoffnung teilte.
Die Soldaten schleiften das Mädchen über den Asphalt, dabei entblößten sie ihren Körper, den blauen BH. Die Soldaten prügelten mit Stöcken auf das Mädchen ein, traten mit Stiefeln gegen ihren nackten Brustkorb.
Azza Helal Suleiman dachte nicht nach, sie rannte, um das Mädchen zuzudecken. "Warum tut ihr das?", schrie sie. Sekunden später lag sie selbst auf dem Boden. Soldaten prügelten mit Stöcken auf sie ein, traten mit ihren Stiefeln.
"Diese Revolution hat uns gleich gemacht, Männer wie Frauen", sagt Azza Helal Suleiman, "denn wir alle können sterben."
Wie sie hatten Tausende Ägypterinnen im vergangenen Jahr ihre Jobs gekündigt oder ihr Dasein als Hausfrau aufgegeben, um ein Teil der Revolution zu werden. Frauen hatten im Internet zum Widerstand aufgerufen. Sie protestierten auf dem Tahrir-Platz an der Seite der Männer. Einige von ihnen starben als Märtyrerinnen.
Ein Jahr später sieht es aber so aus, als seien Frauen die großen Verliererinnen der Revolution.
"Sie wollen Frauen systematisch von der Macht fernhalten"
Die Gewalt gegen Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz hat die Welt schockiert. Es gab Übergriffe auf Journalistinnen und öffentliche Demütigungen, zum Beispiel die von Militärangehörigen an 17 Mädchen durchgeführten Jungfrauentests. Für die Opfer folgte die gesellschaftliche Ächtung.
Nach den ersten demokratischen Wahlen sind die Frauen nun auch politisch marginalisiert.
98 Prozent der Abgeordneten im neu gewählten Parlament werden Männer sein, nur zwei Prozent der Abgeordneten Frauen. Eine Quotenregelung, wonach mindestens zwölf Prozent aller Parlamentarier weiblich sein mussten, war vom regierenden Militärrat vor den Wahlen abgeschafft worden.
"Sie wollen Frauen systematisch von der Macht fernhalten", sagt Nawal al-Saadawi, Ägyptens prominenteste Feministin, "das gilt sowohl für den Militärrat als auch für die Islamisten."
Liberale Kräfte setzten sich bei den Wahlen nicht durch, stattdessen wurde die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit der islamistischen Muslimbrüder mächtigste Gruppe im neuen Parlament, zweitmächtigste die Nur-Partei der Salafisten. Auf beide zusammen entfallen rund 70 Prozent der Mandate. Beide propagieren ein patriarchales Familienbild und erzkonservative Geschlechterrollen. Während die Salafisten der Meinung sind, dass Frauen im öffentlichen Leben keinerlei Rolle spielen sollten, gibt es bei den Muslimbrüdern zumindest eine Frauenorganisation, die Muslimschwestern.
Doch innerhalb der Bruderschaft haben sie kaum Einfluss, aus den wichtigen Führungsgremien sind sie ausgeschlossen. "Frauen sollten nicht demonstrieren, das ist gegen ihre Würde", soll eine ihrer Anführerinnen unlängst gesagt haben.
Arwa al-Tawil, 21, war bis vor ein paar Monaten selbst eine Muslimschwester. Sie warb in ihrem Blog für die Bruderschaft, träumte davon, in die Politik zu gehen und einmal im Parlament zu sitzen.
"Kurz nach der Revolution bin ich ausgestiegen", erzählt die junge Frau, die Kopftuch trägt und eine Abeya, die die Form ihres Körpers gänzlich verhüllt. Kritisieren will sie die Muslimbrüder nicht, deshalb erklärt sie auch deren Frauenpolitik mit dem offiziellen Argument: "Frauen sind oft schlechter qualifiziert als Männer", sagt sie, "deswegen standen sie auf den Wahllisten weiter unten und konnten nicht gewählt werden."
Doch Arwa al-Tawil ist enttäuscht. Und sie ist nicht die Einzige: Viele junge Ägypter und Ägypterinnen sind nach der Revolution im Januar aus der Bruderschaft ausgetreten. "In der Politik gibt es keine Regeln. Die Menschen verraten ihre Prinzipien", meint Tawil.
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