Wahlkampf-Roadtrip durch die USA: Jungstar auf Butterfahrt

Was bewegt Amerika vor der Wahl? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke ist auf USA-Rundreise. In North Carolina begegnet er dem republikanischen Hoffnungsträger Marco Rubio. Der verhökert seine Memoiren - doch alle wollen nur eins wissen: Wird er Mitt Romneys Vize?

Republikaner Rubio: Telegener Latino als ideales Romney-Pendant? Fotos
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Im Einkaufszentrum Concord Mills jauchzt das Verbraucherherz. Die Mega-Mall ist North Carolinas größte Touristenattraktion: ein Vergnügungspark des Konsums mit Hunderten Outlet-Geschäften, Kastenkinos und Fast-Food-Ketten, von Burger King bis Yeung's Lotus Express. Mittendrin dreht sich ein Karussell.

An diesem Tag aber gibt es in Concord Mills etwas anderes im Sonderangebot: Wahlkampf - ganz indiskret als Signierstunde getarnt.

Es ist High Noon, als Marco Rubios Bücherbus vorrollt. Das bombastische Luxusgefährt verrät sofort seine Agenda. "Marco Rubio 2012 Book Tour", prangt fett auf der Seite, daneben der Titel besagten Buches, quer über einem Sternenbanner: "An American Son", ein amerikanischer Sohn. Pompöser geht's kaum.

Wenn Politiker Wahlen gewinnen wollen, schreiben sie Bücher. Der Republikaner Rubio steht zwar nicht zur Wiederwahl, er sitzt erst seit 2011 im US-Senat. Trotzdem ist der fesche Latino-Jungstar der am heißesten gehandelte Name seiner Partei. Heißer noch als Mitt Romney, der ihn zum Vizekandidaten machen könnte.

Brav gescheitelt in der Demokraten-Trutzburg

Grund genug für frühe Memoiren: In dem Buch erzählt Rubio von seinen Eltern aus Kuba, von seiner jugendlichen Vorliebe für Schaumpartys und davon, wie er 1996 einmal so betrunken war, dass er einen Wahlkampfjet vollkotzte.

Ein politisch harmloses Empfehlungsschreiben also, das Rubio nun per Signiertour feilbietet, 26,95 Dollar minus zehn Prozent Rabatt. Der Hoffnungsträger auf Butterfahrt: In seiner Heimat Florida ist er los, 19 Stopps hat er hinter sich, jetzt ist er in Charlotte angelangt, die Demokraten-Trutzburg im Republikaner-Staat. Hier kreuzen sich unsere Wege, rein zufällig:

Wir kommen auf unserer USA-Rundreise von Norden, er kommt von Süden.

Der Mann, der da aus dem Bus springt, sieht aus wie ein Kind. Rubio, 41, hat Pausbacken, er ist relativ klein, trägt Khakis und das Haar brav gescheitelt. "Hallo Leute!", ruft er auf den hitzeflimmernden Parkplatz hinaus. Doch nur die Dame vom Buchladen begrüßt ihn, flankiert von einem Cop, der mit ihm für Fotos posiert.

Die meisten Shopper wollen, wie wir, nur kurze Kühlung und schnelle Snacks. Stattdessen landen sie unvermutet mitten im Wahlkampf.

Wen wundert's. Im September halten die Demokraten in Charlotte ihren Parteitag ab. Doch jetzt schon rumort es. Parteipromis haben abgesagt, Zehntausende eine Petition unterzeichnet, die Sause aus Protest gegen North Carolinas rechte Politik zu verlegen.

Trotzdem merkt Rubio, dass ihm der Wind in Charlotte ins Gesicht weht. Anderswo haben sie sich zu Hunderten gedrängelt. Diesmal kommen gerade mal 50 Wackere zu Books-A-Million, die örtliche Filiale der zweitgrößten US-Buchkette. Artig stehen sie Schlange, zwischen den Regalen für Krimis und Kitschromane.

"Obama ist erledigt"

"Ich fühle mich ihm verwandt", sagt Ciro Camblor. Für den Exilkubaner, der seine Heimat als Vierjähriger zurückließ, wäre Rubio ein Traumkandidat: "Romney ist viel zu steif. Rubio ist telegen und bringt Latino-Stimmen."

Nicht unbedingt. Auch bei den Latinos wird Rubio kontrovers diskutiert, wegen seiner konservativen Law-and-Order-Einwanderungspolitik. Manche Landsleute nennen ihn sogar abfällig den "immigrantenfeindlichen Immigrantensohn".

Für Bob Diamond geht es hier denn auch um ganz andere Dinge. "Die Wirtschaft", sagt der Drogist und Rubio-Fan. "Unter Obama wurde alles schlimmer." Am Morgen sind die neuen Arbeitsmarktzahlen herausgekommen. "Obama ist erledigt", freut sich Diamond, der zugleich ehrenamtlicher Republikaner-Bezirkschef ist.

Rubio eilt herbei, stellt sich an ein Pult und beginnt zu signieren. "Hi, ich bin Marco", sagt er. "Es ist mir eine Ehre." In jedes Buch schreibt er auf Wunsch eine Widmung. In Bob Diamonds Buch schreibt er: "Thank you, Bob."

Rubio ist charmant, umgänglich, locker. Das genaue Gegenteil des Mannes, an dessen Seite er in den herbstlichen Wahlkampf ziehen könnte. Seine Shootingstar-Biografie wäre das ideale Pendant zum gelackten Romney.

Rubio, der Retter?

Der "Kronprinz" der Tea Party gewann die Senatswahl mit 48,9 Prozent. An seinem Heiligenschein kratzt selbst nicht, dass die Story seiner Eltern nicht ganz so heroisch war, wie er das mal behauptet hatte: Sie entkamen nicht Fidel Castros Kuba, sondern emigrierten drei Jahre vor Castros Machtübernahme 1959.

Kubanische Zustände wähnt Amy Parrish jetzt auch hier. "Kriminell, was mit unserem Land passiert", sagt die Hausfrau, die sich für Rubio ein Romney-T-Shirt angezogen hat. "Unsere Rechte und Freiheiten werden ausgehöhlt. Die Wirtschaft wird unterminiert. Wir driften in Richtung eines sozialistischen Europas."

Rubio, der Retter? Jedenfalls fragen sie ihn hier alle, ob er eine Vizekandidatur annehmen würde. "Vor drei Monaten habe ich eine Entscheidung getroffen", sagt er dazu grinsend, "und zwar, darüber nicht zu reden." Dennoch lobt er Romney schon mal fleißig: "Er hatte mit allem Erfolg, was er angepackt hat."

Nach 45 Minuten ist der Spuk vorbei. Rubio posiert noch für ein paar Fotos, steigt wieder in seinen Superbus und rauscht davon. Zurück bleiben Camblor und Diamond, gleichermaßen strahlend. "Das war schön", findet Diamond. "Die Demokraten werden wir noch überleben."

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Richtig
gandhiforever 08.07.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWas bewegt Amerika vor der Wahl? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke ist auf USA-Rundreise. In North Carolina begegnet er dem republikanischen Hoffnungsträger Marco Rubio. Der verhökert seine Memoiren - doch alle wollen nur eins wissen: Wird er Mitt Romneys Vize? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,843119,00.html
Rubios Eltern stammen aus Kuba, und weil unter Floridas Hispanics (weil hauptsaechlich kubanischer Herkunft) Castros Kuba so beliebt ist wie die Russen in Polen, wollte Rubio auch davon profitieren. Also portraitierte er seine Familie als Verfolgte des kubanischen Regimes. Es gab nur ein Problem: die Rubios waren schon vor Fidel Castros Machtuebernahme aus Kuba ausgewandert. Ein guter Republikaner halt, der Rubio!
2. Vize von Romney wird...
henniman 08.07.2012
Rand Paul, der Sohn von Ron Paul. Nur er garantiert den Republikanern die unabhängigen Stimmen.
3. Das sozialistische Europa
achtmalklug 09.07.2012
"Wir driften in Richtung eines sozialistischen Europas" wird die Anhängerin des charmanten amerikanischen Sohns da zitiert. Die Panik vor dem "Sozialismus" hat man den Amis sehr gründlich eingeimpft. Wenn ich diese Bilder sehe muss ich immer schmunzeln; der US-Wahlkampf ist seine eigene Satire.
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Roadtrip durch die USA
  • Canute Malcolm
    US-Korrespondent Marc Pitzke unternimmt einen Wahlkampf-Roadtrip und fährt dazu drei Wochen lang mit dem Auto quer durch die USA. Zwischen Ostküste (New York) und Westküste (Los Angeles) macht er sich auf die Suche nach Menschen, Orten und Geschichten, die jenseits der inszenierten Polit-Shows der Kandidaten zeigen, wie es den Amerikanern wirklich geht - was sie sorgt, freut, ängstigt, bewegt oder auch kalt lässt.

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Bevölkerung: 310,384 Mio.

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