Rohstoff-Kampf um Belutschistan Pakistans heimlicher Krieg

Täglich verschwinden Menschen, Leichen liegen auf den Straßen: Fernab der Weltöffentlichkeit führt Pakistan einen blutigen Krieg gegen Unabhängigkeitskämpfer in Belutschistan. Es geht um Nationalismus, Rohstoffe, großes Geld. Jetzt gerät eine deutsche Stiftung zwischen die Fronten.

REUTERS

Von , Islamabad


Die Mörder von Faisal Mengal kamen per Motorrad. Zwei Männer, einer davon maskiert. Sie schossen in den Wagen, gezielt auf Mengal, nicht auf seinen Fahrer. Mengal wurde verletzt, er sprang aus dem Auto und versuchte zu fliehen. Die Bewaffneten verfolgten ihn, schossen, bis er fiel und tödlich getroffen liegen blieb. Elf Kugeln trafen ihn.

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Heft 9/2012
Wer sind sie - und warum so viele?

Faisal Mengal, 36, starb am 10. Dezember in der pakistanischen Millionenmetropole Karatschi. Er war Mitarbeiter der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung, die - wie fast alle anderen deutschen politischen Stiftungen - Projekte in Pakistan betreut. Jahrelang hatte er sich mit der Lage in der südwestpakistanischen Provinz Belutschistan befasst, seiner Heimat, er war Aktivist und Journalist. Er hatte für verschiedene Organisationen gearbeitet, für das US-Konsulat in Karatschi und seit September für die Stiftung.

In seinem Umfeld vermutet man, dass Mengal Opfer des "Establishments" wurde, wie in Pakistan das mächtige Militär und die Geheimdienste genannt werden: ein weiterer Toter im heimlichen Krieg Pakistans gegen alle, die mehr Freiheit für Belutschistan verlangen. "Die Täter werden deshalb nie gefunden werden", sagt jemand, der Mengal gut kannte. Im Zwischenbericht der Ermittler steht etwas von einer "Tat im familiären Bereich". "Dabei hat er Morddrohungen erhalten, weil er sich für die Belange Belutschistans einsetzte."

Seit bald zwölf Jahren tobt mitten in Pakistan ein blutiger Kampf: Die Belutschen verlangen mehr Rechte und eine Beteiligung an den Reichtümern durch Rohstoffe, die es in der Provinz gibt. Weil der pakistanische Staat ihnen das aber verweigert, fordern manche Nationalisten ein unabhängiges Belutschistan - was das Militär zu harschen Schlägen provoziert.

Nicht nur die Weltöffentlichkeit bekommt kaum etwas davon mit, selbst die pakistanische Bevölkerung außerhalb von Belutschistan weiß wenig über die Vorgänge in der Provinz, die zwar 43 Prozent der Fläche des Landes ausmacht, in der aber nur fünf Prozent der pakistanischen Bevölkerung leben. Zeitungen versteckten ihre Berichte über die Region auf den hinteren Seiten.

Dabei gelten in Belutschistan derzeit vorsichtigen Schätzungen zufolge mehr als 6000 Menschen als vermisst. Jeden Tag verschwinden drei, vier weitere. "Die meisten tauchen nach ein paar Jahren wieder auf - tot", sagt Mohammed Hussain Baloch, ein Menschenrechtsaktivist aus Belutschistan.

"Ein eigenständiger Staat soll um jeden Preis verhindert werden"

Jeden Tag liegen neue Leichen im grauen Straßenstaub. Manche werden erst nach mehreren Tagen entdeckt: die Gliedmaßen gebrochen, die Körper geschlagen, niedergemetzelt, zerschossen - und immer eine Kugel im Kopf. Mehr als 5000 Leichen wurden im zurückliegenden Jahrzehnt in Belutschistan gefunden. "Es ist ein Drama von unfassbarem Ausmaß", sagt Baloch.

Noch nie wurde ein Fall aufgeklärt und ein Schuldiger ausgemacht. Denn wie im Fall von Faisal Mengal werden die Täter in den Reihen der Armee, des Geheimdienstes und der Soldaten des Frontier Corps, des Grenzschutzes, vermutet. "Anfangs verschwanden nur Separatisten und belutschische Nationalisten", sagt ein Politiker in Belutschistans Hauptstadt Quetta. "Aber immer häufiger wurden Menschen entführt, die zwar nicht politisch aktiv waren, gleichwohl die Elite der Provinz bildeten: Ärzte, Anwälte, Künstler. Offensichtlich war es Ziel, Belutschistan intellektuell ausbluten zu lassen."

Heute verschwinden Menschen aus allen Schichten: Akademiker, Friseure, Ladenbesitzer, Taxifahrer. Ende Januar wurden Frau, Tochter und Fahrer eines Provinzparlamentariers getötet. Die ermordete Ehefrau war die Schwester von Brahmadagh Bugti, einem im Schweizer Exil lebenden Widerstandskämpfer.

"Man will uns Belutschen einschüchtern", sagt der Politiker, der selbst zwei Brüder vermisst. "Niemand soll mehr Rechte für die Provinz einfordern, geschweige denn Unabhängigkeit. Um jeden Preis soll ein eigenständiger Staat Belutschistan verhindert werden."

"Wer nur in den Verdacht gerät, Kontakt zu Separatisten zu haben, muss um sein Leben fürchten", sagt ein Aktivist, der seinen Namen aus Angst um sein Leben nicht genannt wissen will. Er hat sich in einem unauffälligen Teehaus in Islamabad eingefunden. Vor dem Gespräch bittet er darum, den Akku aus dem Mobiltelefon zu nehmen. "Pakistan wiederholt den Fehler, den es mit den Bengalen begangen hat, nämlich sie zu unterdrücken und die Intellektuellen zu töten. Es hat nichts genützt, im Gegenteil, es hat die Unabhängigkeitsbewegung gestärkt. Am Ende ist 1971 der Staat Bangladesch entstanden." Die Armee leide unter diesem "bengalischen Trauma". Mit Waffengewalt solle verhindert werden, nun noch einen weiteren Landesteil zu verlieren.

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