Rob O'Neill auf Fox News Heldengedöns für die Quote

"Der Mann, der Osama Bin Laden tötete": So bewarb der TV-Kanal Fox News seine Exklusiv-Doku über den vermeintlichen Schützen Rob O'Neill. Der Mann wirkt sympathisch, aber der Sender hat eine Schmonzette geliefert.

Ehemaliger Navy Seal Robert O'Neill: Es ist ein bisschen wie Karaoke.
Bloomberg via Getty Images

Ehemaliger Navy Seal Robert O'Neill: Es ist ein bisschen wie Karaoke.

Von , Washington


Washington - Diese Geschichte kann gar nicht anders beginnen. Nicht, weil sie zwangsläufig wahr ist. Sondern weil sie bei Fox News läuft. Sie heißt: "Der Mann, der Osama Bin Laden tötete." Sie startet mit jenem Mann, dem US-Elitekämpfer Rob O'Neill.

Der erzählt, wie er im Helikopter sitzt, der ihn zu Bin Laden bringen wird. Aber O'Neill denkt an George W. Bush, den Ex-Präsidenten und dessen Rede direkt nach 9/11: "Die Freiheit selbst wurde heute Morgen von einem gesichtslosen Feigling angegriffen - und die Freiheit wird verteidigt werden." Rob O'Neill murmelt dieses Zitat vor sich hin, und die Leute von Fox News legen den echten Bush drunter. Es ist ein bisschen wie Karaoke.

Sogar ein Codewort hatten sie sich ausgedacht

"The Man Who Killed Usama bin Laden" ist eine zweiteilige Dokumentation mit Interviewpassagen, die Fox News an diesem Dienstag - zugleich Veterans Day in Amerika, Feiertag der Kriegsheimkehrer - sowie Mittwoch jeweils spät abends ausstrahlt. Eigentlich sollte es ein Scoop werden. Fox News versprach, die Identität des Mannes zu enthüllen, der den Top-Terroristen am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abottabbad erschossen haben will - Rob O'Neill eben. Sogar ein Codewort hatten sie sich senderintern ausgedacht: "Gatewood".

Doch erstens ist heftig umstritten, ob O'Neill tatsächlich der Todesschütze ist. Mehrere US-Medien und Insider berichten, Bin Laden sei schon tot gewesen, als O'Neill auf ihn gefeuert habe.

Und zweitens ist die Fox-News-Story längst nicht mehr exklusiv. Denn bevor der frühere Navy-Seal-Kämpfer O'Neill das Schweigegelübde der Elitetruppe brechen konnte, enttarnten ihn verärgerte Ex-Kameraden im Vorfeld auf ihrer Internetplattform sofrep.com, diverse Medien zogen nach, CNN spielte Audiomitschnitte von Gesprächen ab, die O'Neill in den vergangenen Monaten mit einer freien Journalistin geführt hatte. Einer seiner zentralen Sätze handelte davon, dass er genug habe vom Versteckspiel: "Jeder Army-Angehörige schreibt ein Buch, die werden alle als Helden gepriesen; aber wenn du das als Seal machst, dann bist du gleich ein verdammter Schurke."

Fox News machte dennoch ordentlich Welle. "Eine der stärksten Sendungen, die man jemals sehen wird", versprach Peter Doocy noch wenige Minuten vor dem Start. Doocy ist der Journalist, der die Doku gedreht hat. Zu Beginn des Films werden Fotos aus O'Neills Kindheit eingeblendet, Familienbilder, Highschool-Zeit. Schnitt. Der 27-jährige Doocy spaziert mit dem 38-jährigen O'Neill durch dessen Heimatstadt Butte in Montana. Es sieht aus wie kleiner Bruder, großer Bruder. Schnitt. Sie essen einen Burger in O'Neills Lieblingsladen, die Regie spielt Klavier- und Synthesizerklänge ein.

Gaddafi oder bin Laden?

O'Neills Geschichte ist die eines durchschnittlichen Teenagers in Amerikas Provinz: Mit dem Vater ging er auf die Jagd, er jobbte bei McDonalds und als Pizzalieferant. Journalist Doocy komponiert daraus dies: "Es war hier in Butte, wo er das Autofahren lernte; hier lernte er das Schießen; und hier führte ihn das Schicksal zum Militär."

Jetzt kommen Bilder von hart trainierenden Männern, die Navy Seals. Liegestütze, Sit-ups, laufen, schwimmen, Fallschirmspringen, schießen. Mit 21 Jahren ist O'Neill fertig mit der Ausbildung. Dann die Anschläge vom 11. September. O'Neills Navy Seal Team Six, die Elite der Elite, wird in Afghanistan und im Irak eingesetzt, sie jagen Terrorführer: "Da lernten wir das Kämpfen." Als der Frachter "Maersk Alabama" von somalischen Piraten entführt wird, ist O'Neill auch dort zur Stelle und beteiligt an der Rettung des Kapitäns.

Und dann, endlich: Osama Bin Laden. Aber das wussten sie natürlich anfangs nicht. "Wir dachten, es geht um Gaddafi, weil es die Zeit des Arabischen Frühlings war." Später, auf dem Weg zu Bin Ladens Versteck nach Pakistan, hätten sie sich damit abgefunden, sterben zu müssen. O'Neill schreibt Abschiedsbriefe an seine Frau, seine Kinder. Den Vater ruft er an: Der sitzt zu diesem Zeitpunkt im Auto, auf dem Walmart-Parkplatz von Butte. "Ich sagte ihm Goodbye und danke für alles", erinnert sich O'Neill.

Irgendwann drehen die Fox-News-Leute die Musik hoch, es wird sehr pathetisch. Dann ist vorerst Schluss, das "epische Finale" wird für Mittwochabend angekündigt. Reichlich seicht ist das alles, künstlich und aufgesetzt. Dabei wirkt O'Neill eigentlich bodenständig, sympathisch. Es ist das Fox-News-Setting, das nicht passt.

Natürlich ist der Tod Bin Ladens ein Grund zur Freude, was denn sonst? Natürlich kann man dem mutmaßlichen Schützen dankbar sein. Natürlich kann man darüber einen emotionalen Film machen. "Band of Brothers" zum Beispiel, Steven Spielbergs Weltkriegssaga, ist großes Kino: erhebend, manchmal voller Kitsch, immer Gänsehautfeeling.

Fox News dagegen versucht mit pseudo-patriotischem Heldengedöns Quote zu machen. Das ist armselig.

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Tödliche US-Operation: Die Jagd auf Bin Laden

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zick-zack 12.11.2014
1. Wozu?
Wozu diese Meldung? Der Sender wird hier gar nicht ausgestrahlt...
brehn 12.11.2014
2. wie bitte?
"Natürlich ist der Tod bin Ladens ein Grund zur Freude, was denn sonst?" ja, sagen sie mal...sie vertreten aber schon noch rechtstaatliche prinzipien oder etwa nicht? Befürworter der Todesstrafe scheinen Sie ja zu sein, jedoch bedarf auch diese einer Verhandlung und einer Verurteilung... Für mich ist niemandes Tod Grund zur Freude, zumal mich in diesem Fall auch Interessiert hätte, was der Angeklagte zu seiner "Verteidigung" vorzubringen gehabt hätte.
shadowrunner 12.11.2014
3. Zero Dark Thirty
Hierzu kann man den Hollywoodfilm von 2012 von Kathryn Bigelow noch erwähnen. Der Film dreht sich um eine CIA-Agentin, die beharrlich und als einzige eine Spur verfolgt, die zur Aufdeckung Bin Ladens Versteck führt. Welcher Soldat am Ende Bin Laden tötet ist eher nebensächlich, weil die Tatsache, dass es dieser eine Soldat war, relativ zufällig war. Bis zur Einsatznacht hatte der Soldat mit Bin Laden auch nix am Hut. Pathos pur, als Nichtamerikaner wäre dies wohl schwer zu ertragen.
invictus 12.11.2014
4. Grund zur Freude?
Zitat von brehn"Natürlich ist der Tod bin Ladens ein Grund zur Freude, was denn sonst?" ja, sagen sie mal...sie vertreten aber schon noch rechtstaatliche prinzipien oder etwa nicht? Befürworter der Todesstrafe scheinen Sie ja zu sein, jedoch bedarf auch diese einer Verhandlung und einer Verurteilung... Für mich ist niemandes Tod Grund zur Freude, zumal mich in diesem Fall auch Interessiert hätte, was der Angeklagte zu seiner "Verteidigung" vorzubringen gehabt hätte.
/sign Entweder hat der Autor sie nicht mehr alle oder seine rechtstaatlichen Prinzipien unterscheiden sich drastisch von denen des Rests dieser Republik oder er biedert sich so sehr an die USA an, dass es schon weh tut. Da hilft auch keine Rezensions-artige Kritik am ohnehin flachen Fox-Sender mehr.
SNA 12.11.2014
5. Ein Held
Nach seiner eigenen Aussage soll Bin Laden unbewaffnet gewesen sein und beide Hände sollen sichtbar gewesen sein ("er hatte beide Hände auf den Schultern einer Frau"). Wie nennt man das nochmal, wenn man unbewaffnete tötet?
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