Aufregung um verhüllte Statuen in Rom Nur nix Nacktes

Beim Besuch von Irans Präsident Rohani wurden in Rom antike unbekleidete Frauen verhüllt. Ganz Italien regt sich jetzt darüber auf. Dabei ging schon Berlusconi gegen allzu nackte Kultur vor.

Von , Rom

Rohani und Renzi (r.) in Rom: "Wiederholter Akt der Unterwerfung"
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Rohani und Renzi (r.) in Rom: "Wiederholter Akt der Unterwerfung"


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ob die Iraner das verlangt haben oder das italienische Protokoll von ganz allein auf die geniale Idee kam, ist wohl nicht mehr zu klären. Jedenfalls wurden zwei unbekleidete Marmordamen, die seit zweieinhalbtausend Jahren ihre Reize präsentieren, ohne Anstoß zu erregen, plötzlich in Holzkisten versteckt. So konnte der iranische Präsident und Rom-Besucher Hassan Rohani auf seinem kurzen Weg durch die Kapitolinischen Museen an ihnen vorbeieilen, ohne sie erblicken zu müssen. Anderntags machten sich die Medien in aller Welt darüber lustig.

Da wurde auch Italien langsam wach. Denn ausgelacht zu werden, das mag man gar nicht in "Bella Italia". Zuerst regten sich die Rechten auf und warfen der Regierung einen "wiederholten Akt der Unterwerfung" vor: Die Regenten in Rom schämten sich offenbar "unserer Wurzeln und unserer Geschichte", zürnte allen voran die populistisch-separatistische Lega Nord - obwohl die eigentlich ganz eigene, padanische und nicht italienische Wurzeln haben will. Viele Lega-Aktivisten singen ja nicht einmal die Nationalhymne mit.

Dann hagelte es böse Worte von links und aus der Mitte. Regierungschef Matteo Renzi und sein Kulturminister Dario Franceschini versicherten eifrig, sie hätten von der Einsargung der Skulpturen nichts gewusst. Unverständlich sei das Ganze. Schließlich wurde wohl still beschlossen, der Protokollchefin in der Regierungszentrale die Schuld zuzuschieben, und damit sollte die peinliche Sache endlich erledigt sein.

War sie aber nicht. Während sich alle Italiener in den Kaffeebars und Restaurants aufregten, mussten sie feststellen, dass es nicht einmal der erste vorauseilende Kotau vor den Moral- und Religionsaposteln anderer Kulturkreise war: Schon beim vorigen Besuch einer Iran-Delegation stand auf deren Wunsch beim großen Festbankett kein Wein auf den Tischen. Weil die muslimischen Gäste Alkohol nicht mögen, durften auch die Italiener nicht zu ihrem geliebten Vino greifen. Ist das Gastfreundschaft oder Dämlichkeit, diskutieren die Menschen nun beim Friseur und an der Supermarktkasse. Gibt es denn, umgekehrt, beim Staatsbankett in Teheran Wein für westliche Gäste und nicht etwa Tee oder Trinkjoghurt?

Statue in den Kapitolinischen Museen: Kann man das Gästen aus dem Orient zumuten?
AFP

Statue in den Kapitolinischen Museen: Kann man das Gästen aus dem Orient zumuten?

Auch nackte Jeff-Koons-Figur verhüllt

Noch schlimmer trifft die Nachricht über ein Ereignis in Florenz vom Oktober das angeheizte italienische Gemüt. Damals, und da nahm es kaum jemand zur Kenntis, hatte Regierungschef Renzi den Scheich Mohammed Bin Zayed al-Nahyan empfangen. Der ist ein einflussreicher Prinz aus den Arabischen Emiraten und hatte gerade geholfen, die italienischen Fluglinie Alitalia vor der Pleite zu retten. Ein netter und wichtiger Mann also - der aber offenbar auch, wie sein iranischer Glaubenskollege, nichts Nacktes verträgt. Oder von dem die Florenzbesuch-Organisatoren das jedenfalls annahmen. Deshalb musste ein Kunstwerk von Jeff Koons hinter einem Paravent verschwinden, als der nette Scheich im Palazzo Vecchio an dessen Position vorbeikam. Das Werk zeigt einen nackten, antik erscheinenden Faun, der in der Hand eine blaue Kugel hält und ansonsten breitbeinig sein Gemächt präsentiert. Will man dergleichen Gästen aus dem Orient zumuten?

Berlusconi ließ Brustwarze wegmalen

Man möge Renzi und seine ganz Bande "einpacken und nach Iran schicken", empörte sich Emanuele Ricucci, ein Journalist der Zeitung "Il Giornale". Denn wer die Kunst verstecke, ihr die Stimme nehme, handele barbarisch. Die Zeitung gehört der Familie Berlusconi.

Doch ausgerechnet deren Oberhaupt, Silvio, hat in seiner Regierungszeit ähnlichen Kunstfrevel zu verantworten. Höchstpersönlich, heißt es, habe der Ministerpräsident 2008 bei der Renovierung des Pressesaales im Regierungs-"Palazzo Chigi" ein Gemälde von Giambattista Tiepolo als Blickfang an der Stirnwand ausgewählt: Das berühmte "La Verita Svelata dal Tempo", "Die Wahrheit wird enthüllt von der Zeit".

Wie das mit Enthüllungen aber so ist, wer wüsste das besser als Silvio Berlusconi, sind die nicht immer allen recht. So auch bei Tiepolo. Die Dame auf dem Bild ist oben herum ziemlich nackt und zeigt zudem eine ausgeprägte Brustwarze. Und die wäre immer dann, wenn Berlusconi aus seinem Pressesaal zur Journaille, aber eigentlich zum Volk spricht, leicht oberhalb seiner künstlich implantierten Haarpracht zu sehen gewesen.

Das sollte nicht sein. Mancher Zuschauer wäre vielleicht betroffen, entrüstet, erregt, verletzt gewesen, hieß es: Deshalb ließ ausgerechnet der Mann, der mit seinen Bunga-Bunga-Partys zu Weltruhm kam, einen Maler kommen und die Replik des Tiepolo-Werkes an der heiklen Stelle überpinseln - sodass die Wahrheit nicht mehr enthüllt, sondern verhüllt ist, aber weniger stört.


Zusammengefasst: In Italien herrscht große Empörung, weil in Rom zum Besuch von Irans Präsident Rohani nackte antike Statuen verhüllt wurden - aus Rücksicht auf den muslimischen Glauben des Gastes. Die Regierung von Premier Renzi will von einer entsprechenden Anweisung nichts gewusst haben. Aber schon früher gab es ähnliche Fälle in Italien.

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clearglass 30.01.2016
1. Wie wichtig ist uns die Menschenwürde?
Wie wichtig ist uns die Gleichberechtigung von Mann und Frau? Selbstverständlich ist in ITALIEN das Verstecken, Verhüllen von KUNST aus "Kulanz" , ein "Kotau vor den Religions- und Moralaposteln" aus Teheran Inhalt einer Diskussion. WARUM ist in Deutschland nicht eine ähnliche Diskussion im Gange? In den Fluechtlings-Untetkuenften sind Frauen von den Essensausgaben meist ausgeschlossen. Grund: Manche Frauenverachter, Patriarchaten im Geiste, feminophobe und falsch religiös Umnebelte halten Frauen für "unrein" und verweigerten Essen. Niemand darf unter diesen niedrigen Beweggründen seinen Gastgeber beleidigen, indem er ihn nötigt, seiner Auffassung über die Würde der Frauen Rechnung zu tragen. Wir wollen doch integrieren. Frauen kämpfen um die endgültige Gleichberechtigung.... Was tun wir, wenn wir aus Rücksicht auf Flüchtlinge, auf Gäste, auf Hilfesuchende die helfenden Frauen unwidersprochen als "unrein" von der Ausgabe von Essen fernhalten? Das ist skandalös und wir gehen zurück in der Gesellschaftsentwicklung. Frauen wehrt Euch!
al2510 30.01.2016
2. Die Verhüllung fand ich super
Sie kann freundlich als Akt der Liebe, Gnade, Freundschaft, angesehen werden, jener für den man aber verhüllt muss sich fragen, warum er die Wahrheit nicht ertragen kann. So haben die Gäste eine großartige Lektion über ihre Schwäche erhalten. Wer in einem arabischen Land Wein trinken will, soll sich nicht zu schade sein ein Essen auch mal nach ihren Regeln auszurichten.
morax 30.01.2016
3. Das war auch idiotisch..
Es ist die Kultur Italiens, muss Italien einstiges Weltreich Rom sich jetzt seiner Vergangenheit schämen und es vor einer höchst intoleranten Religion und einem Vertreter dessen mit Handtuch auf dem Kopf verbergen? Wie wäre es gewesen wenn die Italiener darauf bestanden hätten - bei uns läuft man nicht mit Handtuch auf dem Kopf rum? Auch falsch! Beide Seiten müssen sich mit toleranz und aktzeptanz begegnen - auch der Islam!
kyon 30.01.2016
4. Verrat an der Aufklärung
Sexualität dient in vielen Religionen als Herrschaftsinstrument. Ihr Umgang damit zeugt von eingeengtem und intolerantem Geist. Und die Unterwerfung unter diese fragwürdige Geisteshaltung durch Politiker, wie beispielsweise auch unsere werte Frau Bundeskanzlerin einmal mit ihrem Kopftuchtragen beim Papst, zeugt von aufklärungsferner Rückgratlosigkeit.
clearglass 30.01.2016
5. Sollte dann nicht auch in Kirchen
das Kreuz verhüllt werden. Es wäre ein Akt der Liebe, Gnade und Wertschätzung, wenn der oft nur mit Lendenschurz bekleidete Leib eines gemarterten, geschundenen Leibes einem Moslem nicht zugemutet werden kann.... Oder? Das wäre eine Geste, die den Besucher eine Lektion in Toleranz und Weltoffenheit geben würde! al2510 ... ich bewundere Deine Weltsicht, Einsicht und Weitsicht... .
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