Rohstoffe in der Arktis Norwegen zweifelt bei Konflikt mit Russland an Nato-Unterstützung

Es geht um Fisch, Öl und Gas: Der Streit um Rohstoffe in der Arktis weckt in Norwegen schlimme Befürchtungen. Der Oberbefehlshaber der Armee warnt in einem Geheimdossier vor einem militärischen Konflikt mit Russland. Im Ernstfall könne Norwegen nicht auf die Hilfe der Nato setzen.


Berlin - Die Meldung sorgte in Norwegen für helle Aufregung: "Norwegen steht allein gegen Russland", titelte der Sender NRK auf seiner Homepage.

Russische Flagge in Meer in der Arktis: Tonlage ist schärfer geworden
AFP/ NTV

Russische Flagge in Meer in der Arktis: Tonlage ist schärfer geworden

Der Mann, der hinter den Schlagzeilen steht, ist Sverre Diesen, Oberbefehlshaber der norwegischen Armee. In einer bislang geheimen Verteidigungsstudie, die dem NRK zugespielt wurde, hat Diesen ein beunruhigendes Szenario entworfen. Sollte es zum militärischen Konflikt mit Russland kommen, sei Norwegen auf sich allein gestellt. Von den Nato-Partnern sei keine Hilfe zu erwarten, lautet die Botschaft des Generals. Das Bündnis sei zu sehr mit dem Kampf gegen den Terrorismus - etwa in Afghanistan - beschäftigt.

Weiter heißt es in der Diesen-Studie, der Kampf um Energie- und andere natürliche Ressourcen in der Arktis könne zu Konflikten mit dem riesigen Nachbarland führen.

In einem Rundfunk-Interview unterstrich Diesen seine Aussage noch und sprach von einem "ernsten Konflikt" mit Moskau um Öl, Gas oder andere Bodenschätze unter den immer weniger zugefrorenen Gewässern der Arktis. Es gehe nicht um "direkte Kriegsgefahr", aber doch um eine "Grauzone", in der man sich Russland als Herausforderung für die eigene, nationale Sicherheit stellen müsse, so der Oberbefehlshaber.

Die Einschätzung Diesens kommt nicht von ungefähr: Seit einiger Zeit hat das russische Militär seine Aktivitäten an der Grenze zu Norwegen verstärkt. Die Zahl der Übungen vor der norwegischen Küste sei dramatisch angestiegen, schreibt NRK. Innerhalb von fünf Monaten seien norwegische Jagdflugzeuge 18-mal losgeschickt worden, um russische Bomber in der Nähe der norwegischen Grenze zu identifizieren. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte im August erklärt, Russland habe die regelmäßigen Patrouillenflüge seiner Luftflotte über der Arktis wieder aufgenommen.

Ein Kampf mit Waffengewalt steht nach Einschätzung norwegischer Experten dennoch nicht bevor. "Dass Russland und Norwegen ihre Uneinigkeit über die Grenzziehung in der Barentssee mit militärischen Mitteln lösen, ist unwahrscheinlich", sagt Nils Morten Udgaard, Russlandexperte und ehemaliger Leiter der außenpolitischen Redaktion bei der norwegischen Zeitung "Aftenposten". Dennoch würden die Patrouillenflüge der Russen im internationalen Luftraum nahe der Insel Kola für große Beunruhigung sorgen. "Russland verstärkt seine militärischen Aktivitäten und wir haben im Grunde eine Situation wie zuletzt im Kalten Krieg", so der Journalist zu SPIEGEL ONLINE. Das Muskelspiel des russischen Militärs würde mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.

Die Skandinavier machen sich seit einiger Zeit Sorgen über ihren Nachbarn Russland als neu erwachte Großmacht mit aggressivem Militärgebaren. Dass Russland auch von verantwortlichen norwegischen Politikern sowie Militärs zunehmend wieder als militärische Bedrohung eingestuft wird, hatte erst im Februar eine neue Analyse des Forschungsinstituts der Streitkräfte (FFI) über aktuelle Bedrohungsszenarien deutlich gemacht. In dem Planungsbericht für 2009 bis 2012 hieß es, dass Russland eine "militärische Bedrohung" nicht mit Blick auf eine Invasion wie zu Zeiten des Kalten Krieges darstelle, sondern durch denkbare "begrenzte Militäraktionen".

Bereits im Sommer hatte sich der diplomatische Zwist zwischen Russland, Kanada, Dänemark und eben auch Norwegen wegen der Gebiete rund um den Nordpol mit höchst lukrativen Vorkommen an Öl und Gas drastisch verschärft. "Lächerlich" nannte die dänische Regierung das von Moskau medienwirksam inszenierte Aufpflanzen der russischen Flagge einige tausend Meter unter dem Meeresspiegel. Das war eine ganz andere Tonlage als in den den ersten Jahren nach Ende des Kalten Krieges.

Scharf fielen Anfang September auch die Äußerungen aus dem sonst gegenüber Russland immer betont zurückhaltenden Finnland aus. Man habe drei Herausforderungen in der Sicherheitspolitik zu bewältigen, verkündete Verteidigungsminister Jyri Häkämies ausgerechnet in Washington: "Russland, Russland und Russland." Das trug ihm zwar einen Rüffel von Ministerpräsident Matti Vanhanen ein. Aber Häkämies blieb im Amt.

Auch in Schweden, wie Finnland allianzfrei nicht an die Nato gebunden, sind die sicherheitspolitischen Warnungen an Moskau entschiedener geworden. Quer durch Regierungs- und Oppositionsreihen geht die Ablehnung der geplanten Ostsee-Gasleitung von Russland nach Deutschland wegen sicherheitspolitischer Bedenken. Auch Schwedens Militär hat offiziell erklärt, die geplante Linienführung der Pipeline wenige Kilometer vor der Insel Gotland sei nicht akzeptabel. Das Projekt würde die "Sicherheitslage in der Ostsee" spürbar verändern.

anr/dpa



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