Ungarns harter Flüchtlingskurs Die Geister von Röszke

Keiner kommt mehr rein - und die, die bereits da sind, werden schleunigst in Züge Richtung Österreich gezwängt: Ungarn greift noch härter gegen Flüchtlinge durch. An der Grenze zu Serbien spielen sich gespenstische Szenen ab.

Aus Röszke berichtet


Fahles Laternenlicht beleuchtet den Bahnsteig in Röszke, Polizisten bilden ein langes, enges Spalier. Erschöpft laufen Flüchtlinge über die Eisenbahnschwellen, viele haben verschlafene kleine Kinder an der Hand oder auf dem Arm. Fast niemand spricht, während die Kommandos der Polizisten laut über den Bahnsteig hallen. "Go, go!, schreien sie, dann wieder: "Stop!"

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Die Polizisten, viele mit Mundschutz und Gummihandschuhen, sortieren die Menschen. Familien, Kinder, Alte, Kranke zuerst. Sie zählen ab, um die hundert passen in die Abteile eines Waggons. Dann rückt das Spalier der Polizisten weiter, der nächste Waggon kann vollgemacht werden. Stoisch lassen die Wartenden die Prozedur und das Geschrei der Polizisten in der Nacht zum Dienstag über sich ergehen.

Bilal, 15, steht mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern in der Schlange. Ein Junge mit weichen Gesichtszügen, Brille und einem kleinen Trilby-Hut. Die Familie kommt aus dem westsyrischen Hama, der Vater ist Koch, sie hatten dort ein kleines Restaurant, das sie verkauft haben, um von dem Geld nach Deutschland zu fliehen. Bilal erzählt, wie er auf dem Weg zur Schule manchmal einen Kugelhagel erlebte: "Ich möchte in Frieden zur Schule gehen."

"Go! Go!", rufen die Polizisten.

"Vielleicht hört der Krieg bei uns irgendwann auf, und wir können wieder nach Hause", sagt Bilal und steigt in einen Waggon.

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Flüchtlinge in Ungarn: Nachts auf den Bahnschienen
Tausende von Menschen warten viele Stunden lang in klapprigen Bussen darauf, dass sie in einen Sonderzug steigen können, der sie zur österreichischen Grenze bringt. Hunderte Bereitschaftspolizisten sichern den Bahnhof und die Dorfstraße, auf der die Busse stehen. Auf dem Bahnhof stinkt es, weil die Toiletten des Zuges direkt auf das Gleisbett geleert werden. Freiwillige Helfer verteilen Brötchen, Wasserflaschen und Babynahrung. 13 Waggons hat der Zug, der Einstieg dauert ewig.

Ungarns große Abschiebeaktion gegen Flüchtlinge hat am Wochenende begonnen. Es ist das vorläufige Schlusskapitel einer Politik, die zu einem Flüchtlingschaos im Land geführt hat. Bewusst verzichtete die Orbán-Regierung in den vergangenen beiden Jahren darauf, Kapazitäten für eine Erstaufnahme von Flüchtlingen auszubauen - obwohl vor allem in diesem Jahr absehbar war, dass immer mehr kommen würden.

Tausende Polizisten und Soldaten bewachen die Grenze

Trotz des immer größeren Andrangs in den letzten Wochen hinderten die Behörden Flüchtlinge zunächst nach Kräften an der Ausreise. Als sich die Budapester Bahnhöfe in riesige Flüchtlingslager verwandelten, duldeten sie stillschweigend, dass Flüchtlinge, mit oder ohne Registrierung, das Land in Richtung Österreich verließen. In der Nacht zum Sonntag schließlich organisierten die Behörden den Exodus selbst: Tausende Flüchtlinge aus Erstaufnahmelagern an der ungarisch-serbischen Grenze wurden in Sonderzügen an die österreichische Grenze gefahren.

Die Aktion begann zeitgleich mit der Abriegelung der Grenze zu Serbien: Ein neuer, vier Meter hoher Stacheldrahtzaun ist an vielen Stellen bereits fertig, Polizisten und Soldaten schieben Wache.

"Eine neue Epoche beginnt." Mit diesen Worten leitet der Regierungssprecher Zoltán Kovács seine nächtliche Pressekonferenz ein. Kurz vor Mitternacht an diesem Montag, Grenzübergang Röszke-Horgos. Kovács, schwere Schuhe, Jeans, weißes Hemd und darüber eine schwarze Lederjacke, steht vor einem Zaun des Grenzübergangs.

Weiter hinten warten ein paar Hundert Flüchtlinge darauf, zum Bahnhof Röszke gebracht zu werden. Kovács sagt, sie seien die letzten Flüchtlinge, die noch straflos illegal die Grenze übertreten hätten und die man nun zur österreichischen Grenze fahren werde. Ab Mitternacht, wenn die neuen Gesetze gelten würden, werde Ungarn den illegalen Übertritt und die Beschädigung des Zauns mit sofortiger Abschiebung oder Gefängnis bestrafen. Flüchtlinge könnten in Transitzonen kommen, sich dort registrieren lassen, einen Asylantrag stellen und auf einen gerichtlichen Schnellentscheid über ihr Gesuch warten.

Die ungarischen Verantwortlichen sehen sich im Recht

Was genau heißt Transitzone - wo werden diese Zonen sein, wie sind sie ausgestattet? Und wohin schiebt Ungarn abgelehnte Asylbewerber ab? Werden illegale Grenzverletzer sofort abgeschoben oder kommen sie in ein ungarisches Gefängnis? Wo genau finden die Gerichtsverfahren statt? Fragen, auf die Kovács keine Antworten hat. Er wiederholt nur immer wieder, dass Ungarn die illegale Einwanderung als Straftat betrachte und mit aller Strenge ahnden werde.

Aber bedeutet der behördlich organisierte Abtransport nach Österreich, zum Teil ohne Registrierung, keinen Verstoß gegen Schengenregeln und gegen das Dublin-Abkommen? Natürlich nicht, sagt Kovács, Ungarn halte alle Regeln ein, und es registriere auch alle Flüchtlinge. Neben Kovács steht György Bakondi, der Sicherheitsberater des Regierungschefs Viktor Orbán. "Was sollen wir denn machen, wenn sich Flüchtlinge mit Händen und Füßen gegen eine Registrierung wehren", fragt er später im Gespräch und lächelt.

Gábor Gyulai, der bei der ungarischen Menschenrechtsorganisation Helsinki-Komitee das Flüchtlingsprogramm leitet und seit Tagen die Situation an der Grenze beobachtet, hat die Pressekonferenz verfolgt und sagt anschließend: "Die ungarische Regierung und die Behörden sind völlig kopflos. Sie haben selbst keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Sie wollen einfach bloß die Flüchtlinge loswerden."

Bahnhof Röszke, 2.54 Uhr morgens. Mehr als drei Stunden hat es gedauert, bis der Zug voll war, nun fährt er endlich ab. Niemand jubelt, niemand winkt, niemand wirkt erleichtert.

In den schmutzigen Fenstern nur versteinerte Gesichter.

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