Cannabis-Streit in L.A.: Joint-Verbot in der Stadt der Kiffer

Aus Los Angeles berichtet

Joints aus medizinischen Gründen: In Kalifornien und anderen Bundesstaaten dürfen Kranke Cannabis konsumieren. Mit tausend Ausgabestätten ist Los Angeles Amerikas Marihuana-Hochburg. Jetzt griff der Stadtrat ein.

Los Angeles: Streit im Kifferparadies Fotos
SPIEGEL ONLINE

Der Rathaussaal von Los Angeles gleicht einem Krönungssaal. 1928 fertiggestellt, protzt die Halle mit geschnitzten Holzbalken, Deckengemälden, Marmorsäulen, eindrucksvollen Flaggen und einem Fußboden aus Terrakotta-Kacheln. Die 15 Stadträte sitzen an Tischen in Hufeisenform, die Besucher in Holzbänken, wie in der Kirche.

An diesem Morgen geht die Erbauung freilich schnell flöten. Nicht nur die Stadträte kräuseln die Nase: Marihuana-Duft erfüllt die Luft. Ein buntes Publikum ist im Saal, zahlreiche Zuschauer sind tätowiert, die Männer bezopft. Sie kichern, kauen Kekse, häkeln. Viele tragen T-Shirts mit Slogans. Zum Beispiel: "Growing Good Jobs."

Gute Jobs anbauen? Die T-Shirts stammen von der Einzelhandelsgewerkschaft UFCW, die damit zu einem Reizthema Stellung bezieht, das gerade ganz Los Angeles bewegt: Anbau und Verkauf von "Medical Marijuana" - Cannabis als legales Arzneimittel. Die Gewerkschaft ist dafür, und manche der Drogenanhänger im Ratssaal haben vorhin wohl noch schnell gekifft.

Wer wissen will, was Los Angeles gerade umtreibt, der muss den Stadtrat besuchen. Die Tagesordnung schwankt zwischen Banalität und Drama - wie die 13-Millionen-Metropole selbst, die den Eskapismus Hollywoods ebenso ernst nimmt wie die Rassenunruhen in Watts.

Doch diesmal geht es um eine Frage, die beide Extreme vereint, das Lächerliche und das Leidvolle. Eine Frage, die die Angelenos entzweit - und die ausgerechnet jetzt verhandelt wird, als unser Amerika-Roadtrip hier sein Ziel erreicht: Los Angeles, Stadt der Engel und der Kiffer.

30 Einzelpunkte hat die Agenda des Tages. Der spannendste aber, für den auch die meisten Zuschauer hergekommen sind, ist Punkt 18: ein Verbot aller Marihuana-Apotheken in der Stadt.

Die US-Regierung sieht Cannabis ausnahmslos als illegale Droge. Doch 19 Staaten haben sich darüber hinweggesetzt und den medizinischen Einsatz legalisiert, allen voran Kalifornien. Hier darf Cannabis seit 1996 konsumiert werden, gegen allerlei Leiden, von Aids bis Depression.

Das hat zu ziemlichem Chaos geführt. Die legale Situation bleibt unklar, trotz und vor allem dank widersprüchlicher Gerichtsurteile. Cannabis-Apotheken schossen aus dem Boden wie Gras. Oft nur winzige Läden, unreguliert und unkontrolliert. Sie verstoßen gegen Bundesrecht, aber nicht gegen Landesrecht.

Anwohner beklagen den Niedergang ihrer Viertel

Los Angeles ist Amerikas Marihuana-Hochburg. Offiziell gibt es 762 "dispensaries", wie sie hier heißen, erlaubt wären mehr als tausend. Anwohner beschweren sich über Unrat, Kriminalität, den Niedergang ihrer Viertel. Die Cannabis-Verkäufer dagegen haben sich mittlerweile sogar gewerkschaftlich organisiert.

Jetzt will der Stadtrat reinen Tisch machen. Doch zuvor hört er ordentlich alle Argumente an, pro und contra.

Coby Lopez hat sich gut vorbereitet. Sein T-Shirt fordert "sicheren Zugang für Patienten". Er sei Armeeveteran, sagt er, seine tätowierten Finger zucken. "Ich lebe im Schmerz." Die Liste seiner Krankheiten, die Cannabis erforderten, ist lang, und er will sie dem Stadtrat vorlegen.

Doch erst sind andere dran. Stadtrat Ed Reyes, ein Demokrat, beklagt "Morde, Raubüberfälle und Gewalt" im Umfeld der Cannabis-Stätten - eine beliebte Behauptung, die von der Statistik aber nicht belegt, sondern sogar widerlegt wird.

Eine Reihe Anwohner argumentiert trotzdem wie Reyes. "Meine Nachbarn leben in Angst", sagt Doug Fitzsimmons, Präsident des South Robertson Neighborhood Councils. Teresa Marquez aus Boyle Heights, einem Latino-Viertel, erzählt von ihrem Klempner: "Er hat sich in meinem Haus mit nur zwei Zimmern völlig verlaufen. Er hatte Marihuana geraucht."

Die Marihuana-Befürworter sind mal beklemmend, mal amüsant. Ein Filmemacher mit Depressionen stellt sich als "produktiver Cannabis-Nutzer" vor. Drehbuchautor Mike Gray lässt eine Tirade gegen den "Drug War" der US-Regierung los: "Er erhöhte die Suchtrate um 500 Prozent!"

Raul Barrios kommt mit Wallace Johnson, seinem ausgemergelten Lebensgefährten. Beide litten seit 1998 an Aids und lebten nur dank Cannabis, sagt Barrios: "Ich landete zweimal im Knast, um uns medizinisches Marihuana zu besorgen."

C.J. Cesarian humpelt auf Krücken an: Er leide an Kinderlähmung und habe Angst, sich künftig auf illegale Dealer verlassen zu müssen. Michael Oliveri kommt im Rollstuhl: "Ich will nicht kiffen, ich will nur überleben."

30 Tage Frist

Das Publikum schweigt betroffen, jauchzt bei jedem Witz dann aber wieder laut. Etwa, als ein Mann vom Krebstod seiner Mutter erzählt: "Sie wusste nicht, was sie da geraucht hatte, aber sie hatte ein Lächeln auf dem Gesicht."

Juan Alcala erscheint mit weißen Engelsflügeln, einen Joint zwischen den Lippen. Er murmelt ununterbrochen vor sich hin, stößt Flüche aus und wird schließlich von Wachbeamten vor die Tür gesetzt. "Scheißkerle!", ist noch zu hören.

Coby Lopez hat bis zum Schluss geduldig gewartet, doch Ratspräsident Herb Wesson lässt ihn nicht mehr ans Mikrofon: "Die Zeit ist abgelaufen." Fassungslos und wutentbrannt stürmt Lopez aus dem Saal: "Fickt euch alle!"

In geschlossener Sitzung stimmt der Stadtrat dann über das Verbot der Cannabis-Apotheken ab. Das Votum ist klar: 14 zu 0. Die Läden haben nun noch 30 Tage Zeit, dichtzumachen.

Die Betroffenen reagieren gelassen, wie es ihre Zunft offenbar gebietet. "Alle paar Tage ist es was anderes", sagt Chuck Johnson, der eine Cannabis-Apotheke in North Hollywood hat, dem Nachrichtendienst City News Service. "Und nächste Woche wird wieder alles neu."

In der Tat verstößt die Verfügung gegen mindestens ein vorheriges Gerichtsurteil. Früher oder später wird das alles vor dem Obersten Gerichtshof Kaliforniens landen.

"Keine Sorge", sagt auch Coby Lopez, der sich auf der Straße inzwischen wieder beruhigt hat. "Wir werden weiter kämpfen, jeden Tag." Doch erst mal will er eine Dosis nachlegen. Er macht ein Siegeszeichen und verschwindet.

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insgesamt 143 Beiträge
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1.
niska 31.07.2012
Zitat von sysopJoints aus medizinischen Gründen: In Kalifornien und anderen Bundesstaaten dürfen Kranke Cannabis konsumieren. Mit tausend Ausgabestätten ist Los Angeles Amerikas Marihuana-Hochburg. Jetzt griff der Stadtrat ein. Roadtrip: Stadtrat von Los Angeles verbietet Verkauf von Cannabis - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847104,00.html)
Ich finde es erschreckend, wie auch in den US ('Land of the Free') einige Millionen Menschen seit Jahrzehnten durch krasse Lügen aufgrund von knallharten Wirtschaftsinteressen (Pharma-,Chemie,-Schnapslobby) systematisch kriminalisiert werden. Jeder erwachsene Mensch sollte das Recht haben selbst zu entscheiden, was er seinem Organismus zuführt. Ich mach mir nichts aus Gras, aber jeder hat ein Recht auf den Rausch, den er möchte.
2. korrupte Verbrecherpolitik
Rudi Gneisser 31.07.2012
Eine sachliche Berichterstattung ohne die üblichen dümmlichen Klischees war wohl nicht möglich? Ein Staat, der schwerstkranken Menschen aus ideologischen Gründen Medikamente verweigert, hat jede Existenzberechtigung verloren. So einen Staat muss man belügen, betrügen und bekämpfen wo_es_nur_geht. Egal ob USA oder BRD.
3. An ihrem Namen sollt ihr sie erkennen :-)
eva_b 31.07.2012
"Stadtrat Ed Reyes" Klar, dass das ein Gegner ist. Sonst hieße er ja Red Eyes.
4. Schön zu wissen....
gracie 31.07.2012
Zitat von sysopJoints aus medizinischen Gründen: In Kalifornien und anderen Bundesstaaten dürfen Kranke Cannabis konsumieren. Mit tausend Ausgabestätten ist Los Angeles Amerikas Marihuana-Hochburg. Jetzt griff der Stadtrat ein. Roadtrip: Stadtrat von Los Angeles verbietet Verkauf von Cannabis - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847104,00.html)
...dass L.A keine andere Sorgen hat, als Kiffern auf die Pelle zu rücken.
5. Fya
captndelta 31.07.2012
Zitat von eva_bFassungslos und wutentbrannt stürmt Lopez aus dem Saal: "Fickt euch alle!"
WTF? Denglish for Dummies?
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