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Reykjavik: Polit-Clown siegt bei Kommunalwahl

Aus Reykjavik berichtet Henryk M. Broder

Jon Gunnar Kristinsson ist Komiker - und womöglich der neue Bürgermeister von Reykjavik: Seine Spaßpartei hat bei den isländischen Kommunalwahlen in der Hauptstadt auf Anhieb die meisten Stimmen geholt. Dabei hat seine Partei nicht einmal ein Programm.

Wahlsieger Jon Gunnar Kristinsson: Rote Karte für isländische Politiker Zur Großansicht
Henryk M. Broder

Wahlsieger Jon Gunnar Kristinsson: Rote Karte für isländische Politiker

Die "Besti flokkurinn" des isländischen Komikers Jon Gunnar Kristinsson wurde bei den Wahlen zum Reykjaviker Stadtparlament stärkste Partei. Mit 35 Prozent der Stimmen wird sie sechs der 15 Sitze belegen, gefolgt von der konservativen Unabhängigkeitspartei mit 33 Prozent der Stimmen und fünf Sitzen. Die Sozialdemokraten werden mit 19 Prozent drei Stadträte stellen, die Linksgrünen mit sieben Prozent einen.

Das Ergebnis der Wahl kommt einem Erdrutsch gleich. Es ist vor allem eine Reaktion der Wähler auf das Versagen der etablierten Parteien, die Island in die schwerste Krise seiner Geschichte geführt haben. Kristinsson hat die "beste Partei" Ende 2009 gegründet, als Parodie auf den herkömmlichen Politikbetrieb. So forderte er unter anderem, Korruption müsse "transparent" gehandhabt werden. Nun hat der 43 Jahre alte Unterhalter, der auch Bücher geschrieben und Filme produziert hat, gute Chancen, Bürgermeister der isländischen Hauptstadt zu werden, obwohl er die absolute Mehrheit der Sitze verpasst hat.

Gefragt, mit wem er koalieren werde, antwortete er: "Das hängt davon ab, wer was zu bieten hat", notfalls werde er mit der "besten Partei" allein regieren. Es wäre das erste Mal in der Geschichte Islands, dass eine Partei, deren Programm es ist, kein Programm zu haben und andere Parteien zu parodieren, ein Spitzenamt besetzt, ein Triumph der Satire über die Realität. Einar Örn Benediktsson, Platz zwei auf der Liste von Kristinsson, sagte nach der Wahl: "Das war die Rote Karte für unsere Politiker. Die Zeit der traditionellen Politik in Island ist vorbei."

Die "beste Partei" trat nur in Reykjavik an. In Akureyri, der viertgrößten Stadt des Landes, bekam eine "Liste des Volkes" auf Anhieb 45 Prozent der Stimmen und damit mit sechs von elf Sitzen die absolute Mehrheit im Stadtrat.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Na dann ist er wenigstens auf Augenhöhe mit der jetzigen Koalition
haltetdendieb 30.05.2010
Die haben auch kein Programm. Ach doch, wie sagt es Schäuble so schön: Alle müssen zahlen! Aber leider sind Schäuble und Co zwar Komiker aber leider überhaupt nicht komisch. Mit der Hilfe von SpOn und SPAM könnte ja vielleicht 2013 die Partei "Die Partei" endlich mal deutschlandweit reüssieren! Wenn einem schon das Lachen im Hals stecken bleibt, dann aber auch richtig. Bloß die Deutschen sind leider zu blöd! Die wählen weiter CDSPFDP und Co! Und haben weiter nichts zum Lachen sondern nur zum Meckern!
2.
Vision6, 30.05.2010
Herzlichen Glückwunsch an die Isländische Hauptstadt! Es ist schön zu sehen, daß es doch noch Menschen auf der Welt gibt, die aufwachen können. Auch wenn es hierzulande nie geschehen wird. Schnief.
3. Politclowns
Wolfgang Jung 30.05.2010
Zitat von Vision6Herzlichen Glückwunsch an die Isländische Hauptstadt! Es ist schön zu sehen, daß es doch noch Menschen auf der Welt gibt, die aufwachen können. Auch wenn es hierzulande nie geschehen wird. Schnief.
Wieso, ist doch schon geschehen. Fast 15% der Wähler haben bei der letzten Bundestagswahl den Politclown Westerwelle gewählt. Diese Wähler müssen sich damals aber wohl im Tiefstschlaf befunden haben und wachen erst jetzt allmählich auf.
4. Politclown?
beobachter1960 30.05.2010
Ich habe ein Interview mit ihm gehört. Darin sagte er daß er außerhalb seines Berufes genauso ernst ist wie andere auch. Und er will das Machbare machen, gut "Ein Eisbär für den Zoo" klingt wie ein Witz, aber nach seiner Aussage wurden die Viecher bisher bei Strandungen in Island einfach abgeschossen. Und was den Rest betrifft, viel Programm haben unsere Politclowns auch nicht. Ich erinnere nur an die "Ein-Punkt-Programm-Mövenpick-Partei". Vielleicht ist ein bißchen mehr normaler Menschenverstand gar Nicht mal so schlecht.
5. Sehr schön
Marion, 30.05.2010
Wer ist hier der Politclown? Jetzt hat er die Chance uns vor Augen zu führen, inwiefern unsere leider überhaupt nicht lustigen Politclowns verzichtbar sind.
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Fotostrecke
Wahlkampf: Die "beste Partei" will sich ins Rathaus spaßen

Fläche: 103.000 km²

Bevölkerung: 332.491 Einwohner

Hauptstadt: Reykjavík

Staatsoberhaupt:
Guðni Th. Jóhannesson

Regierungschef: Sigurður Ingi Jóhannsson

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