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Debatte über Roma: Ohnmächtiges Europa

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Roma-Slum im bulgarischen Nikolaevo: Die Menschen ergreifen die Flucht Zur Großansicht
AFP

Roma-Slum im bulgarischen Nikolaevo: Die Menschen ergreifen die Flucht

In Europa ist es salonfähig, eine Gruppe aufgrund ihrer ethnischen Herkunft zu stigmatisieren: die Roma. Sie werden von skrupellosen Geschäftemachern ausgebeutet und von Rechtsextremen terrorisiert - weil die Politik die Roma und ihre Armut ignoriert.

Sie klauen blonde Mädchen und verstecken sie in Baracken griechischer Slums. Sie beuten das deutsche Sozialsystem aus, nehmen das Rückführungsgeld der Franzosen und kehren trotzdem zurück nach Frankreich. Durch die Schweiz ziehen ihre Kinder, auf Raubzügen mit Pistolen in der Hand. So klingen sie jetzt, die typischen Klischees über die Roma, das ist der Sound zum neuen Stigma.

Ja, Europa hat einen neuen Bösewicht, er heißt Roma und ist überall. Der neue Bösewicht hat dunkle Haut, singt und klaut, zieht seinen Kindern keine Schuhe an, weil es ihre Tradition so will.

In Europa ist es wieder salonfähig, eine Gruppe aufgrund ihrer ethnischen Herkunft zu stigmatisieren. Am Ende einer absurden Kausalkette stehen als Ursache nicht Armut, sondern die Roma, mit zehn bis zwölf Millionen Menschen die größte Minderheit Europas.

Keiner redet nur von einem "kriminellen Paar", wenn es um die ungeklärte Herkunft des Mädchens in Griechenland geht. Keiner erwähnt gern, dass es vor allem EU-Bürger aus Rumänien und Bulgarien sind, die sich in Deutschland niederlassen und Gebrauch machen von der Freizügigkeit innerhalb der EU. Dieses Recht gilt für jeden Bürger, auch für Roma, deren Zuzug die Innenminister der EU krampfhaft zu verhindern suchen.

Aber die Verantwortlichen scheinen zu übersehen, dass sie mit dieser Debatte Grundideen ihrer Europäischen Union gefährden: offene Grenzen, freier Arbeitsmarkt, gleiches Recht für alle.

Es gibt die Armut, auch hier bei uns in Europa

Wir versuchen, die Idee von unserem vereinten Europa zu schützen vor der Krise, wir versuchen, es abzuriegeln gegen die Armen der Welt. Aber es gibt sie auch hier, und sie drängen sich in unser Leben. Sie ergreifen die Flucht aus den Slums von Bukarest, aus den illegalen Siedlungen vor Sofia. Jetzt müssen wir sehen, wie Menschen in überbelegten Häusern leben, wie Bettler mit Neugeborenen im Arm am Brandenburger Tor stehen.

Wir Deutschen mögen das nicht. Wir spenden zwar gern mal hundert Euro für hilflose Kinder in Afrika, aber wenn die Armut vor unserer Haustür steht, dann ist sie zu nah.

Also beklagen die Innenminister der EU die Ausbeutung ihrer Sozialsysteme, sie erwägen eine Art Zweiklassensystem an ihren Grenzübergängen. Und je mehr sie öffentlich diskutieren, umso mehr zeigt sich europaweit ihre Ohnmacht im Umgang mit den Vergessenen.

Grenzöffnung in der EU bedeutet halt auch Transfer von sozialen Problemen und nicht nur von deutschen Exportgütern.

Und während die Ärmsten in unserer Union einen Neustart suchen, ermorden sie in Ungarn Menschen, weil sie Roma sind. Und in Schweden gibt es eine Datei, in der Roma registriert werden. Eine "Analysehilfe", erklären die Verantwortlichen. Zur Kriminalitätsbekämpfung. Eine Datei voller Menschen, die noch nie straffällig geworden sind.

Auch die Gutmenschen in Deutschland schweigen, wenn NPD-Anhänger mit ihren Plakaten durch die Straßen ziehen, mit der Aufschrift: "Geld für Oma, statt für Sinti & Roma". Eine Studie belegt, dass jeder vierte Deutsche will, dass Roma aus deutschen Innenstädten verbannt werden, jeder zweite glaubt, dass die Roma eine Neigung zur Kriminalität haben. Ein unbeliebtes Thema, diese Roma.

Aber solange sich die deutschen Politiker der neuen Zuwanderer nicht annehmen, tun es andere. Es sind die Profiteure der Armutswanderung, die bundesweit ihre illegalen Infrastrukturen etablieren. Kellerverschläge, in denen Europäer 200 Euro für eine Matratze zahlen. Deutsche Baustellen, auf denen Menschen für drei Euro arbeiten. Frauen aus Südosteuropa, die in Flatrate-Bordellen ihren Körper verkaufen.

Sie rotieren nicht, sie wandern nicht - sie bleiben

Wenn Innenminister Friedrich fordert, dass die Lebensbedingungen seiner Zuwanderer in ihren Herkunftsländern verbessert werden sollen, zeigt er dorthin, wo er nicht zuständig ist. Andere deutsche Politiker bezeichnen die neuen Zuwanderer gern als "Saisonarbeiter" oder "Rotationseuropäer". Schließlich würden die Menschen ja selbst sagen, dass sie Heimweh hätten.

Das Heimweh, das Menschen irgendwann zurückgehen lässt, ist ein hartnäckiger Migrationsmythos: 50 Jahre nach Ankunft der ersten Gastarbeiter in diesem Land sitzen wir immer noch in deutschen Talkshows und reden über ihre schlecht integrierten Enkel.

Ja, es ist eine alte Debatte, ob Deutschland Einwanderungsland ist oder nicht. Wieder erkennen die Politiker ein real existierendes Problem nicht.

Aber Deutschland muss sich entscheiden, jetzt. Damit wir in fünf Jahren nicht wieder in Talkshows sitzen und dem Zuschauer erklären müssen, dass es nicht geklappt hat mit der Integration der neuen Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien. Dass wir mit ihren Steuergeldern Sozialarbeiter einstellen müssen, um diese Menschen zurückzuholen in die Mitte der deutschen Gesellschaft, wo wir sie brauchen. Denn diese Menschen, sie wandern und rotieren nicht.

Die Roma, die bulgarischen Türken oder andere EU-Bürger. Sie bleiben. Auch und vor allem bei uns.

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