Rikscha-Report Singapur sagt Pssst!

Formel-Eins, Riesenrad, Hightech-Forschung - eine schicke Metropole der Globalisierung? Ach was: Wer Singapur genau betrachtet, sieht immer noch eine Diktatur mit Shopping-Mall. Die allerdings jedem Bürger Steuern zurückzahlt - was selbst kritische Journalisten ins Grübeln bringt.

Aus Singapur berichtet Jürgen Kremb


Singapur - Mein 13-jähriger Sohn Julian Dschana brachte neulich den Unterricht der Deutsch-Europäischen Schule Singapur gehörig durcheinander. Das ging so. "Mein Papa sagt", krakeelte er mit seinem Vorstimmbruchorgan, "dass Singapur eine Diktatur ist." Ich war natürlich nicht dabei. Aber der Überlieferung nach soll die Lehrerin rot angelaufen sein. Als sie die Contenance wieder gefunden hatte, sagte sie: "Pssst. Wir benutzen hier nicht das D-Wort."

Man darf 13-Jährige nicht unterschätzen. Sie sind keine Kinder mehr, sondern denkende, politische Wesen. Unsere Familienchronik aus Ludwigshafen am Rhein berichtet, dass ich meine Konfirmationsfeier 1971 mit dem Schwenken der Mao-Fibel gesprengt habe.

"Warum darf ich das D-Wort hier nicht sagen?", fragte mein Kleiner also an diesem Abend. "Die Leute haben einfach Angst, die Wahrheit zu sagen", entgegnete ich und war mir ziemlich sicher, dass ich Recht hatte. Denn Tage davor hatten wir gerade einem reizenden Dinner unter Freunden beigewohnt.

"Eine Demokratie ist das nicht"

Zu Gast waren Hochschulprofessoren und Dozenten, kluge Leute - und sie schimpften. Es gebe keine akademische Freiheit in der selbst proklamierten Wissensstadt Singapur. Und als einer sagte: "Selbst die Studenten hinterfragen das System nicht", senkte er seine Stimme. "Eine Demokratie ist das nicht". Ich glaubte deutlich das zischende "Pssst" eines Anwesenden gehört zu haben. Aber da ich ein höflicher Gast bin, hielt ich den Mund und fragte nicht, warum er denn die Stimme senke.

Aber Tage später sprach ich jemanden an, der es wissen sollte. "Warum gibt es so viele 'Pssst' in der Stadt", fragte ich den Pressesprecher des Premierministers. Wir saßen beim Mittagessen im Raffles-Hotel. Das ist die erste Adresse der Stadt. Mit Blick auf das gerade eröffnete Riesenrad, am zukünftigen Formel-Eins-Nachtkurs gelegen, sollte man hier eigentlich nur Essenskolumnen schreiben und nicht rumstänkern. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Pressesprecher, so klug und umtriebig er ist, verstand nicht gleich, deshalb formulierte ich es anders: "Was sind eigentlich die OB-Marker für die öffentliche Debatte in Singapur?"

"OB-Marker", steht für "out of bounds marker" ein lokaler Euphemismus für die Dinge, die man in Singapur gefälligst nicht tut, sagt oder schreibt - es sei denn, man hat eine wirklich gute Rechtsschutzversicherung.

Die Antwort überraschte mich. "Sie können sagen, dass wir eine Diktatur sind, undemokratisch sind, alles geht", meinte er. "Aber wenn Sie schreiben, unsere Regierung sei korrupt, dann gibt's Knatsch und wir gehen gerichtlich vor. Denn das stimmt nicht."

Bloß keine Silbe über Korruption

Einen Moment, liebe Leser und Leserinnen, bitte ich um Einhalt. Auf Anraten der SPIEGEL-Rechtsabteilung möchten wir darauf hinweisen, dass es sich bei den folgenden Zeilen, mit denen ich dem Pressesprecher gerne geantwortet hätte, nicht um eine satirische Äußerung handelt:

Es ist also reiner Zufall, dass der amtierende Premierminister Lee Hsien Loong der Sohn des Staatsgründers Lee Kuan Yew ist und dass seine Frau Ho Ching einen der beiden Singapur-Staatsfonds leitet. Auch denke ich mir nichts dabei, dass die Wahlen immer so ausgehen, dass von den 84 Parlamentsabgeordneten immer nur zwei, drei der Opposition angehören. Die meisten ihrer Vorgänger sind nämlich pleite.

Daran sind sie aber selber schuld. In Beleidigungsprozessen gegen Regierungsmitglieder hatten sie nämlich so schlechte Argumente, dass sie verloren. Wie sagte doch Staatsgründer Lee Kuan Yew gleich? "Wir sind ein Staat der Ersten Welt. Deshalb wollen wir auch eine Erste-Welt-Opposition."

Und das ist die Singapurer Opposition wahrlich nicht. Sie ist so, ja ich weiß auch nicht was, verängstigt? Schlecht organisiert? Nein: dritt-weltig. Sie traut sich nicht einmal, dem SPIEGEL ein Interview zu geben. Das ist zwar nichts Ungewöhnliches, da es ohnehin in der "Medienstadt Singapur" weder eine unabhängige Zeitung, noch eine Regierungspressekonferenz gibt, auf der man plötzlich aus dem Hinterhalt gefährliche Fragen stellen könnte.

Was ich aber lange nicht verstand, ist der Umstand, warum sich alle ausländischen Journalisten an die Singapurer "OB-Marker" halten. Als ungeschriebenes Gesetz unter allen ansässigen Korrespondenten gilt, dass man - wie sehr man auch auf Singapurs Nachbarstaaten eindrischt - zur Innenpolitik des Stadtstaates die Feder im Zaume hält.

Steuergeschenke für alle

Aber seit letzter Woche sehe ich wieder klarer. Zufällig durfte ich wieder mal eine Haushaltsdebatte miterleben. Eigentlich ist das eine ziemlich öde Veranstaltung. Aber 2007 war ein Rekordjahr für die 4,6-Millionen-Stadt; meine Steuerheimat Singapur hat Gewinne erwirtschaftet.

Die Börse brummte, die Immobilienpreise explodierten, also hatte auch der Staat super verdient. Insgesamt ein Plus von mehr als drei Milliarden Euro.

Und anstelle bei den Ministergehälter noch mehr großzügiger zu sein - der Premierminister verdient eh schon fast so viel wie einst Klaus Zumwinkel -, beschloss die Geschäftsleitung von Singapur (gelegentlich auch Regierung genannt) die Gewinne auszuschütten. Sie steckte eine Menge Geld in Bildung und Erziehung, besserte das Rentensystem auf - und dann zahlte sie ihren Steuersubjekten Teile der Abgaben zurück. Selbst Spitzenverdiener, die ohnehin nicht mehr als 22 Prozent Steuer zahlen, bekommen davon für 2007 wieder 20 Prozent zurück. Da braucht man kein Liechtenstein. Und das alles für nichts.

Für meinen Teil jedenfalls fast für nichts, denn ich für meinen Teil werde noch mal mit meinem Sohn sprechen. Ein 13-Jähriger muss für den Preis einer X-Box doch wohl vernünftigen Sachargumenten zugänglich sein. Das wäre doch gelacht. Schließlich renne ich ja auch nicht mehr mit der Mao-Bibel rum.



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