Künftiger Präsident der Philippinen Die Angst der Reporter vor dem Scharfmacher

Die Philippinen sind eines der gefährlichsten Länder der Welt für Journalisten. Nach der Amtsübernahme des designierten Präsidenten Duterte dürfte die Situation für sie noch heikler werden.

Designierter Präsident Rodrigo Duterte
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Designierter Präsident Rodrigo Duterte

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Rodrigo Duterte hat von der internationalen Presse einen Spitznamen bekommen, der ihm einen gewissen Wiedererkennungswert garantiert: Der künftige Präsident der Philippinen wird dort gerne als asiatischer Donald Trump bezeichnet. Beide gefallen sich in der Macho-Pose und machen Wahlkampf mit populistischen Thesen. Beide lieben die scharfen Töne.

Damit enden jedoch die Parallelen. Duterte soll Menschenrechtlern zufolge als langjähriger Bürgermeister der Stadt Davao für die Tötung von Hunderten Menschen durch rechte Todesschwadronen mitverantwortlich sein. Im Wahlkampf kündigte er an, Zehntausende Kriminelle töten zu lassen, und setzte Kopfgelder für Drogenbosse aus. Das erste hat er schon ausgezahlt.

Mit großer Mehrheit wurde Duterte im Mai zum Präsidenten seines Landes gewählt. Vor allem das Versprechen der Ausrottung von Verbrechen soll ihm viele Anhänger beschert haben. Am 30. Juni tritt er sein Amt an.

Eine Gruppe hat Duterte vor diesem Datum besonders aufgeschreckt: die Journalisten in seinem Land. Vor Reportern sagte er, dass Medienvertreter nicht vor Gewalt geschützt werden, wenn sie etwas Falsches getan haben: "Nur weil du ein Journalist bist, bist du nicht von Mordanschlägen ausgenommen, wenn du ein Hurensohn bist."

Die Vereinten Nationen verurteilten den Kommentar scharf. Er könne als Signal an potenzielle Mörder interpretiert werden, dass sie unter bestimmten Bedingungen straffrei ausgehen, wenn sie Journalisten töten. Das erklärte der Uno-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, David Kaye. Dutertes Sprecher reagierte beschwichtigend: Der künftige Präsident toleriere keineswegs die Ermordung von Journalisten und rechtfertige diese auch nicht. Dessen Anhänger behaupten, das Zitat sei aus dem Kontext gerissen worden.

Doch das Misstrauen bei vielen Medienvertretern bleibt.

Etwa bei der philippinischen Journalismus-Studentin Angelica de Leon. Das Publikum sei in den vergangenen Jahren zunehmend skeptisch geworden gegenüber den Medienvertretern, schreibt sie auf der philippinischen Nachrichtenseite rappler.com. "Im besten Fall verlieren die Journalisten das Ansehen bei ihren Lesern und Zuschauern. Und im schlimmsten Fall werden sie vergewaltigt und umgebracht, wenn sie eine kritische Geschichte bringen." So wie Duterte nun die Journalisten angehe, werde diese Skepsis noch weiter geschürt. "Seine Worte lassen neutrale Berichterstatter wie eine Bande voreingenommener Gauner aussehen."

In den kommenden sechs Jahren von Dutertes' Amtszeit würden Journalisten nach und nach aus ihren Positionen verschwinden, wenn sie über den Präsidenten kritisch berichten, befürchtet Leon. Ihre Zukunftsvisionen sind düster: "Die Zensur lauert in jeder Nachrichtenredaktion."

Mehr Journalisten-Morde als Mexiko

Schon jetzt sind die Philippinen eines der gefährlichsten Länder für Medienvertreter weltweit. Seit 1986 wurden dort mehr als 175 Journalisten ermordet, nur im Irak waren es mehr. Auf dem Pressefreiheits-Ranking von "Reporter ohne Grenzen" landet das Land auf Rang 138 von 180. Die Organisation listet konkrete Fälle auf:

  • Der Radiojournalist Joash Dignos ist eines der prominentesten Opfer der vergangenen Jahre. Er wurde im November 2013 auf der philippinischen Insel Mindanao von Unbekannten mit 28 Schüssen umgebracht, die Täter entkamen. Dignos hatte sich im Programm des Senders DXGT Radio Abante immer wieder kritische geäußert, vor dem Attentat bekam er Morddrohungen.
  • Nur wenige Monate zuvor war der Radiojournalist Jesus Tabanao ebenfalls erschossen worden. Er arbeitete für DYRC Radyo Calungsoa und prangerte Drogenkartelle an.
  • Die beiden Zeitungsjournalisten Bonifacio Loreto und Richard Kho wurden ebenfalls Opfer eines Attentats. Sie schrieben für die "Aksyon Ngayon Newspaper" und hatten gerade über Korruption innerhalb der Polit-Elite berichtet. Khos Tochter sagte, die Recherche der Journalisten sei vermutlich der Grund für die tödliche Attacke.

"Bei uns werden mehr Journalisten umgebracht als in Mexiko", sagt Ryan Rosauro vom philippinischen Journalistenverband. "Dabei haben wir keine vergleichbaren politischen Probleme. Wir leben in einer der ältesten Demokratien Asiens." Die vielen Morde an Journalisten erklärt er sich mit dem schwachen Justizsystem des Landes. "Es dauert fünf oder sechs Jahre, bis Ermittlungen zu einem Mord abgeschlossen und überhaupt verhandelt werden kann." Außerdem seien die Politiker sehr auf den Erhalt ihrer Macht bedacht. "Wenn du ihnen im Weg stehst, bringen sie dich um."

In mindestens einem Fall taucht auch Dutertes Name wieder auf: Im Jahr 2009 ließ ein Clan in der südlichen Provinz Maguindanao 58 Menschen ermorden, darunter 32 Journalisten. Dutertes Sprecher gehörte zu den Anwälten der wegen der Morde angeklagten Familie.

Drohungen habe jeder Journalist an dem einen oder anderen Punkt seiner Karriere schon erlebt, erzählt Rosauro. Das führe oft zu Selbstzensur.

Journalismus-Studentin Leon will das nicht akzeptieren. Sie appelliert an andere junge Medienschaffende in ihrem Land: "Bleibt dabei, wenn es das ist, was ihr machen möchtet. Ignoriert die Warnungen eurer Familie und Freunde nicht, aber glaubt weiter daran, dass das, was ihr tut, eine Bedeutung hat. Riskiert nicht euer Leben für eine Geschichte - aber lasst auch nicht die Möglichkeit aus, sie zu erzählen."


Zusammengefasst: Der designierte philippinische Präsident Rodrigo Duterte hat die Ermordung von korrupten Journalisten erst legitimiert, nach internationalem Druck den Kommentar dann wieder zurückgenommen. Journalisten in dem Land blicken trotzdem mit Sorge auf seine Machtübernahme - ihre ohnehin schwierige Situation dürfte sich nach dem 30. Juni weiter zuspitzen. Dem Druck aus der Politik begegnen einige mit Selbstzensur.



insgesamt 16 Beiträge
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TOKH1 21.06.2016
1. Unvorstellbar
dass es überhaupt Menschen gibt die solche Menschen wählen. Wie schlimm muss es um ein Volk stehen, wenn man sich von der Pest zur Cholera flüchtet. Korruption ist das schlimmste Übel, weil es alle gesellschaftlichen Schichten durchzieht. Und Machtmenschen wie Duterte tun alles (Alles) dafür um diese Macht mit allen Mitteln zu erhalten.
patagoni 21.06.2016
2. Bitte unterscheiden!
Man hat hierzulande nicht den Hauch einer Ahnung, wie satt die Bevölkerung dort die Kriminalität und die Korruption hat und deshalb dieser Mann gewählt wurde, der vorher zumindest in Davao schon für eine höhere Sicherheit der Einwohner gesorgt hat. Der martialische Ton gehört zu ihm, damit erreicht er die Menschen. Seine angewandten Methoden waren aber weitaus weniger brachial, als hier dargestellt. Er fing bei der Polizei an, tauschte korrupte Beamte aus, erhöhte die Mannschaftsstärke und das Budget. Die Morde an den aufgeführten Journalisten gehen auf das Konto der "Mafia" und Abu Sayyaf, das sollte man wirklich nicht alles in einen Topf werfen und Duterte anlasten.
dereuropaeer 21.06.2016
3.
Wer einmal auf den Philippinen war und das Elend gesehen hat, der versteht, daß sich die Menschen hinter solch einen Präsidenten stellen. Banditen und Terroristen geht es jetzt endlich an den Kragen
keksguru 21.06.2016
4. macht das Land auch nicht heiler
und es gibt viel Übel auszurotten. Und der Wähler ist da nicht wählerisch - Drogenbosse für Vogelfrei zu erklären - hören die Leute gerne, aber mit Rechtsstaatlichkeit hat das überhaupt nichts zu tun. Sicherlich ist eine harte Hand nötig um das Land zu ordnen, aber man darf auch die Gefahr nicht außer Acht lassen daß da ein neuer Marcos heranwächst. Zumal die Marcos-Familie ja auch wieder politisch auf den Philippinen tätig ist.
ohne_mich 21.06.2016
5. Korrekt, patagoni!
Ich kenne mehrere Filipinos und auch viele Deutsche, die dort oft unterwegs sind - und ihre Aussagen decken sich mit Ihren. Vor allem Davao ist erstmals seit langem lebenswert und relativ ungefährlich geworden. (Der Westen, v.a. die Zamboanga-Halbinsel, wird immer noch von Islamisten aus dem nahen Indonesien terrorisiert - dort ist es gefährlich für Journalisten und Touristen.) Die Schmutzkampagne, die im Westen gegen Duterte gefahren wird, ist archetypisch und erinnert an Kampagnen gegen Trump, Putin & Co.
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