Rogges Kotau: IOC-Chef schmeichelt China

Kaum ist die Krise eingestanden, meint das IOC sie schon überwunden zu haben: Komitee-Chef Rogge jedenfalls freut sich auf "exzellente Spiele" und kündigt an, der Fackellauf werde allen Protesten zum Trotz auch durch Tibet führen. China rüstet mit mehr Aufpassern nach.

Peking - Das Internationale Olympische Komitee (IOC) geht auf Kuschelkurs zu China. Die Krise ist eingestanden, nun soll dem sportlichen Großereignis nichts mehr im Weg stehen. Mit ermunternden Worten geht IOC-Chef Jacques Rogge nun voran: "Ich kann nicht in der Kristallkugel lesen, aber ich bin optimistisch, dass wir exzellente Spiele erleben werden", sagte Rogge am Freitag in Peking.

Jacques Rogge: "Ich kann nicht in der Kristallkugel lesen"
AFP

Jacques Rogge: "Ich kann nicht in der Kristallkugel lesen"

Worte der Kritik? Fehlanzeige. Das IOC erklärte, es werde sich nicht zu Chinas Tibetpolitik äußern. Es handele sich allein um politische Themen, sagte Rogge. Das IOC dürfe "diese Linie nicht überschreiten". Ob die Regierung mit dem Dalai Lama verhandeln solle, sei zudem eine rein innerchinesische Angelegenheit. Bei der Vergabe-Entscheidung für Peking 2001 wurden von China unter anderem Fortschritte bei Meinungsfreiheit und Menschenrechten gefordert.

Rogge teilte mit, dass der Fackellauf wie geplant auch durch Tibet führt. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) habe noch einmal darüber gesprochen und entschieden, es bleibe bei der ausgemachten Route. Die von den Chinesen als "Reise der Harmonie" bezeichnete Welttour der Flamme geht über insgesamt 137.000 Kilometer und soll dabei auch auf den Mount Everest führen.

Bislang hat sich der Fackellauf aber zu einem Debakel für China entwickelt. Proteste gab es unter anderem in London, Paris und San Francisco. Die Demonstranten nutzen dabei das öffentliche Interesse, um auf Menschenrechtsverletzungen in China, die Unterdrückung in Tibet und die Haltung Pekings in den Konflikten im Sudan und in Birma hinzuweisen. In Paris musste der Fackellauf wegen der Proteste sogar abgebrochen werden. Auch in Argentinien, wo die Fackel am Freitag 14,5 Kilometer durch Buenos Aires getragen werden sollte, wurden Demonstrationen erwartet.

Wegen der heftigen Proteste hat China die Sicherheitsvorkehrungen für den verbleibenden internationalen Teil des olympischen Fackellaufs weiter verstärkt. Jedes Risiko, wenn es denn eines gebe, werde verringert, sagte der Leiter des Pekinger Organisationskomitees, Liu Qi, nach einem Treffen von IOC-Mitgliedern am Freitag.

Willkommen sind die chinesischen Spezialkräfte aber nicht überall. Japanische Sicherheitsbehörden haben den Einsatz der Fackelwächter in ihrem Land abgelehnt. Es sei eine Aufgabe japanischer Behörden, die olympische Flamme zu beschützen, sagte der Chef der Kommission für nationale Sicherheit, Shinya Izumi. Der Fackellauf soll am 26. April in Nagano Station machen. Nach der Veranstaltung in London war Kritik am aggressiven Verhalten der chinesischen Wächter laut geworden, die die Flamme durch die ganze Welt begleiten. Auch Indien und Australien haben den Einsatz der Chinesen in ihrem Land bereits abgelehnt.

Aus Protest gegen chinesische Menschenrechtsverletzungen sagte die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai ihre Teilnahme am Fackellauf am Wochenende in Tansania ab. Diese Spiele hätten keinen verbindenden Charakter mehr, sondern entzweiten die Menschen, erklärte Maathai. Die Umweltaktivistin hatte 2004 den Friedensnobelpreis erhalten.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon lässt seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking offen. Ban sei möglicherweise aus Termingründen bei der Feier nicht anwesend, sagte eine Sprecherin am Donnerstag.

Die chinesische Regierung reagierte unterdessen mit Empörung auf eine Resolution des US-Kongresses zu Tibet. Darin wurde das Vorgehen der Chinesen in Tibet verurteilt und die chinesische Führung zu Gesprächen mit dem Dalai Lama aufgefordert. Eine Sprecherin des Außenministeriums, Jiang Yu, bezeichnete die Resolution des US-Repräsentantenhauses als antichinesisch. Die Entschließung verdrehe die Geschichte Tibets und die neuzeitlichen Realitäten und verletze die Gefühle des chinesischen Volkes schwer.

Chinesische Truppen haben Tibet 1950/51 besetzt. Peking macht geltend, das Himalaja-Land sei jahrhundertelang von China regiert worden. Die Tibeter beanspruchen jedoch Autonomie. Sie befürchten, dass der Zustrom von Chinesen nach Tibet die buddhistische Kultur des Landes zerstören wird. Der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, ist 1959 nach einem gescheiterten Aufstand nach Indien geflohen.

Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua bezeichnete eine dem Dalai Lama nahe stehende Organisation der Exiltibeter, den Tibetischen Jugendkongress, als Terrororganisation. Der Tibetische Jugendkongress habe gewaltsame Unruhen im März in der tibetischen Hauptstadt Lhasa geplant. Dies zeige den terroristischen Charakter der Organisation, schrieb Xinhua. Die Organisation wies die Vorwürfe als Verleumdung zurück.

ffr/AP/sid/dpa/AFP

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