Roma-Morde in Ungarn Das vergessene Verbrechen

Vor zehn Jahren begann in Ungarn eine Serie brutaler Angriffe auf Roma - Rechtsradikale töteten sechs Menschen und verletzten 55. Das Leid der Überlebenden interessiert heute kaum noch jemanden.

REUTERS

Aus Kisléta und Budapest berichtet


Tímea hat keine Erinnerung an die Mordnacht. Doch die Spuren trägt sie am Körper: Die Kugeln haben Narben hinterlassen, die rechte Hand ist halbsteif. Tímea weiß aus Erzählungen, was an jenem 3. August 2009 geschah. Die Täter drangen kurz nach Mitternacht in ihr Haus im ungarischen Dorf Kisléta ein. Sie fanden die 13-Jährige und ihre Mutter, beide schliefen. Die Männer feuerten mit Schrotflinten auf sie.

Tímea überlebte schwer verletzt. Ihre Mutter, damals 45 Jahre alt, starb.

"Hallo Mama", sagt die Tochter, wenn sie heute auf den Friedhof geht. Sie streicht dann mit der Hand über den Grabstein, küsst das Bild darauf. Das ist es, was ihr jetzt noch bleibt.

Grab von Mária Balogh in Kisléta
Keno Verseck

Grab von Mária Balogh in Kisléta

Die Witwe Mária Balogh und ihre Tochter Tímea waren die letzten beiden Opfer der Roma-Mordserie in Ungarn - rassistisch motiviert wie die NSU-Morde. Die Täter töteten insgesamt sechs Personen, darunter ein vierjähriges Kind, und verletzten 55 weitere schwer. Aus einem einzigen Grund: Hass auf Roma.

Von der Öffentlichkeit vergessen

Vor genau zehn Jahren begann die Anschlags- und Mordserie - am 21. Juli 2008. Rechtsextreme Angreifer schossen im Dorf Galgagyörk, 50 Kilometer nordöstlich von Budapest, auf die Bewohner dreier Häuser; verletzt wurde hier noch niemand - wie durch ein Wunder.

Den ersten Mord verübten die Täter im November 2008. Erst drei Wochen nach dem Mord an Mária Balogh verhafteten Ermittler die Täter: vier Rechtsradikale aus Ostungarn. Drei von ihnen wurden 2014 zu lebenslanger Haft verurteilt, ein Mittäter zu 13 Jahren Gefängnis.

Die Roma-Morde gehören zu den schlimmsten rassistischen Verbrechen in Ungarn seit dem Zweiten Weltkrieg. Möglich waren sie in diesem Ausmaß wohl auch durch staatliche Fahrlässigkeit: Vermutlich hätten zwei Morde, auch der an Tímeas Mutter, durch eine bessere Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Ermittlern verhindert werden können.

Einschussloch im Fenster der Baloghs
DPA/ EPA/ ATTILA BALAZS

Einschussloch im Fenster der Baloghs

In der ungarischen Öffentlichkeit spielen die Taten allerdings kaum noch eine Rolle. Es gibt nur selten Gedenkveranstaltungen, für das Schicksal der Überlebenden und der Angehörigen interessieren sich nur wenige. Dabei leben heute fast alle in tiefstem Elend. So wie Tímea.

Depressionen und Schulabbruch

Ihr Vater starb, als sie zwei Jahre alt war. Ihre Mutter, eine Tagelöhnerin, zog sie alleine groß. Nach ihrem Tod lebte Tímea zunächst bei ihrer Großmutter, mit der sie jedoch nicht auskam. Später zog sie zu ihrer Halbschwester. Psychologische Betreuung erhielt sie nie. Sie verfiel in Depressionen, brach mehrmals die Schule ab, flüchtete in lieblose Beziehungen.

Als sie 18 war, zahlte ihr die rechtskonservative Regierung von Viktor Orbán eine einmalige Entschädigung - umgerechnet gut 20.000 Euro - von der sie ein paar Möbel und ein heruntergekommenes Haus kaufte, hundert Meter von jenem Ort entfernt, an dem ihre Mutter starb. Im vergangenen Jahr beendete sie, mit viel Mühe, eine Kochausbildung. Eine Anstellung bekam sie jedoch nicht.

Jetzt will Tímea das Abitur nachholen. Ihre Ausbildungsförderung, etwas mehr als hundert Euro im Monat, lief im Juni aus. Die junge Frau ist im fünften Monat schwanger, ihr derzeitiger Freund manchmal zu Hause, meistens nicht, das Kinderzimmer ist eine Baustelle. Tímeas Halbschwester und einige Bekannte unterstützen sie. Gut möglich, dass das Kind nach der Geburt nicht bei ihr bleiben darf - es gibt nicht einmal einen funktionierenden Ofen im Haus.

Seit dem Mord an ihrer Mutter findet Tímea einfach keinen Weg in ein geregeltes Leben. Es ist ein furchtbarer Triumph der Täter, ihres Hasses, ihres Zerstörungswillens.

Versagen bei den Mordermittlungen

Zoltán Balog gehört zu den wenigen ungarischen Politikern, die immer wieder auf das Schicksal der überlebenden Opfer hingewiesen haben. Der calvinistische Pfarrer war unter Premier Viktor Orbán ab 2010 Staatssekretär für Roma-Inklusion und von 2012 bis April 2018 Minister für Gesundheit, Soziales, Jugend, Bildung, Kultur und Sport. Er initiierte eine gesetzliche Entschädigungsregelung für die überlebenden Opfer und informierte sich lange Zeit persönlich über das Schicksal einiger von ihnen, darunter auch Tímea. 2016 etwa organisierte er für sie eine Operation zur Beseitigung von Narben und half ihr bei der Ausbildungsplatzsuche.

Minister Zoltán Balog
DPA

Minister Zoltán Balog

Im Gespräch mit dem SPIEGEL zeigt sich Balog nun selbstkritisch. Die ungarische Politik habe nach den Taten schnell wieder zur Tagesordnung zurückkehren wollen, sagt er. Zwar erinnere die Regierung jedes Jahr, etwa mit Kranzniederlegungen oder einem Gedenkgottesdienst an die Roma-Mordserie. Aber würdigende Gesten auf höchster Ebene, wie etwa eine Einladung der überlebenden Opfer zum Staats- oder Regierungschef, habe es nicht gegeben.

Der ehemalige Minister bedauert auch die mangelnde Aufklärung des staatlichen Versagens bei den Mordermittlungen. So war ein Mittäter zur Zeit der Mordserie Informant des Spionageabwehrdienstes KBH. Seine Führungsoffiziere gaben jedoch Erkenntnisse über die Mordserie nicht weiter. Belangt wurden sie dafür nie. "Die Kontinuität in den Behörden ist immer wichtiger als die Aufklärung solcher Dinge", sagt Balog. Dass die Orbán-Regierung nach 2010 eine Aufklärung absichtlich behindert habe, bestreitet der ehemalige Minister allerdings. (Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Ex-Minister Balog.)

Kaum Chancen für eine neue Entschädigung

Auch die Einmalzahlungen an die Überlebenden findet Balog im Nachhinein falsch. "Eine langfristige Lösung wäre besser gewesen, aber ich habe mich mit dieser Sichtweise in der Regierung nicht durchsetzen können", sagt er. Chancen für eine neue Lösung sehe er aber nicht mehr. "Die Angelegenheit wurde ad acta gelegt."

Das gilt, so sieht es jedenfalls der frühere liberale Politiker József Gulyás, ganz grundsätzlich für die Roma-Mordserie. Gulyás ist seit Jahren Koordinator einer privaten Gruppe von Spendern, die den überlebenden Opfern der Roma-Mordserie hilft.

"Dieses Verbrechen hat die ungarische Gesellschaft nicht erschüttert, und es ist heute keine öffentliche Angelegenheit mehr", sagt Gulyás. "Das Schicksal der Überlebenden und ihrer Angehörigen ist praktisch besiegelt."

Tímea sitzt am Küchentisch in ihrem Haus, sie hat ihren Kopf auf ihre verschränkten Arme gelegt. Gedankenversunken blickt sie ins Leere, sie sieht jetzt sehr kindlich aus. Die Küche hängt voller Fotografien ihrer Mutter. "Sie war sehr liebevoll zu mir", sagt Tímea nach einer langen Pause. "Wir hatten es gut zusammen."



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