Rezession in Großbritannien Der Stern des Gordon Brown sinkt

Eben war er noch der gefeierte Krisenmanager - doch davon ist nur die Pose geblieben. Denn die Rezepte, die der britische Premier Gordon Brown seinem Land verordnet hatte, wirken nicht, seine Steuersenkung ist verpufft. Die Hiobsbotschaften kommen nun im Stundentakt.

Von , London


London - Die Fotos waren mit höchster Sorgfalt geplant. Gordon Brown im Hafen, Gordon Brown in der Fabrik, Gordon Brown ganz nah bei den Menschen. Der britische Premierminister nutzte die erste Arbeitswoche des neuen Jahres, um sich als entschlossener Krisenmanager in Szene zu setzen. Drei Tage tourte er durch die besonders rezessionsgefährdeten Landstriche der Insel, von London über Derby und Liverpool bis nach Wales. Er wolle zuhören und lernen, erklärte Brown bei jeder Gelegenheit: "Ich rede mit Unternehmen, mit Familien, mit Menschen, die sich um ihre Hypothek sorgen."

Britenpremier Gordon Brown: Tapfer gegen die Hiobsbotschaften anreden
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Britenpremier Gordon Brown: Tapfer gegen die Hiobsbotschaften anreden

In Derby besuchte er den Flugzeugmotorenbauer Rolls Royce, ein Vorzeigeunternehmen mit einem begehrten Ausbildungsprogramm. Brown verkündete, in den nächsten zwei Jahren 35.000 neue Lehrstellen schaffen zu wollen. In Liverpool, der europäischen Kulturhauptstadt 2008, ließ er sich vom Motorboot aus die sanierten Docks und das im Bau befindliche Museum von Liverpool zeigen. Der Tourismus sei eine wichtige Zukunftsbranche, die dem Land aus der Rezession helfen könne, erklärte Brown.

Doch so sehr der Labour-Regierungschef auch Optimismus zu verbreiten suchte: Beinahe im Stundentakt wurde seine Reise von Hiobsbotschaften überschattet.

Schon auf dem Weg von London nach Derby wurde er im Zug mit der Nachricht konfrontiert, dass die Supermarktkette Marks & Spencer 1200 Jobs streiche und mehrere Filialen dichtmache. In Derby besuchte er ein Lager der Modekette Viyella, die soeben ihre Insolvenz erklärt hatte. In Liverpool hörte er am Donnerstag, dass der Autobauer Nissan 1200 Stellen in der Fabrik in Sunderland abbaue.

Die großen Tageszeitungen machten am gleichen Tag mit der Meldung auf, die Regierung wolle Geld drucken, um endlich die Kreditklemme zu beheben. Brown ließ dementieren, doch die Opposition triumphierte. Gelddrucken sei "das letzte Mittel einer verzweifelten Regierung", ätzte Tory-Schattenfinanzminister George Osborne. Brown habe Großbritannien "an den Rand des Bankrotts" geführt.

Mehrwertsteuer und Leitzins gesenkt - alles verpufft

Am Freitag, als Brown durch Wales und den Südwesten tourte, kam die Meldung, dass nun auch die große Londoner Maklerfirma Foxtons um ihre Zukunft bange. Und der Vorstandschef der Supermarktkette Sainsbury's moserte, Browns Mehrwertsteuersenkung von 17,5 auf 15 Prozent kurbele den Konsum nicht an, sondern sei bloß "lästig". Es war der dritte Top-Manager in drei Tagen, der diese Kritik äußerte. Die Mehrwertsteuersenkung gilt inzwischen allgemein als Flop.

Auch die jüngste Leitzinssenkung der Bank von England auf das historische Tief von 1,5 Prozent wird in den Medien als wirkungslos hingestellt. Schließlich hätten auch die letzten Zinssenkungen den Zugang zum Geld nicht erleichtert.

Brown lächelte tapfer in die Kameras und kämpfte gegen die Krisenstimmung an. Er hatte extra die Kabinettssitzung am Donnerstag nach Liverpool verlegt, um Präsenz im Hinterland zu zeigen. Liverpool ist seit den achtziger Jahren das Symbol der Rezession. Im Unterschied zu Margaret Thatcher werde er Liverpool nicht aufgeben, erklärte Brown. Am Montag will er in Downing Street einen Job-Gipfel abhalten. Am Dienstag trifft er sich mit US-Notenbankchef Ben Bernanke, und am Mittwoch reist er nach Berlin zu Angela Merkel.

Wählen lassen oder lieber nicht?

Kurz: Brown tut alles, was ein Regierungschef in der Krise eben tut. Doch der nicht abreißende Strom an schlechten Nachrichten lässt ihn trotzdem ohnmächtig aussehen. Schon sackt Labour in den Umfragen wieder ab. Laut der neuesten YouGov-Umfrage liegt die Partei mit 34 Prozent deutlich hinter den Tories mit 41 Prozent. Die Aufholjagd der vergangenen Monate scheint damit zunächst gestoppt.

Auch Browns persönliche Werte werden wieder schlechter. Der "Brown Bounce" sei wohl vorbei, schreibt der "Independent". Laut einer ComRes-Umfrage unter Unternehmern und Managern vertrauen nur noch 28 Prozent Brown als Krisenmanager. Im Oktober waren es noch 42 Prozent.

Wie wirkt sich diese neuerliche Wende auf die Wahlen aus? Die steigenden Umfragewerte für Labour hatten zuletzt zu Spekulationen über baldige Wahlen geführt. Im britischen System kann der Premierminister kurzfristig den Wahltag bestimmen. Browns Amtsperiode geht noch bis 2010, doch viele Beobachter hatten zuletzt damit gerechnet, dass er den Bonus des Krisenmanagers ausspielt und schon im Frühjahr wählen lässt.

Je länger er wartet, desto schlimmer wird die Rezession und desto schwieriger würde eine Wahl für die Regierungspartei, räsonieren die Kommentatoren. Brown hat in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dass eine Wahl "das letzte ist, woran ich denke". Er muss den Eindruck vermeiden, sich nur aus taktischen Erwägungen zur Wahl stellen. Zu "SkyNews" sagte er auf seiner Reise nachdrücklich: "Ich habe nicht vor, über eine Wahl überhaupt nachzudenken".

Doch explizit ausgeschlossen hat er eine Wahl für 2009 nicht. Er kann es sich auch kaum leisten zu warten. Die wirtschaftliche Lage wird nicht besser - im Gegenteil. Die Arbeitslosenzahl ist bereits auf über zwei Millionen gestiegen. Bis 2010 soll sie laut Bank von England auf drei Millionen ansteigen. Allein bis Ostern werden landesweit 300.000 weitere Jobs verlorengehen, schätzt das Chartered Institute of Personnel and Development (CIPD).

Wählen oder nicht wählen? Es ist ein klassisches Dilemma, in dem Gordon Brown steckt.



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