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Rikscha-Report: Die Müllkinder von Mae Sot

Von Jürgen Kremb, Mae Sot

Ihre Flucht vor der brutalen Militärjunta führt selten ins Glück: Als illegale Einwanderer sind Burmesen in Thailand Freiwild für raffgierige Unternehmer. Sie schlagen sich mit den schmutzigsten Jobs durchs Leben und sind der korrupten Polizei schutzlos ausgeliefert.

Mae Sot - Wenn ein Müllwagen auf die Halde der 120.000- Einwohner-Stadt Mae Sot am Rande der thailändischen Grenze zu Burma rollt, dann weiß Ma Nge, 12, dass sie sich beeilen muss. Kaum hat der Kipper seine stinkende Fracht entladen, stürzen sich gut 20 Kinder, Jugendliche und ihre Eltern auf den Abfall, in der Hoffnung etwas Brauchbares herauszufischen. Wer zuerst kommt, kriegt die besten Stücke.

Es ist ein grausamer, menschenunwürdiger Job. Besuchern, die den bestialischen Modergeruch nicht gewohnt sind, dreht es den Magen um. Immer wieder huschen Ratten über den Abfall, manchmal auch eine Schlange. "Wovor ich am meisten Angst habe, sind die vielen Glassplitter, die einem in Hände und Füße schneiden", sagt das kleine Mädchen.

Aber manchmal werden sie und ihre Mutter für ihre harte Arbeit auch reich belohnt - zumindest nach ihrem bescheidenen Standard. Einmal fanden sie ein noch funktionstüchtiges Handy zwischen dem faulenden Unrat, bisweilen ist ein Kleidungsstück dabei, das sich noch auftragen lässt. Aber meistens ist ihnen nicht so viel Glück beschieden. Ma Nges Familie lebt von der Verwertung von Plastikabfall: Weggeworfene Wasserflaschen, Einkaufstüten und Verpackungsmüll. Das bringt knapp einen Euro am Tag, gerade genug, um etwas Essen für ihre Eltern und die sechs Geschwister zu beschaffen. Mehr ist selten drin.

Keine Chance auf gerechten Lohn

Ma Nge hasst die Arbeit, aber sie hat keine andere Wahl. Vor neun Jahren flüchtete ihre Familie aus Burma, doch die Hoffnung auf ein besseres Leben in der westthailändischen Grenzstadt Mae Sot, die als erste Anlaufstelle für viele der insgesamt zwei Millionen burmesischen Flüchtlinge in Thailand gilt, erfüllten sich nicht. Wie die meisten ihrer Landsleute lebt Ma Nge und ihre Familie illegal in Thailand.

"Das macht die meisten Burmesen zum Freiwild für thailändische Unternehmer und auch die Polizei schützt sie nicht", sagt Moe Swe, 43, ein ehemaliger Studentenführer aus Rangun, der heute als Generalsekretär der burmesischen Exilgewerkschaft Yaung Chi Oo in Mae Sot vorsteht.

Mehr als 80.000 Burmesen arbeiten in der Grenzstadt, die Mehrzahl in den über 200 Textilfabriken. Da die Großzahl der Arbeiter keine Aufenthaltspapiere besitzt, ist es für die thailändischen Unternehmer ein Leichtes, ihnen nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 135 Baht (drei Euro) pro Tag zu bezahlen.

Brutale Angriffe auf Gewerkschafter

Dass Moe Swe, der anerkannter politischer Flüchtling ist und legal in Thailand lebt, immer wieder auf diesen Missstand aufmerksam macht und seine burmesischen Landsleute über ihre Rechte informiert, brachte ihn schon mehrmals in Lebensgefahr. Vor drei Jahren wurde sein Gewerkschaftsbüro von Mafiagangstern gestürmt und die Einrichtung zu Bruch geschlagen. Einen dänischen Gewerkschaftsaktivisten, der damals zu Besuch war, stachen die Angreifer nieder.

Doch obwohl auch danach häufig Mitarbeiter vom Gewerkschaftsverband Yaung Chi Oo von vermummten Motorradgangstern überfallen und schwer zugerichtet wurden, hat die Polizei die Fälle nie aufklären können. Und dabei sind das bei weitem nicht die schlimmsten Übergriffe gegen illegale burmesische Arbeiter im Königreich.

Immer wieder tauchen gerade entlang der Grenze die verkohlten und halb verwesten Leichen von Burmesen auf, die von gewissenlosen Fabrikbesitzern oder Menschenschmugglern getötet und verscharrt wurden. "Um einen Burmesen verschwinden zu lassen," heißt es in Mae Sot, "braucht man nur zwei Autoreifen und fünf Liter Benzin".

Deswegen nimmt Aung Thar, 60, der Vater der kleinen Ma Nge die Polizeirazzien auf dem Müllberg wie ein unabwendbares Naturereignis hin. "Einmal im Monat kommen sie und geben vor, nach illegalen Einwanderern zu suchen", sagt er. Aber häufig nehmen die Uniformierten den gut 30 Familien, die sich ihre kleinen Bambushütten auf Stelzen neben den Müllplatz von Mae Sot gestellt haben, ihre letzten Habseligkeiten weg. Vor einem Jahr stahl die Polizei der Familie von Aung Thar sogar die Hühner.

All das nimmt der alte Mann mit stoischer Gelassenheit hin. Denn er weiß, wenn er in Thailand nicht untergekommen wäre, läge er heute wahrscheinlich schon tot im Dschungel von Burma. Das Heimatdorf der Familie befindet sich im südostburmesischen Mon-Staat. Seit Jahrzehnten tobt dort ein Krieg zwischen der regierenden Militärjunta und Aufständischen. Immer wieder wurde er zusammen mit anderen Männern aus seinem Dorf von Regierungssoldaten als Träger zwangsrekrutiert. Die Lebensumstände waren grauenhaft. Allein drei seiner Kinder starben in Burma an Unterernährung.

"In Thailand haben wir zumindest ein wenig zu essen und es herrscht kein Krieg", sagt der alte Mann. Und für seine Jüngste, die für zwölf Jahre viel zu schmächtige Ma Nge, hat er sogar die Hoffnung, dass es ihr in Zukunft viel besser gehen könnte, als ihm mit seinem verpfuschten Leben.

Die Kleine muss der Familie nur noch am Wochenende und nachmittags beim Müllsammeln helfen. Von Montag bis Freitag geht sie morgens in die "Sky Blue"-Schule, die von der Südtiroler Organisation "Helfen ohne Grenzen" an den Rand des Müllbergs gesetzt wurde. Knapp 80 Kinder im Alter zwischen drei und 13 Jahren erhalten dort Unterricht in burmesischer Sprache.

Das Lieblingsfach von Ma Nge ist allerdings Englisch. Ihr großer Wunschtraum sei es, Englischlehrerin zu werden. "Zu Hause im Dorf meiner Eltern", das sie nur aus Erzählungen kennt. "Aber erst, wenn in Burma Frieden herrscht", sagt sie.

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