Rikscha-Report Todesdrohungen im Paradies

Malaysia verspielt gerade seinen Bonus als asiatisches Traumziel. Muslimische Hardliner sind auf dem Vormarsch - das einst weltoffene Land verwandelt sich zusehends in ein engstirniges Gebilde.

Aus Kuala Lumpur berichtet Jürgen Kremb


Kuala Lumpur - Genial ist er fast, der Satz mit dem Malaysias Fremdenverkehrswerber Touristen in das südostasiatische Land locken. "Malaysia truly Asia" ("Malaysia, das ist wirkliches Asien") verspricht das Fremdenverkehrsbüro in einem TV-Spot, der seit Jahren die Pausen zwischen Nachrichtenblöcken auf CNN und BBC füllt, bisweilen sogar im deutschen Abendprogramm Lust auf Sonne, Strand und Palmen verbreitet. Malaysia, das 22-Millionen-Einwohner-Land, zwischen Thailand und Indonesien gelegen, so will die Werbung verheißen, ist nicht nur der bunteste Schmelztiegel asiatischer Kulturen, sondern auch der Platz, wo diese harmonisch miteinander wetteifern.

Aber man muss sich bei dem Exotik verheißenden Streifen nicht nur fragen, was das mit der geografischen Realität des Landes zu tun hat. Wer etwa von Singapur auf der Autobahn nach Kuala Lumpur durch den Süden Malaysias fährt, erspäht auf den ersten 200 Kilometern wahrlich keine Tropenromantik. Der Urwald wurde hier beiderseits der Strecke radikal abgeholzt, um eintönigen Palmölplantagen Platz zu machen. Die einzigen Farbtupfer sind knallbunte, in die Landschaft gefräste Reihenhaussiedlungen, deren monotoner Einheitsstil sogar einen Lego-Baukasten als Geniestreich von Antoni Gaudí erscheinen ließen.

Und im Alltag, dort, wo die Kulturen aufeinandertreffen, geht es noch schlimmer zu als in der Landschaft. Das vermeintlich so tolerante Miteinander der unterschiedlichen Kulturen und Religionen - wie es die Tourismuswerbung vorgaukelt - hat rein gar nichts mehr mit dem dogmatischen Islam zu tun, der sich in Malaysia zusehends ausbreitet.

Drastisches Beispiel: der Fall von Lina Joy, 43, einer Muslimin, die vor mehr als zehn Jahren zum Christentum konvertierte. Bis heute haben sich die Behörden geweigert, ihr früheres Bekenntnis zum Islam aus ihrem Personalausweis zu tilgen. 1999 legte sie deshalb Klage beim höchsten Gericht Malaysias ein. Daraufhin erhielt sie Todesdrohungen von radikalen Muslimen, verlor schließlich ihre Arbeit und musste untertauchen.

Urteil nach acht Jahren

Am 30. Mai kam der Entscheid des Gerichts: Die staatlichen Richter erklärten sich für nicht zuständig. In Glaubensfragen, ließen sie wissen, sei bei Muslimen das jeweilige Scharia-Gericht des Bundesstaates die entscheidende Instanz.

Skandalös ist das Urteil nicht nur deshalb, weil sich die Richter mit ihrer Entscheidung knapp acht Jahre Zeit ließen, sondern weil es im Widerspruch zur Verfassung steht. Denn zwar beten gut zwei Drittel der Bevölkerung in Richtung Mekka, und Malaysia bezeichnet sich als "islamischer Staat". Vize-Premier Najib Razak hatte das gerade lvergangene Woche noch einmal öffentlich betont. Doch um die Rechte der chinesischen und indischen Minderheit zu schützen, ist in der Verfassung ausdrücklich die "Freiheit des Glaubens" garantiert.

Lina Joys Schicksal ist längst kein Einzelfall mehr. Erst dieser Tage machte die unglaubliche Geschichte eines jungen Chinesen Schlagzeilen. Er war bei seiner Geburt im Krankenhaus verwechselt worden und wuchs bei einer muslimischen Malaien-Familie auf. Obwohl der Irrtum jetzt, nach gut zwei Jahrzehnten, endlich eingeräumt wurde und der junge Mann zu seinen leiblichen (christlich, chinesischen) Eltern zurückkehren konnte, gar deren Namen annahm, verweigern ihm die Scharia-Gerichte, die islamische Glaubensgemeinschaft zu verlassen.

Wie bei Lina Joy auch, haben auch im Fall des Chinesen erzkonservative Imame das Sagen. Sie betrachten die Abkehr vom Islam, die sogenannte Apostasie als Verbrechen, das laut einer Koraninterpretation (Hadith) mit dem Tod zu bestrafen sei. ("Töte jeden, der seine Religion wechselt").

Einst liberal, heute engstirnig und xenophob

Die Intoleranz greift in dem südostasiatischen Staat immer weiter um sich. Dieser Ungeist hat die einst liberale Gesellschaft in ein engstirniges xenophobes Land verwandelt. So sind Besucher, die Malaysia aus den siebziger Jahren kennen, überrascht, wie viele Frauen inzwischen den Schleier tragen. Im vergangenen Jahr scheiterte der Versuch, einen interreligiösen Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften zu etablieren, weil Muslime sich weigerten, auf gleicher Ebene mit Christen und Buddhisten zu debattieren. Dies, so die Begründung, würde die Überlegenheit des Islam in Frage stellen.

Schuld an dieser Entwicklung tragen letztlich die Politiker des seit Jahrzehnten alleinregierenden Umno-Blocks. Mit dem absurden Bumi-Putra-System ("Söhne der Erde"), der 1971 ins Leben gerufenen New Economic Policy (NEP), muss auch heute noch jeder chinesische Geschäftsmann einem malaiischen (Bumi-Putra)-Partner Firmenanteile überschreiben. Hochschulen und Bildungseinrichtungen sind verpflichtet, der malaiischen, muslimischen Bevölkerungsmehrheit ausreichend Plätze zur Verfügung zu stellen - unabhängig vom Notendurchschnitt.

Ein System, das nicht nur Dummheit und Faulheit Vorschub leistet, sondern Ungerechtigkeit und Korruption in einem geradezu inflationären Ausmaß begünstigt. Das Bildungsniveau hat sich dadurch jedenfalls nicht verbessert.

"Mister Clean" ignoriert die Fehlentwicklung

Premierminister Abdullah Badawi alias "Mr. Clean" - vor vier Jahren mit dem Versprechen angetreten, den korrupten Sumpf seines Vorgängers Mahathir Mohamad auszutrocknen - dieser Entwicklung gegenüber vollkommen blind. Bei einer Rede vor dem Business Club in der Hauptstadt Kuala Lumpur, breitete Badawi nämlich lvergangene Woche seine Vision vom Malaysia der Zukunft aus.

Bis zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit im Jahre 2057, fabulierte Badawi, werde Malaysia nicht nur zahlreiche Nobelpreisträger vorweisen können, sondern sich mit international anerkannten Schriftstellern und Künstlern schmücken, dazu die besten Professoren und Studenten für amerikanische Spitzenuniversitäten stellen. Ach ja, und natürlich die beste Fußballmannschaft Asiens vorweisen können.

Bis zum Jahre 2057 sind es zwar noch ein paar Tage hin. Aber es ist zu befürchten, dass Badawi, wenn er dieses Phantasieprodukt außerhalb des Landes verkaufen will, noch einen genialeren Werbetexter braucht, als den aus der Tourismuswerbung.

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mischa_takano 24.07.2007
1. Malaysia
Guter Artikel! Malaysia wird seit ein paar Jahren stark von radikalen Muslims beeinflusst und es ist richtig, dass die traditionelle bunte und freundliche Tracht der radikalen Tracht der streng verschleierten muslemischen Frau Platz macht. Es ist Schade, dass diese bunte und offene Kultur zerstoert wird. Dies wurde sehr deutlich als man Jagd auf knutschende Paare machte, sogar auf Touristen. Oder man lass in der Zeitung von einem Paar, dass zusammen in einer Wohnung vorgefunden wurde und nicht verheiratet war. Malaysia beliefert Singapur mit Wasser und hat vor ein paar Jahren den Preis des Wassers erhoeht. Daraufhin hat Singapur auch den Preis des Wassers erhoeht, dass es gereinigt wieder nach Malaysia geliefert hat. Schon witzig. Eingebildet sind die Menschen dort auch mehr als anderswo. Man wollte mich nicht einreisen lassen, da man vermutete, dass ich mein Kind in Malaysia zur Welt bringen wollte um eine malayische Staatsbuergerschaft zu ergaunern. Da winkte aber ein Staatsbeamter mit kullernden Augen ab. Wenigstens Einer der durchblickte.
sebparker 24.07.2007
2. Die Enttäuschung ist groß
Nachdem ich im März dieses Jahres 2 Wochen Malaysia auf Geschäftsreise besucht habe, kann ich dem Artikel, was die Ungleichbehandlung angeht, nur zustimmen. Vor allem im Gespräch mit der indischen und der chinesischen Minderheit zeigte sich, wie sehr sich aus dieser Ungleichheit auch sozialer Sprengstoff zu entwickeln scheint. Selbst ein meiner Reisegruppe bis dahin unbekannter Taxifahrer äußerte sich ausführlich über die Ungleichbehandlung der Nichtmuslime und nannte neben der Bildung und der Erlaubnis zum freien Wirtschaften noch viele weitere Beispiele. Auch wenn ich das Malaysia der 70 er Jahre nicht kenne, muss ich allerdings sagen, dass mir sowohl in Kuala Lumpur als auch in der Provinz der Anteil der verschleierten Frauen insgesamt eher gering vorkam. Vielmehr gab es scheinbar in allen Schichten viele Malayinnen, die sich äußerst freizügig kleideten. Es gab fast überall Alkohol zu kaufen und Frauen fuhren Auto (auch wenn wir keine weibliche Taxifahrerin hatteb, was mir aber auch in Deutschland erst sehr selten passiert ist). Für mich schien die Problematik also viel mehr in den (letztlich verdeckten) fundamentalen Lebensgrundlagen zu liegen als in den offensichtlichen Aspekten und gleichzeitig denke ich, dass die Spaltung eher zwischen Regierung und Bevölkerung als zwischen den einzelnen Gruppen vorlag.
udippel 24.07.2007
3. Guter Artikel, wenn auch unpassender Titel
Als jemand der das Land seit 25 Jahren kennt und seit 10 Jahren bewohnt, kann ich dem Artikel nur zustimmen. Die Überschrift allerdings ist mehr als schlecht gewählt, weil Malaysia ungefähr das erste Land in Südostasien war, in dem die Rikschas verschwunden waren. Der in Singapur lebende Autor sollte auch ganze journalistische Wahrheitstreue leisten was den Staat und die Religion angeht: Malaysia ist kein islamischer Staat, sondern eine (demokratische) Föderation, eine verfassungsmässige Demokratie. Der Islam ist lediglich Staatsreligion. Eine Hadith ist auch keine Koraninterpretation, mein lieber Jürgen Kremb. Eine Hadith ist eine anekdotische Überlieferung aus dem Leben des Propheten. "Töte jeden, der seine Religion wechselt" ist auch nicht ganz astrein als Zitat. "There is no compulsion in religion" (2:256). Der Wechsel hin zum Islam wird durchaus sehr befürwortet; ein Verlassen der Religion hingegen als 'Hochverrat' eingestuft. Daher die Idee der strengen Strafe. Der Rest des Artikels, wie gesagt, beschreibt die momentane Stimmung sehr gut. Hinzugefügt werden könnte vielleicht lediglich noch, dass unter Mahathir ein Versuch unternommen wurde, auch als 'Asian Tiger', mit der Welt zu konkurrieren. Badawi hat damit nichts am Hut. Deshalb hat der Massstab 'global' ausgedient und ist durch Selbstbespiegelung ersetzt worden, de facto. Hier heisst das 'suka sendiri'; sich selbst gefallen. Das führt dann regelmässig zu clownesquen Szenarien, so wie die Entsendung eines Malaysiers als bezahlter Tourist an Bord eines Russischen Raumschiffes als Glanzleistung Malaysischer Weltraumforschung gefeiert wird. Manchmal kann es einen schon schön schaudern und an Animal Farm oder 1984, beziehungsweise die Propaganda einer Sowjetunion erinnern lassen. Einen grossen Pluspunkt hat Malaysia, noch, und hoffentlich noch lange: es ist ziemlich demokratisch. Das soll heissen: die Bevölkerungsmehrheit glaubt an den ganzen Schamonz.
SaT 24.07.2007
4. selbstbewusste Frauen
Zitat von sebparkerNachdem ich im März dieses Jahres 2 Wochen Malaysia auf Geschäftsreise besucht habe, kann ich dem Artikel, was die Ungleichbehandlung angeht, nur zustimmen. Vor allem im Gespräch mit der indischen und der chinesischen Minderheit zeigte sich, wie sehr sich aus dieser Ungleichheit auch sozialer Sprengstoff zu entwickeln scheint. Selbst ein meiner Reisegruppe bis dahin unbekannter Taxifahrer äußerte sich ausführlich über die Ungleichbehandlung der Nichtmuslime und nannte neben der Bildung und der Erlaubnis zum freien Wirtschaften noch viele weitere Beispiele. Auch wenn ich das Malaysia der 70 er Jahre nicht kenne, muss ich allerdings sagen, dass mir sowohl in Kuala Lumpur als auch in der Provinz der Anteil der verschleierten Frauen insgesamt eher gering vorkam. Vielmehr gab es scheinbar in allen Schichten viele Malayinnen, die sich äußerst freizügig kleideten. Es gab fast überall Alkohol zu kaufen und Frauen fuhren Auto (auch wenn wir keine weibliche Taxifahrerin hatteb, was mir aber auch in Deutschland erst sehr selten passiert ist). Für mich schien die Problematik also viel mehr in den (letztlich verdeckten) fundamentalen Lebensgrundlagen zu liegen als in den offensichtlichen Aspekten und gleichzeitig denke ich, dass die Spaltung eher zwischen Regierung und Bevölkerung als zwischen den einzelnen Gruppen vorlag.
2004 war ich ein Monat in Malaysia. So wie ich das mitbekam tragen fast alle muslimischen Malaysierinnen (etwa 60% der Bevölkerung) einen Schleier, zumindesestens dann wenn sie verheiratet sind. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass dies Malaysierinnen unterdrückt wären. Der Schleier ist eher ein modisches Assesoir. Dies Frauen sind durchaus selbstbewusst, fahren Moped, beherrschen anders als in den arabischen Ländern das Straßenbild und scheuen sich auch nicht mit ausländischen Männer in Kontakt zu treten. Es ist natürlich von außen schwer zu beurteilen ob und wie sehr die malaysische Frau unterdrückt wird. Mir erscheint dies jedoch weniger der Fall zu sein wie in der Türkei oder den arabischen Ländern. Vielleicht auch deshalb, weil dies nicht dem asiatischem Naturell entspricht. Auch in Thailand treten die Frauen häufig sehr selbstbewusst auf.
SaT 24.07.2007
5. Tama Negara
---Zitat von Jürgen Kremb--- Wer etwa von Singapur auf der Autobahn nach Kuala Lumpur durch den Süden Malaysias fährt, erspäht auf den ersten 200 Kilometern wahrlich keine Tropenromantik. Der Urwald wurde hier beiderseits der Strecke radikal abgeholzt, um eintönigen Palmölplantagen Platz zu machen.. ---Zitatende--- Stimmt - aber Herr Kremb hätte sich durchaus mal die Mühe machen können und nach Tama Negara reisen können: ein einzigartiger Regenwald- Nationalpark. Ich habe schon einige andere ähnliche Nationalpärke besucht, dieser ist aber der bei weitem beste!
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