Krawalle in Rio Angst vor der Gewalt-WM

Brennende Barrikaden kurz vor der WM, mitten in Rio - trotz Polizeioffensive und Militäreinmarsch sind große Favelas noch immer nicht befriedet. Das Dilemma der Regierung: Die Wut auf die Sicherheitskräfte wächst.

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Hamburg/Rio de Janeiro - Die Favela, in der die Gewalt jetzt eskalierte, ist eigentlich ein Vorzeigeprojekt im Kampf Rios gegen Gewalt und Drogen: 2009 marschierte die Sondereinheit UPP in die Siedlung Pavão-Pavãozinho ein, vertrieb die Drogenmafia. Es entstand eine der ersten befriedeten Favelas, auf die das Etikett "Elendsviertel" heute nicht mehr recht passen mag.

Viele der Bewohner haben ihre illegal errichteten Ziegelhäuschen mittlerweile gekauft, Satellitenschüsseln auf die Betondächer gebaut. Das Gemeinschaftsgefühl der Einwohner, die meisten aus dem verarmten Nordosten des Landes, ist groß. Touristen lassen sich jetzt durch Pavão und die Zwillingsfavela Cantagalo führen, es gibt gar erste Bed-and-Breakfast-Häuschen. Auch Grundstücksspekulanten reißen sich um die Gebiete mit bestem Blick auf Rios Glitzerviertel.

Eine Seilbahn und ein riesiger Fahrstuhl verbinden die zwei Favelas mit den Reichenvierteln Copacabana und Ipanema. Viele der Bewohner arbeiten dort unten als Kellner, Dienstmädchen, Verkäufer. Es sind mittlerweile eher Arbeiterviertel als Elendsviertel - auf den ersten Blick mag es überraschen, dass sich hier die Gewalt entzündete.

Von hier aus gingen Bilder von brennenden Barrikaden um die Welt, wütende Bewohner warfen in der Nacht zu Mittwoch Sprengsätze. Schwerbewaffnete Sondereinheiten rückten vor. Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft sind solche Aufnahmen für Rio de Janeiro ein Desaster. Die Debatte über Sicherheit ist wieder entbrannt, auch darüber, wie erfolgreich etwa 40 Favelas wirklich "befriedet" wurden.

Die Umstände des Todesfalls, der die Krawalle auslöste, sind noch unklar. Doch der Fall zeigt: Das Misstrauen gegen die UPP-Einheiten, gegen Polizei und Militär sitzt so tief, dass sich der Frust jederzeit ein Ventil suchen kann.

"Erst schießen, dann fragen" - plötzlich wieder aktuell

Die Arbeit der UPP, der 2008 gegründeten Sondereinheit der Polizei, die Ruhe und Ordnung in den einst von Gangs kontrollierten Armenviertel bringen sollte, galt lange als vorbildlich. Es gab weniger Morde, die Stadt baute Abwasserleitungen und schickte die Müllabfuhr. Es wurden vor allem junge Polizisten angeworben, die direkt aus der Ausbildung kamen und dank eines Gehaltszuschlags weniger anfällig für Bestechung sein sollten. Sie standen für eine neue, ehrliche Polizei, die Schluss machte mit der Devise "erst schießen, dann fragen". Bei der Befriedung der Favelas ging es nicht nur um Stabilität in den Armenvierteln, es ging auch darum, die Polizei zu befrieden.

Karte
Doch brutale Übergriffe der Polizei gefährden die neue zerbrechliche Balance, das Misstrauen der Bevölkerung wächst. Gewalt verdrängt die gefühlte Ruhe. Die Mutter des getöteten Tänzers fasste zornig das Gefühl vieler Favela-Bewohner in Worte: "Die UPP beschützt niemanden. Die Menschen leiden unter ihrer Willkürherrschaft."

Teile der UPP gelten inzwischen nicht nur als korrupt - sondern auch als brutal. Sie werden als Schläger und Mörder statt als Freund und Helfer gesehen. Der Zorn wuchs im vergangenen Jahr, als ein Maurer in der Riesen-Favela Rocinha verschwand. Der Mann war mit Elektroschocks gefoltert und anschließend ermordet worden, der Leiter der UPP war dabei. Und im März tauchte ein Video auf, das zeigt, wie Polizisten eine vierfache Mutter hinter ihrem Auto 300 Meter die Straße hinunterschleiften. Die Frau starb.

Die Drogenmafia kehrt offenbar zurück

Zugleich versuchen offenbar Drogenbanden, Teile ihres Territoriums zurückzuerobern. Immer wenn die UPP in den vergangenen Jahren in eine Favela einmarschierte, kündigte sie das an - die Gangster flohen, oft fiel nicht ein Schuss. Doch jetzt gibt es immer wieder Schießereien, besonders in Rocinha und Complexo do Alemão.

Auch in Pavão-Pavãozinho kehrt angeblich die Mafia zurück. Dem Sicherheitsminister zufolge befiehlt ein Drogenboss mit dem Spitznamen "Pitbull" von der gefürchteten Verbrecherorganisation "Comando Vermelho" seit einigen Monaten die Überfälle auf die Sicherheitskräfte.

So kurz vor der Weltmeisterschaft kann Rio de Janeiro keine Schlagzeilen über Schießereien gebrauchen. In der Favela Maré, die nahe der Autobahn zum internationalen Flughafen liegt, marschierten Anfang April 2500 Soldaten ein. Sozialwissenschaftler sehen das skeptisch: "Die größte Herausforderung ist, dass die Polizisten Vertrauen zu der lokalen Bevölkerung aufbauen", glaubt Silvia Ramos von der Universität Cândido Mendes. Und je mehr Macht die Sicherheitskräfte bekommen, fürchtet João Trajano von der Staatlichen Universität Rio de Janeiro, desto mehr wird sie missbraucht. Das treffe dann die ehrlichen Bewohner der Favelas.

Das Dilemma von Polizei und Regierung: Bei Schießereien kann sie kurz vor der WM nicht wegsehen. Doch ein hartes Vorgehen der diskreditierten Sicherheitskräfte richtet zur Zeit womöglich nur noch größeren Schaden an.

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insgesamt 31 Beiträge
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mischamai 24.04.2014
1. Primitiv
Schon alleine die Gegenüberstellung mit mehreren Schnellfeuergewehren gegen kleine Mädchen zeigt die ganze Perversion dieser Polizeigewalt.
Tahlos 24.04.2014
2. Wenn man als Tourist
dorthin fährt, sollte man eigentlich schon seit langer langer Zeit wissen, wie hoch das Risiko dort ist Opfer eines Verbrechens zu werden. Aber das "ich doch nicht" gewinnt ja meistens... zumindestens in der Hoffnung. Hinterher ist dann das gejammer groß. Warten wir ab wieviele es diesmal erwischen wird. Die Aktien der Kriminellen sind aktuell vermutlich schon am steigen.
themistokles 24.04.2014
3.
Zitat von sysopREUTERSBrennende Barrikaden kurz vor der WM, mitten in Rio - trotz Polizeioffensive und Militäreinmarsch sind große Favelas noch immer nicht befriedet. Das Dilemma der Regierung: Die Wut auf die Sicherheitskräfte wächst. http://www.spiegel.de/politik/ausland/rio-vor-der-wm-die-wut-in-den-favelas-waechst-a-965960.html
Ach ja... wie vor vier Jahren. Da wurde auch vor Ausschreitungen, Gewalt, etc. bei der WM in Südafrika gewarnt. Auch ich war skeptisch. Und was ist passiert? Nix.
max_schwalbe 24.04.2014
4. Gewalt einfach so?
Der Autor versäumt es, auf die Hintergründe der brodelnden Gewalt und Proteste einzugehen. Wenn das Leben der Armen schlechter wird weil Geld nicht in Krankenhäuser, sondern in 12 (!) neue Fußballstadien verballert wird, versteht man warum die Leute protestieren. Das Land kann sich eine so teure WM eigentlich nicht leisten und versucht das nun auf den Schultern der Ärmsten auszubaden. Eine unglaubliche Schweinerei, an der auch FIFA nicht völlig unbeteilgt ist. Es gibt zahllose andere Länder, in denen eine WM weitaus kostengünstiger durchführbar wäre.
hman2 24.04.2014
5. Br
Zitat von themistoklesAch ja... wie vor vier Jahren. Da wurde auch vor Ausschreitungen, Gewalt, etc. bei der WM in Südafrika gewarnt. Auch ich war skeptisch. Und was ist passiert? Nix.
Das können Sie nicht vergleichen. Afrika ist eine Konsensgesellschaft. Da ist auch dem Verbrecherboss klar, dass eine ruinierte WM dafür sorgen würde, dass nie wieder eine Großveranstaltung auf den Kontinent kommen würde (denn wenn es Südafrika nicht schafft, schafft es auch kein anderes afrikanisches Land). Solche Einsichten gibt es in Brasilien nicht. Erstens versucht Brasilien noch nicht einmal, anders als Südafrika, wenigstens einen klitzekleinen Teil der Milliarden den Ärmsten zukommen zu lassen, zweitens hat Brasilien etwas, was Südafrika so nicht hat: Ein extremes Drogenproblem. Und zwar Crack. Das zerstört das Gehirn. In Südafrika werden Sie als reicher Touri vielleicht ausgeraubt, in Brasilien in einer Favela umgebracht. Und der Drogo erinnert sich schon nach fünf Minuten nicht mehr, dass er gerade jemanden umgelegt hat. Dazu kommt ein echtes Problem für Touris: Auch in Südafrika gibt es Slums, aber die sind sehr groß und dafür nicht so zahlreich. Und Soweto kann man viel leichter meiden als die fast 700 (siebenhundert) Favelas von Rio. Die teilweise Wand-an-Wand mit reichen Gegenden sind, und manch eine Touristenattraktion kann ausschließlich über Favelas erreicht werden.
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