Rio de Janeiros Bürgermeister Karneval kann er auch nicht

Marcelo Crivella regiert Rio de Janeiro als Bürgermeister mit mäßigem Erfolg: Doch er weiß die Evangelikalen des Landes hinter sich. Deren gewaltiger Einfluss reicht bis in die Drogenkartelle.

Rios Bürgermeister Marcelo Crivella (2. v. r.) bei der Eröffnung des Karnevals 2018
AFP

Rios Bürgermeister Marcelo Crivella (2. v. r.) bei der Eröffnung des Karnevals 2018

Von , Rio de Janeiro


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Der Bürgermeister amüsierte sich prächtig im Sambodrom, der Karnevalsarena von Rio de Janeiro. Er ließ sich mit Sambamusikern und Tänzerinnen fotografieren, winkte ins Publikum und nutzte jede Gelegenheit zum politischen Marketing.

Einziger Fehler: Der Mann, der sich am Montagabend so fröhlich mit Rios Narren verbrüderte, heißt João Doria. Er regiert nicht Rio, sondern Sao Paulo.

Ihren eigenen Bürgermeister Marcelo Crivella bekamen die Cariocas, wie die Einwohner von Rio genannt werden, während der "größten Party des Erdballs" nur auf der Titelseite der Lokalzeitung "O Globo" zu Gesicht: Eine verwackelte Handy-Aufnahme zeigte ihn auf dem Flughafen. Dort hatte der Karnevalsflüchtling gerade nach Frankfurt eingecheckt.

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Bei der Europäischen Raumforschungsagentur Esa und Sicherheitsfirmen wolle er sich über neue Technologien informieren, ließ er verlauten. Pünktlich zum Ende des Karnevals werde er in die Heimat zurückkehren, versprach Crivella.

Die Cariocas haben in den vergangenen Jahren einiges aushalten müssen: Krankenhäuser und Schulen in ihrer Stadt verfallen, die Anzahl der Obdachlosen ist so hoch wie nie, die Kriminalität hat dramatisch zugenommen. Während nahezu die gesamte politische Elite des Bundesstaats wegen Korruption im Gefängnis sitzt, versinkt Rio im Chaos.

Jetzt lässt sie auch noch der Bürgermeister im Stich. Crivella habe nicht verstanden, dass er als Stadtoberhaupt auch zur Repräsentation während des wichtigsten Ereignisses des Jahres verpflichtet sei, kritisierte "O Globo".

Nun hat Crivella aus seiner Abneigung gegen den Karneval nie einen Hehl gemacht. Er gehört der "Igreja Universal" an, der zweitgrößten evangelikalen Kirche Brasiliens, sie hat ihn einst zum Bischof geweiht.

Crivella im Wahlkampf (Archivbild von 2014)
AP

Crivella im Wahlkampf (Archivbild von 2014)

Für die Evangelikalen ist der Karneval Teufelszeug, denn er frönt einem fröhlichen Synkretismus: Viele Sambaschulen huldigen afrobrasilianischen Gottheiten. Ihre Anhänger praktizieren Candomblé und Umbanda, die afrobrasilianischen Religionen - ohne dabei ihrem katholischen Glauben zu entsagen.

Religiöse Toleranz war immer ein Markenzeichen des Karnevals von Rio. Früher galt sie als eine Tugend des ganzen Landes: Die Brasilianer waren immer stolz darauf, dass ihnen Glaubenskämpfe und Religionskonflikte fremd sind. Doch seit Anfang der Neunzigerjahre tobt in vielen brasilianischen Metropolen ein stiller Religionskrieg.

Rio ist nicht nur die Hauptstadt des Karnevals, die Stadt ist auch eine Hochburg der Evangelikalen. Nirgendwo verfügen Pfingstkirchen über so viel politischen und gesellschaftlichen Einfluss wie in der Stadt am Zuckerhut. Hunderte evangelikale Kirchen säumen die Straßen vor allem in der dichtbevölkerten Nord- und Westzone der Stadt.

SWR-Reportage: Sambaschule in Rio de Janeiro

In den Favelas sind die "Crentes", wie die evangelikalen Gläubigen genannt werden, besonders stark: Der Verfall der klassischen Familienstruktur, Drogen- und Alkoholprobleme bescheren ihnen dort regen Zulauf.

Viele Arme sehen in den Evangelikalen Kirchen einen Ausweg aus ihrer Misere. Anders als die Katholische Kirche praktizieren die Evangelikalen eine strikte soziale Kontrolle. Sie bekämpfen Drogensucht und Alkoholismus und bieten eine Lebensalternative zu den zumeist zerrütteten Familienverhältnissen.

Vor allem in den Gefängnissen sind evangelikale Missionare erfolgreich: Viele Drogenhändler konvertieren im Knast zu den "Evangélicos". Ihre Pastoren werden in den Favelas von den Drogenhändlern respektiert und geachtet.

Die afrobrasilianischen Religionen werden unterdrückt

Die Gangster gehen im Namen der Kirchen zunehmend auch gegen die Anhänger afrobrasilianischer Religionen vor. In mehreren Favelas von Rio hat die Drogenmafia versucht, Candomblé und Umbanda zu verbannen. Anhänger der afrobrasilianischen Religionen wurden bedroht, viele flüchteten.

Was die evangelikalen Kirchen für viele Gläubige attraktiv macht, ist nicht zuletzt ihr ausgeprägter Geschäftssinn. Anders als die Katholische Kirche, die ihre Gläubigen gern auf das Jenseits vertröstet, bieten die Evangelikalen konkrete Lebenshilfe. Sie helfen bei der Gründung von Minifirmen und stehen sich gegenseitig bei der Auftragsbeschaffung bei. So gelang vielen Armen der Aufstieg zu Kleinunternehmern.

Auch in der Politik schlägt sich der Triumphzug der Evangelikalen nieder: Im Kongress verfügen sie über eine mächtige Lobby, in Rio stellten sie bereits den Gouverneur. Der ultrareaktionäre Abgeordnete Jair Bolsonaro aus Rio, der in Umfragen zu den Präsidentschaftswahlen im Oktober an zweiter Stelle liegt, gehört einer evangelikalen Kirche an.

Die Linke hat bislang vergeblich versucht, vom Zulauf der "Evangelicos" zu profitieren. Die damalige Präsidentin Dilma Rousseff und ihr Vorgänger Lula nahmen während ihrer Amtszeit an der Einweihung eines gigantischen Bet-Tempels der "Igreja Universal" teil. Rousseff machte Bischof Crivella sogar zum Minister: Als Ressortchef für Fischerei sollte er für die Regierung den politischen Rückhalt der Evangelikalen sicherstellen.

Die Stadt steuert auf ein Müllchaos zu

Mit dieser Mission scheiterte er ebenso wie als Minister: Von Fischerei versteht Crivella ebenso wenig wie vom Karneval. Auch seine Bilanz als Bürgermeister ist bislang trist, er hat kaum eines seiner Wahlversprechen erfüllt. Ende Januar bat er die Cariocas um Entschuldigung für das Verwaltungschaos: "Mangels Erfahrung" seien er und seine Leute nicht in der Lage gewesen, Probleme "vorherzusehen und zu vermeiden".

Zur Krise hat Crivella allerdings selbst beigetragen: Systematisch hat er Anhängern seiner Kirche wichtige Posten in der Verwaltung zugeschanzt. Ausgerechnet die Müllabfuhr, bislang eine der bestfunktionierenden staatlichen Institutionen von Rio, wird nun von evangelikalen Predigern ohne jegliche Verwaltungserfahrung geführt. Die Folge: Der Stadt droht ein Chaos bei der Abfallentsorgung.

Nur eines hat Crivella den Cariocas nicht verleiden können: ihren Humor. Keine andere öffentliche Figur wurde im Straßenkarneval so veräppelt wie der Bürgermeister. Auch die Sambaschulen im Sambodrom hielten sich mit Kritik nicht zurück - Crivella hatte ihnen die staatlichen Zuschüsse gekürzt. Die Sambaschule Mangueira zeigte ihn auf einem ihrer Umzugswagen als Judas.

Karnevalswagen mit Crivella-Karikatur
AFP

Karnevalswagen mit Crivella-Karikatur

Der Bürgermeister ignorierte diese Anwürfe. Via Facebook meldete er sich aus Frankfurt und pries deutsche Drohnen-Technologie: Sie sei perfekt zur Überwachung der Sicherheitslage in Rio.

Weitere Beiträge zur Karnevalspolemik überließ er seinem Vize daheim. Der schlug eine Maßnahme vor, die vor allem dem karnevalsbegeisterten Bürgermeister von Sao Paulo gefallen dürfte, einem geschäftstüchtigen Unternehmer: Man solle den Karneval von Rio doch einfach privatisieren, dann sei die Stadtverwaltung alle Probleme los.


Zusammengefasst: Marcelo Crivella ist in Rio als Bürgermeister nicht besonders beliebt, bald droht unter anderem eine Müllkrise. Doch die mächtigen Evangelikalen Kirchen stehen hinter ihm. Im Kongress verfügen sie über eine starke Lobby, in Rio stellten sie bereits den Gouverneur. Was sie für viele Gläubige attraktiv macht, ist ihr ausgeprägter Geschäftssinn. Anders als die Katholische Kirche bieten sie konkrete Lebenshilfe. Auch in den Gefängnissen bekommen sie starken Zulauf.



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akarsu0 14.02.2018
1.
Das die Straßen von Kirchen überflutet sind kann ich bestätigen. Allerdings habe ich nicht viele Kirchen gesehen so wie wir sie hier kennen, es sind eher ganz normale Gebäude wo Kirche drauf steht, vergleichbar mit den Hinterhof Moscheen hier in Deutschland. Den Müll chaos kann ich nicht bestätigen, ich fand es für brasilanische Verhältnisse relativ sauber.
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