Roma-Hetze in Tschechien Hass auf die Nachbarn

Till Mayer

Aus Varnsdorf berichtet

2. Teil: Hass in der Heimat


Für die DSSS sind Roma eben Zigeuner, und so wird wieder zum "Sport" marschiert, vermutlich nicht zum letzten Mal. Das befürchtet auch Julius Danko. Er kann sich noch bestens daran erinnern, wie die Demonstranten versuchten, das "Sport" zu stürmen. Die Polizei griff ein. Steine und Feuerwerkskörper flogen. Vor dem Hotel rangelten behelmte Bereitschaftspolizei und Skinheads. Im "Sport" waren alle wie gelähmt vor Angst. "Ich dachte, jetzt kommen sie und nehmen alles auseinander", sagt Julius Danko. Seitdem überwachen Kameras das Umfeld des "Sport". Gegenüber, in einer heruntergekommenen ehemaligen Disco und Spielhölle, ist eine Polizeiwache eingezogen.

"Irgendwann werfen uns die Demonstranten einen Molotow-Cocktail durch das Fenster", sagt Denissa, die 14-jährige Tochter. Vater Danko will sie beruhigen. "Die Leute aus Varnsdorf werden das nicht machen", meint er. Aber die Nazis von außerhalb, die machen ihm Sorgen, sagt er dem Journalisten. Danko versucht, ärgerlich zu klingen, und ist doch viel zu angespannt. "Was kommen diese Menschen immer zu uns? Wir haben niemanden etwas getan. Bis zu meinem Infarkt habe ich gearbeitet. Wir sind keine Sozialschmarotzer", erklärt der Roma.

Der 49-Jährige erzählt, wie er seine zweijährige Dienstzeit in der tschechoslowakischen Armee abgeleistet hat. "Wenn da jemand was Rassistisches gesagt hat, dann kam er in den Bau. So war das, keine Probleme." Er berichtet von seinem Job bei der Bahn und als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik. "Seit 30 Jahren lebe ich in Varnsdorf. Geboren wurde ich in einem Nachbardorf. Das hier ist meine Heimat", sagt Danko.

Das Hauptproblem ist die Arbeitslosigkeit

Doch viele "weiße" Tschechen in Varnsdorf klagen über einen dauernden Zuzug von Roma aus anderen Teilen der Republik, über einen Anstieg der Kriminalität. Roma aus den Metropolen sollen von Immobilienhaien Geld bekommen, wenn sie aus schick werdenden Altstadtgebieten fortziehen. Endstation ist dann oft eine schäbige Unterkunft in der Provinz.

Pape kann da nur mit dem Kopf schütteln: "Im 'Sport' leben derzeit ausschließlich Roma aus der Region, dem Schluckenauer Zipfel, der an Sachsen grenzt. Familien wie die Dankos, die vom Sozialamt hier Zimmer zugewiesen bekommen haben. Ich glaube, das Hauptproblem von Varnsdorf sind 15 Prozent Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven für viele Bewohner." Auf einen Job zu hoffen, hat sich Verona Dankova verboten: "Bei der Arbeitslosigkeit, als Roma? Hoffnungslos. Nicht, dass ich es nicht weiter versuchen würde. Immer wieder und wieder. Ich habe wirklich gern gearbeitet."

Seit den DSSS-Märschen dürfte es für sie noch schwieriger geworden sein. In der Kleinstadt Varnsdorf kennt man sich, doch der Unfrieden wächst. "Am Wochenende marschieren sie vor unserem Haus vorbei, und am nächsten Tag grüßen sie freundlich im Supermarkt. Als wäre nichts gewesen. Da sind Kollegen darunter, mit denen ich jahrelang hart zusammen gearbeitet habe", brummt Julius Danko.

Die Türen werden verbarrikadiert

Seine Tochter zuckt traurig mit den Achseln. Sie hat genug von der Roma-Häme, die selbst der eine oder andere Lehrer gar nicht mehr zu verstecken versucht. Die Teenagerin würde gerne nach England auswandern. "Da würde ich in einem Hotel arbeiten", meint sie. Dann blickt sie kurz um sich. "Ich meine natürlich, in einem richtigen, schönen Hotel." Mittlerweile werden die Kinder ins Haus gerufen und die Türen verbarrikadiert. Der Marsch vom Marktplatz aus auf das ehemalige Hotel hat begonnen.

Studentinnen von "Hass ist keine Lösung" fangen mit ihrem Kinderprogramm im Gebäude an. Aus einer Mini-Stereoanlage wummern die Chartbrecher. Und die jüngsten Bewohner vergessen beim Malen den drohenden Aufmarsch völlig. Stattdessen machen sich die Mädchen große Justin-Bieber-Plakate. Und die Jungs mehr was graffitimäßiges. "Muss zu unserer Breakdance-Gruppe passen", erklärt der zwölfjährige Miescha, der Sohn der Dankos.

Draußen marschieren schon die Demonstranten vorbei, schwenken ihre Plakate mit der Aufschrift "Stoppt den schwarzen Rassismus". Auch das Pärchen im Partnerlook blickt wütend die Hausfassade empor. Keine 300 sind es dieses Mal. Genug aber, dass die Kinder es wieder einmal von einem Schreier hören. "Zigeuner ins Gas."



insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
rauschgiftengel 07.02.2012
1.
---Zitat--- Normalbürger mitten im Aufmarsch der tschechischen Ultrarechten ---Zitatende--- Schockierend offensichtlich, wie hier das mittlerweile doch etwas brüchige Vertrauen des Bürgertums in die selbst ständig wiedergekäute Mär offenbar wird: nein nein, ein "Normalbürger" kann doch niemals extrem sein, das geht doch gar nicht! Er ist doch schliesslich normal!
ronald1952 07.02.2012
2. Generation von Halbidioten,
Zitat von sysopJedes Wochenende herrscht Belagerungszustand: Die Roma im tschechischen Varnsdorf verbarrikadieren sich in ihrem Haus, draußen marschieren die grölenden Ultrarechten auf. Am meisten Angst haben die Belagerten vor Hasstouristen aus dem Ausland - den Neonazis aus Deutschland. Roma-Hetze in Tschechien: Hass auf die Nachbarn - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813001,00.html)
man könnte meinen das dieser alte Artikel des Spiegels doch nicht so sehr übertrieben war. DER SPIEGEL26/1952 - Generationen von Halbidioten (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21977185.html) schönen Tag noch,
internetwitcher 07.02.2012
3. Wie untolerant die Tschechen doch sind!
Zitat von sysopJedes Wochenende herrscht Belagerungszustand: Die Roma im tschechischen Varnsdorf verbarrikadieren sich in ihrem Haus, draußen marschieren die grölenden Ultrarechten auf. Am meisten Angst haben die Belagerten vor Hasstouristen aus dem Ausland - den Neonazis aus Deutschland. Roma-Hetze in Tschechien: Hass auf die Nachbarn - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813001,00.html)
Ja, Toleranz ist ja so eine tolle Sache. Die bösen bösen Tschechen. Die wollen einfach keine Roma als Nachbarn. Ja, weil Tschechen alles Nazis sind? Oder vielleicht haben die doch sachliche Gründe wieso die Tschechen keine Roma wollen? Es kann ja sein dass es dort auch Vorkommnisse gegeben hat, die vielleicht nicht gerade dafür sprechen, dass sich die Menschen in Tschechien freuen solche Nachbarn zu haben? Mir ist schon klar. Im ausländer- und romafreien Besserverdienenden-Viertel weit weg von allen Problemvierteln kann man sich herrlich über die Untoleranz aufregen. Natürlich sind alle die keine solchen Nachbarn haben wollen ganz böse Nazis. Mal schauen wenn solche hochmoralischen Menschen reagieren, wenn in ihren Besserverdienden-Viertel sich mal hunderte von Romas ansiedeln würden. Aber ich weiß, das ist ja was ganz anderes. Da muss dann die Polizei sofort einschreiten. Das kann man dann doch nicht mit z.B. Tschechien vergleichen! Oder doch?
fatherted98 07.02.2012
4. Schlimm...
...was da passiert...aber auch die ROMA haben eine Bringschuld...meist sind sie fast nicht integrierbar und wollen sich auch nicht anpassen...das rechtfertigt natürlich nicht diese Hasstiraden - gerade (wenn es stimmt) nicht aus Deutschland.
grana 07.02.2012
5. Einseitige Berichterstattung
Zitat von sysopJedes Wochenende herrscht Belagerungszustand: Die Roma im tschechischen Varnsdorf verbarrikadieren sich in ihrem Haus, draußen marschieren die grölenden Ultrarechten auf. Am meisten Angst haben die Belagerten vor Hasstouristen aus dem Ausland - den Neonazis aus Deutschland. Roma-Hetze in Tschechien: Hass auf die Nachbarn - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813001,00.html)
Wer die Sinti und Roma in seinem Umfeld erlebt hat, der kann sich gar nicht vorstellen, dass es nur Ultrarechte sind, die auf die Barrikaden gehen. Über mir wohnen auch serbische Rotationseuropäer und eine wirkliche Nachtruhe ist nicht gegeben. Sich darüber zu beschweren kann bis zu Morddrohungen führen. Das Treppenhaus hat sich zu einem Müllplatz verwandelt, der Keller wird jetzt als Sperrmülllager verwendet, der Müll wird vor und nicht mehr in den Müllcontainer getan. Fahrräder haben alle Nachbarn nicht mehr im Fahrradkeller, sondern in den eigenen kleinen Kellern untergebracht, aus Erfahrung wird man klug. Also vielleicht sollte man nicht nur die Opferrolle der Roma betrachten, sondern auch die Täterrolle, denn in meinem Bekanntenkreis gibt es noch einige andere zum Teil schlimmere Beispiele.
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