Rock 'n' Roll in Bagdad "Unsere Kinder haben wieder eine Zukunft"

In Bagdad herrscht wieder Ausnahmezustand - aber diesmal ein fröhlicher. Für viele war die Diktatur nicht beendet, solange Saddam Hussein ein freier Mann war. Zu tief sitzt das Trauma, zu groß war die Angst vor dem Herrscher. Jetzt entladen sich die Gefühle in Tränen, Tanz - und beim Friseur.


Jubel in Bagdad: "Das ist er"
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Jubel in Bagdad: "Das ist er"

Bagdad - Für Hussam war sein Haupthaar immer auch ein Ausdruck von Stolz. Er trug seine gepflegten dunklen Haare mittellang. Der Fahrer und Dolmetscher in Bagdad hatte sich bereits im März noch vor dem Krieg geschworen: "Wenn Saddam gestürzt wird, lasse ich mir den Kopf rasieren." Aber so was durfte man nicht laut sagen im Saddam-Staat, damals. Das erste Mal griff er zur Schere als im Krieg medienträchtig die Saddam-Statue fiel. "Jetzt ist es wieder so weit", sagt er. Am Sonntag, den 14. Dezember 2003, am Tag als Saddam Hussein gefasst wurde, verlor Hussam wieder sein Haar - und gewann den Glauben an das Leben zurück.

Am Anfang war es nur ein Gerücht. Aber schon nach den ersten noch unbestätigten Informationen liefen Einwohner der irakischen Hauptstadt auf die Straßen und feuerten mit kleinkalibrigen Schusswaffen in die Luft. Aber der Irak ist eben kein normales Land: Viele Ladenbesitzer schlossen erst einmal ihre Geschäfte. Sie erinnern sich noch gut an die Anarchie und das Chaos, immer dann, wenn die Emotionen hochkochten: Als Bagdad fiel, als Saddams Söhne gefasst wurden.

Tiefes Trauma

Manch einer mochte der Nachricht noch nicht recht vertrauen. Auch an den Tod der Saddam-Söhne wollten viele lange nicht glauben. Sie vermuteten einen Propagandatrick. Die neue irakische Zeitung "Bagdad Bulletin" fragte damals, als sie die Fotos der Leichen von Udai und Kussei veröffentlichten: "Was ändert das?"

Eine Ursache dieser Skepsis ist das tiefe Trauma vieler Iraker. Sie hatten Saddam als politischen Überlebenskünstler kennen gelernt - und als brutalen Strippenzieher, der nie vergisst. Im irakischen Volk war eine Urangst geblieben: Vielleicht kommt er doch zurück. Die absonderlichsten Geschichten kursierten in den Teestuben von Bagdad. Die beliebteste war, dass Saddam sogar einen Geheimdeal mit den Amerikanern ausgehandelt habe und sie sich die Beute, das Land, teilen. Saddam, das Phantom, spukte immer weiter durch die Köpfe. Für sie war es nicht vorbei.

"Jetzt können wir ganz neu anfangen", jubelt Jeman Kussan. Der Friseur arbeitet in der Hauptgeschäftsstraße in Bagdad. "Ich glaube es erst, wenn ich es selbst gesehen habe", sagt der 37-jährige: "Sie müssen uns zeigen, dass sie ihn wirklich haben."

Die Amerikaner wissen um die Skepsis und das Saddam-Trauma. In Bagdad zeigte das US-Militär Journalisten am Sonntag ein Video, in dem der ehemalige irakische Präsident nach seiner Festnahme bärtig und zerzaust im Gewahrsam von US-Soldaten zu sehen ist. Irakische Journalisten brachen in Jubel aus beim Anblick der Bilder: "Das ist er, das ist er", riefen sie. Einige kämpften mit ihren Tränen: "Tod für Saddam", forderten einige. Die Videobilder zeigen einen müden Mann mit zotteligem, zum Teil ergrauten Bart.

Um sich selbst zu überzeugen, wollte eine Delegation des irakischen Verwaltungsrates noch am Sonntag zur Zelle Saddam Husseins aufbrechen. Mehrere Mitglieder des von den USA eingesetzten Gremiums wurden schon frühzeitig vom obersten US-Zivilverwalter Paul Bremer informiert. "Der Verwaltungsrat möchte dem irakischen Volk und der gesamten Menschheit zu diesem riesigen Sieg gratulieren", hieß es in einer Erklärung des Rates. Bremer ist daran gelegen, den Verwaltungsrat in diese Erfolgsmeldung einzubinden, um dessen Ansehen beim irakischen Volk aufzuwerten. Es soll auch ihr Erfolg sein, weil das Gremium bei vielen Irakern in dem Ruf steht nur Handlanger amerikanischer Interessen zu sein.

Saddam-Festnahme: Freudenschüsse
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Saddam-Festnahme: Freudenschüsse

Die kurdischen Bewohner der nordirakischen Stadt Kirkuk feierten schon am Sonntagvormittag die ersten Hinweise auf die Verhaftung des bei ihnen besonders verhassten langjährigen Diktator. "Hier wird gefeiert wie auf einer Hochzeit", berichtet ein deutscher Kameramann gegenüber SPIEGEL ONLINE. Menschen liegen sich in den Armen, viele weinen und schütteln fassungslos vor Glück immer nur mit dem Kopf. "Allah ist groß" rufen sie - es ist ein Ruf nach Gerechtigkeit, vielleicht auch nach Rache.

Durch die irakische hauptstadt fuhren am Sonntag hupende Autokonvois, die Menschen tanzten auf der Straße. Nach all dem Blues tanzt Bagdad jetzt Rock 'n' Roll. Hussam wollte noch am gleichen Tag zum Friseur gehen. "Unsere Kinder" sagte er "haben jetzt wieder eine Zukunft".



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