Revolutionäre in Kairo "Viel geschafft und noch mehr vor uns"

Sie waren dabei, als die Ägypter ihr Regime stürzten: Bilal vom Tahrir-Platz ist jetzt TV-Talker; Ahmad, der den Wasserwerfern trotzte, gründet eine Hilfsorganisation; Ali, der sein Viertel gegen Mubaraks Schläger verteidigte, arbeitet in Kairos Glitzerwelt. Die Revolution, sagen sie, ist noch nicht vorbei.

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash

AP/ Egyptian State TV

"Ich bin frei." In quietschroten Lettern steht die Botschaft an einen Betonpfeiler gepinselt, an einer der Straßen, die zum Tahrir-Platz in Kairos Zentrum führen. Wer genau hinsieht, begegnet dem Schriftzug immer wieder: Versteckt zwischen Graffiti an der Mauer der Universität etwa, oder neben einer Ramadan-Laterne im Türrahmen eines Cafés.

Es gibt andere Slogans, die allgegenwärtig sind an Kairos Wänden, "Wir machen weiter", "Revolution bis zum Sieg", aber keiner sonst bringt so auf den Punkt, was sich in Ägypten seit dem Fall des ewigen Präsidenten Husni Mubarak nach einem 18-tägigen Aufstand am 11. Februar verändert hat. Wo früher nur heimlich über Politik geredet werden konnte, diskutieren Männer und Frauen jeden Alters heute ohne Angst. "Ägyptens letzter Pharao" schrieben die Zeitungen unter das Bild, das Mubarak im Gerichtssaal zeigt, wo am Mittwoch der Prozess gegen ihn begann - früher wäre man dafür in den Knast gegangen.

Bilal Diab ist einer von denen, die ihren Teil dazu beigetragen haben. Am 25. Januar, als die Revolution mit einer Kundgebung am Tahrir-Platz begann, war der heute 24-Jährige dabei. Am 28. Januar, dem Tag, an dem die Demonstranten den zum Symbol des Aufstands gewordenen Platz nach einer Räumung zurückeroberten, war Bilal schon so heiser, dass man ihn kaum verstehen konnte. Wie in Trance lief er über den Platz, glückselig, erschöpft, voller Hoffnung. Obwohl da noch gar nicht sicher war, dass die Revolutionäre siegen würden.

"Wir bauen den neuen Staat auf"

Heute, ein gutes halbes Jahr später, strahlt Bilal immer noch. Nach dem Ramadan-Fastenbrechen sitzt er mit Freunden auf Plastikstühlen in einem Straßencafé. Der Mubarak-Prozess ist das Thema an diesem Tag. "Unglaublich", sagt Bilal. "Ich saß vor dem Fernseher und konnte nicht fassen, dass er da wirklich als Angeklagter auftaucht."

Bilal Diab ist trotz seiner Jugend ein Prominenter. Schon 2008 hatte er auf sich aufmerksam gemacht, als er den damaligen Premier bei dessen Besuch an einer Hochschule öffentlich bloßstellte; anschließend wurde er in Talkshows eingeladen. Seit ein paar Monaten ist er nun selbst Talkshow-Host, bei einem neu gegründeten TV-Sender. In einer anderen Sendung geht er als Reporter auf die Straße und spürt Missständen nach.

Denn Missstände gibt es natürlich auch im neuen Ägypten. "Wir sind noch am Anfang", sagt Bilal. "Wir bauen den neuen Staat gerade erst auf. Der nächste Schritt müssen freie Wahlen sein."

Undurchsichtiger Militärrat

Nach Mubaraks Abdankung übernahm ein Militärrat die Macht im Land. Anfangs wurde die Armee bejubelt. Seither ist das Verhältnis abgekühlt. Die Generäle sehen sich zwar als Sachwalter der Revolution, schreckten aber nicht davor zurück, Demonstranten vor Militärtribunale zu stellen. Bilal, seine Freunde und viele andere liefen darum immer wieder zum Tahrir-Platz: Um die Armeeführung daran zu erinnern, in wessen Namen sie übergangsweise und bis zu den Wahlen regiert. Wann der Urnengang stattfindet, ist noch immer unklar.

Bilal und seine Freunde, die allesamt politischen Bewegungen angehören, die auf dem Tahrir-Platz geboren wurden, sind trotzdem optimistisch. "Wir werden niemals wieder ein Regime haben wie vorher", sagt der Künstler Tarik Hassanein. "Die Freiheit, die wir erkämpft haben, kann uns keiner mehr nehmen. Jetzt geht es darum, was wir mit ihr anfangen - das ist politische Schwerstarbeit."

Für Bilal besteht diese Arbeit einstweilen darin, sich zu seinem nächsten Termin zu verabschieden - ein Interview mit einem Satellitensender. Eine halbe Stunde später erscheint sein Gesicht auf den TV-Bildschirmen, die der Cafébesitzer aufgestellt hat. Seine Freunde jubeln Bilals Konterfei zu.

"Wir brauchen ein ziviles Gegengewicht"

Der Tag, an dem die Demonstranten den Tahrir-Platz zurückeroberten, war auch für Ahmad Fahmy ein besonderes Datum. Er verbrachte einen großen Teil des 28. Januar auf einer der Nilbrücken, deren Verlängerung auf den Platz führt. Stundenlang lieferten sich Polizei und Revolutionäre dort eine Schlacht - mal trieben die Demonstranten die schwarzgekleideten Uniformierten vor sich her; mal schossen diese Salven mit Tränengas und drängten sie zurück. Erst als es dämmerte, gelang der Durchbruch. Die Bilder dieses Moments sind historisch.

Die Monate danach, sagt Ahmad, "waren physisch und psychisch anstrengend". Immer wieder mussten die Prinzipien der Revolution klargestellt werden - in zahllosen Diskussionen, aber auch auf dem Tahrir-Platz.

Die Armee sendet derzeit Signale in alle Richtungen. Mit der Prozesseröffnung gegen Mubarak erfüllte sie eine Forderung der Demonstranten. Kurz zuvor ließ sie allerdings ein Zeltlager von Demonstranten auf dem Tahrir-Platz stürmen - ein Signal an jene Ägypter, die sich nach Ruhe sehnen.

Ahmad beobachtet diese Entwicklungen sehr genau. Ihm ist wichtig, dass so viele Ägypter wie möglich mitgenommen werden. Deshalb stört es ihn, dass die ungeklärte Rolle der Armee ein "Halb-Tabu" ist. "Wir brauchen ein starkes ziviles Gegengewicht", sagt er.

"Ich will auf Mubaraks Grab pissen"

Trotzdem hat er sich keiner politischen Gruppe angeschlossen. Stattdessen baut Ahmad mit Gleichgesinnten eine Nichtregierungsorganisation auf, die in die Slums geht und politische Bildung anbietet. "Dort herrscht Hunger, auch nach politischer Information", sagt Ahmad. Sie sprechen über Gewaltenteilung und staatliche Institutionen, aber Ahmad ist wichtig, dass die Beziehung wechselseitig ist: "Wir lernen dabei auch, worauf es wirklich ankommt."

Ahmad ist einer von denen, die nachdenklich sind und weit nach vorne schauen, der sich etwa fragt, wie eine Aufarbeitung des alten Regimes aussehen könnte. Trotzdem ist auch er beseelt, wenn er an die Tage der Revolution denkt. "Wir sind auf einem guten Weg", findet er.

Ein paar Taxi-Minuten vom Tahrir-Platz entfernt stehen die "Nile City Towers", zwei Bürotürme mit atemberaubenden Blick über die Metropole Kairo. "Stimmt, toller Blick", sagt Ali, der hier im 23. Stock arbeitet. "Aber schau genau hin: Da siehst du Slums - und daneben Nobelrestaurants."

Ali mag in Kairos Glitzerwelt für einen internationalen Konzern arbeiten, er kennt die Realität der meisten Ägypter trotzdem gut. Er lebt in einem heruntergekommenen Viertel nahe dem Flughafen. Ende Januar, als Mubaraks Schläger nächtelang plünderten, stellten die Männer in Alis Straße eine Bürgerwehr auf. Sie errichteten brennende Barrikaden. Ali musste abends oft in der City arbeiten, ständig rief er zu Hause an und fragte, ob es seiner Frau und seiner Tochter gutgehe. "Ich hab nur einen Wunsch: auf Mubaraks Grab pissen", sagte er damals.

Die soziale Frage

Heute lacht er darüber. Nicht weil er seinen Frieden mit Mubarak gemacht hätte - sondern weil dieser keine Gefahr mehr ist. Doch weil Ali auch arme Ägypter kennt, weiß er, wie vielen von ihnen "die Revolution egal ist" - und wie vielen es schlechter geht als vorher.

Die Wirtschaft schwächelt. Die Touristen bleiben weg. Die soziale Frage, ein Anlass für die Revolution, wird vom Militär weitgehend ignoriert. "Ich hoffe, dass eine gewählte Regierung andere Prioritäten setzt", sagt Ali. "Wir haben Unglaubliches erreicht, aber es liegt noch viel mehr vor uns."

Kairo ist, 175 Tage nach Mubaraks Sturz, eine politische Baustelle, ein Provisorium. Konflikte deuten sich an: Wie umgehen mit den aufstrebenden Islamisten? Welche Rolle wird das Militär für sich reklamieren? Wie soll die Verfassung aussehen? Niemand weiß, wie ernst diese Probleme noch werden.

Aber ebenso ist Kairo auch eine einzige Polit-Party, ein Millionen-Salon, in dem ständig diskutiert wird. Die Revolution ist nicht abgeschlossen, sie ist keineswegs perfekt - aber für die, die sie angestoßen haben, ist sie auch kein Grund zur Resignation.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
ogniflow 05.08.2011
1. Pharao
Ich befürchte schon in 2 Jahren werden sich die Ägypter nach der "schreckilichen Terrrorzeit" unter dem "Diktator" Mubarak zurücksehnen. Für Tunesien gilt dies bereits jetzt, die einzige reelle Einnahmequelle Tourismus liegt am Boden, Freiheit macht nicht satt. Man wird sich radikalisieren, es kommt zum Bürgerkrieg und dann wird jeder, der es schafft, nach Europa rübermachen. Arabischer Frühling - beendet!
RagabAbdelaty 05.08.2011
2. Die Ägypter verdienen noch mehr
Die Ägypter haben lange Zeit wegen der Korruption der Regierung gelitten. Auch der Westen dachte Tag und Nacht nur an die Sicherheit Israels und machte deswegen das Auge gegen Mubaraks Autokratie zu gemacht. Jetzt müssen die Ägypter ihr Land demokratisieren und sich wenig Hoffnung auf den Westen haben. Die Ägypter verdienen eine bessere Zukunft und können es auch schaffen. Das braucht zwar einige Jahre, aber ist nie unmöglich; wer die Pyramiden bauen konte, kann jetzt ein neues starkes Ägypten bauen.
kyon 05.08.2011
3. Seifenblase vor dem Platzen
Zitat von sysopSie waren dabei, als*die Ägypter ihr Regime stürzten: Bilal vom Tahrir-Platz ist jetzt TV-Talker; Ahmad, der den Wasserwerfern trotzte, gründet eine Hilfsorganisation; Ali, der sein Viertel gegen Mubaraks Schläger verteidigte, arbeitet in Kairos Glitzerwelt. Die Revolution, sagen sie, ist noch nicht vorbei. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778500,00.html
Arme junge Männer. Die haben immer noch nicht begriffen, dass sie ihre Schuldigkeit getan haben und sie jetzt gehen können. Andere lachen sich ins Fäustchen und werden von dem Aufstand profitieren. Erreicht zu haben , dass die religiösen Parteien demokratisch an die Macht gekommen sind, dürfte für die jungen Männern nicht die Erfüllung ihrer Träume sein. Zur Demokratie gehört auch die Freiheit; die gibt es aber nur ohne den Islam und nicht mit ihm.
ThomasPr, 05.08.2011
4. .
Zitat von ogniflowIch befürchte schon in 2 Jahren werden sich die Ägypter nach der "schreckilichen Terrrorzeit" unter dem "Diktator" Mubarak zurücksehnen. Für Tunesien gilt dies bereits jetzt, die einzige reelle Einnahmequelle Tourismus liegt am Boden, Freiheit macht nicht satt. Man wird sich radikalisieren, es kommt zum Bürgerkrieg und dann wird jeder, der es schafft, nach Europa rübermachen. Arabischer Frühling - beendet!
Oh je, für diese Wahrheit wird Ihnen die politisch korrekte Gutmenschenszene hier im Forum ganz gehörig eine verbale Ohrfeige verabreichen.
ThomasPr, 05.08.2011
5. .
Zitat von RagabAbdelatyDie Ägypter haben lange Zeit wegen der Korruption der Regierung gelitten. Auch der Westen dachte Tag und Nacht nur an die Sicherheit Israels und machte deswegen das Auge gegen Mubaraks Autokratie zu gemacht. Jetzt müssen die Ägypter ihr Land demokratisieren und sich wenig Hoffnung auf den Westen haben. Die Ägypter verdienen eine bessere Zukunft und können es auch schaffen. Das braucht zwar einige Jahre, aber ist nie unmöglich; wer die Pyramiden bauen konte, kann jetzt ein neues starkes Ägypten bauen.
Nun ja, die Pyramiden wurden nicht gerade in demokratischer Einigkeit gebaut. Da war einer, der sagte es wird gebaut. Und da waren andere die mußten bauen.
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