Entführter Ex-FBI-Agent: Rätsel um den Guantanamo-Mann

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Vor sechs Jahren verschwand ein Ex-FBI-Agent in Iran, nun tauchen Fotos auf, die ihn zeigen sollen - in Gefängniskluft, wie sie die Insassen von Guantanamo tragen. Wahrscheinlich sind sie gefälscht. Die US-Regierung tappt im Dunkeln, wer ihn festhält und ob der Mann überhaupt noch lebt.

Robert Levinson: Der mysteriöse Guantanamo-Mann Fotos
AP/ Levinson Family

Washington - Das letzte Lebenszeichen von Robert Levinson ist eine 56-Sekunden-Videobotschaft. Der Ex-FBI-Agent hat dicke Augenringe und wirkt schwach. "Ich werde seit dreieinhalb Jahren hier festgehalten", sagt er mit brüchiger Stimme. "Ich bin nicht in einer besonders guten gesundheitlichen Verfassung. Mir gehen sehr schnell meine Diabetes-Medikamente aus." Im Hintergrund ist paschtunische Hochzeitsmusik zu hören. US-Ermittler konnten das Video zu einem Internetcafé in Pakistan zurückverfolgen. Dort endete die Spur.

Nun sind Fotos aufgetaucht, die Robert Levinson vier Jahre nach seiner Entführung zeigen sollen. Seine Familie bekam sie 2011 zugeschickt und hat sie jetzt erst veröffentlicht. Levinsons Angehörigen sind verzweifelt. Sie wollen Druck auf die US-Regierung machen, denn sie haben das Gefühl, dass sie zu wenig für Levinsons Freilassung tut.

Die Aufnahmen zeigen einen Mann in einem orangefarbenen Overall und mit einer Eisenkette um den Hals. Er hält verschiedene weiße Papierschilder in die Kamera, auf denen in Druckbuchstaben auf Englisch steht: "Ich bin hier in Guantanamo. Wisst ihr, wo das ist?"

Fotos ähneln einer FBI-Computersimulation

Auch sechs Jahre, nachdem Robert Levinson verschwand, und trotz einer Belohnung von einer Million Dollar für sachdienliche Hinweise, weiß die US-Regierung nicht, wer ihn festhält und wo - geschweige denn, ob er überhaupt noch am Leben ist. Denn den Guantanamo-Mann auf den nun veröffentlichten Fotos gibt es möglicherweise gar nicht. Die Aufnahmen sind wahrscheinlich ein Fake.

Die Bilder sollen ein halbes Jahr nach der Videobotschaft Levinsons entstanden sein, und doch zeigen sie einen völlig anders aussehenden Mann. Statt einer licht werdenden Halbglatze etwa ist auf einmal eine Strubbelmähne zu sehen. Auffällig ist, dass der Mann auf den Bildern immer exakt denselben Gesichtsausdruck hat.

Der Gesichtsausdruck, die Frisur des Guantanamo-Manns - es ist genau das Porträt Levinsons, das auf der Webseite des FBI gezeigt wird, dort allerdings mit dem Vermerk: "Computersimulation". Wann diese Simulation zum ersten Mal veröffentlicht wurde, ist nicht ganz sicher. Stimmt die Angabe des FBI, dass dieses Porträt am Computer erstellt und das Bild vor April 2011 veröffentlicht wurde, dann zeigt die Guantanamo-Serie die virtuelle Person, wie sie das FBI geschaffen hat.

Wer den Angehörigen von Levinson die grausamen Fotos per E-Mail zugeschickt hat, ist unbekannt. Die Nachrichtenagentur AP zitiert einen ungenannten US-Ermittler damit, man habe die Fotos auf ein Smartphone in Afghanistan zurückverfolgen können. Doch der Besitzer des Smartphones hatte mit der Sache nichts zu tun. Wieder verlor sich die Spur. Einige US-Ermittler munkelten nun, ein Profi müsse die Fotos übermittelt haben - vielleicht der iranische Geheimdienst, ein langjähriger Verdächtigter in dem Fall.

Levinson hatte sich in Iran mit einem Auftragskiller getroffen

Verschwunden war der damals knapp 59-jährige Levinson im März 2007 auf den iranischen Kisch-Inseln, zollfreies Urlaubsparadies und Hochburg des organisierten Verbrechens im Persischen Golf. Was er dort wollte, ist unklar. Der Ex-Agent war 1998 aus dem FBI ausgeschieden und hatte sich als privater Ermittler selbstständig gemacht, sein Spezialgebiet: russische Verbrecherbanden. Seine Familie sagt, Levinson habe über Zigarettenschmuggel auf den Kisch-Inseln Nachforschungen anstellen wollen für einen privaten Kunden.

Dabei traf Levinson sich nach Erkenntnissen der "New York Times" mit Dawud Salahuddin, einem dubiosen Amerikaner, der mit 18 Jahren zum Islam konvertiert war und seine Dienste dem gerade erst errichteten iranischen Regime angeboten hatte. 1980 erschoss Salahuddin im Auftrag Teherans einen Exil-Iraner in dessen Wohnung bei Washington und floh anschließend nach Iran. Später kämpfte Salahuddin mit den Mudschaheddin in Afghanistan und war Chefredakteur der Webseite des iranischen Staatssenders Press TV. Warum sich Levinson kurz vor seinem Verschwinden mit Salahuddin traf, ist ebenfalls unbekannt.

Dass Levinson von den Kisch-Inseln hätte verschwinden können, ohne dass der Überwachungsstaat Iran dies bemerkt hätte, bezweifelt die US-Regierung. Der Schlüssel zu seiner Freilassung wird daher in Teheran vermutet - entweder soll der iranische Geheimdienst selbst in die Entführung verwickelt sein oder eine mit Iran verbündete Gruppe. Als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad im September zur Uno-Generalversammlung in New York eintraf, ließ das FBI auf dem Times Square Fotos von Levinson aufhängen - als mahnende Erinnerung.

Iran selbst hat immer wieder bestritten, etwas mit seinem Verschwinden zu tun zu haben.

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1. Wer auch immer ihn hat
kf_mailer 10.01.2013
der spielt nach den gleichen Regeln wie die USA. Wer glaubt, das Recht und Gesetz nur von einem selber gebrochen werden darf, muss sich anschließend nicht wundern, wenn andere für sich das gleiche Recht beanspruchen.
2. Gitmo/Guantanamo
grass 10.01.2013
Dem Mann scheint genau das passiert zu sein, was auch einem ehemaligen Agenten des Irans passieren würde wenn er in die USA reist. Er verschwindet und taucht Jahre später in einem orangen Overall auf...
3.
D_v_T 10.01.2013
Soll diese Fotoserie ein Scherz sein? Natürlich ist es exakt dasselbe Gesicht wie auf dem simulierten Fahndungsfoto. Dann kann man doch wohl davon ausgehen, dass die Fotos Fälschungen sind.
4. es ist doch wohl
karl.von.vitovec@web.de 10.01.2013
offenkundig, dass da wieder etwas getürkt wurde. Sollte der Hinweis auf Gunatanamo hinweisen, dürfte es doch kein Problem sein, seine Indentität fest stellen zu können. Aber dann muss man sich fragen, was die ganze cheresade soll. Der einzige Sinn wäre, das das FBI etwas vertuschen möchte, was ja nicht das Erstemal wäre.
5. Bekanntlich sind ...
dafor 10.01.2013
Zitat von sysopAP/ Levinson FamilyVor sechs Jahren verschwand ein Ex-FBI-Agent in Iran, nun tauchen Fotos auf, die ihn zeigen sollen - in Gefängniskluft, wie sie die Insassen von Guantanamo tragen. Wahrscheinlich sind sie gefälscht. Die US-Regierung tappt im Dunkeln, wer ihn festhält und ob der Mann überhaupt noch lebt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/robert-levinson-neue-fotos-sind-wahrscheinliche-in-fake-a-876787.html
öffentliche Stellungnahmen von Regierungen ein politisches Mittel. Der Wahrheitsgehalt dessen, was die US-Regierung zum Verbleib des Mannes sagt ist daher politisch einzuschätzen und vermutlich nicht besonders hoch.
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