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Amerika-Blog Romneys Comeback in Afrika

Romneys T-Shirt-Spende: "Believe in America" Fotos
Cyndy B. Waters

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Ausgerechnet Kenia! Hunderte T-Shirts aus dem Romney-Wahlkampf sind just dort aufgetaucht, wo US-Präsident Barack Obama seine Wurzeln hat. Was ist da los?

Bei uns im Büro haben sich eine Menge Wahlkampfdevotionalien angesammelt. Kollege Hujer zum Beispiel hat die legendäre "Change"-Werbepappe aus dem Obama-Wahlkampf 2008 oben auf dem Schrank liegen - heute ein echtes Sammlerstück. Er will sie partout nicht hergeben. Ich dagegen habe eine kleine Mitt-Romney-Figur, einen sogenannten "Bobblehead": Dem grinsenden Plastik-Mitt wackelt der Kopf, wenn man ordentlich auf den Tisch haut.

Romney, Sie erinnern sich? Der Republikaner, der vor ein paar Monaten Präsident werden wollte? Genau. Neulich hat ein politisch interessierter Besucher gefragt, wen eigentlich diese Figur da auf meinem Tisch darstellen solle. Romney, habe ich gesagt. Er: Ach so, stimmt.

"Sie hätten für Romney gestimmt"

Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Mitt also noch zum Sammlerstück wird, geht mehr und mehr gen null. Bei Amazon haben sie ihn jetzt schon um 40 Prozent reduziert. Alles muss raus. Fraglich, ob überhaupt noch jemand bereit ist, für einen Romney zu bezahlen. Nichts verdirbt die Preise so sehr wie Misserfolg.

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Romneys T-Shirt-Spende: "Believe in America"
Was aber passiert bloß mit all den großen und kleinen Werbemitteln der untergegangenen Romney-Kampagne? Im Knox County in Tennessee haben sie darauf eine Antwort gefunden: Alexander Waters, Direktor des Romney-Teams vor Ort, hat 300 übrig gebliebene T-Shirts nach Kenia geschickt. Seine Tante Cyndy betreibt dort, in den Slums von Nairobi, das gemeinnützige "Orbit Village Project", das Schule, Kirche und Krankenhaus für derzeit 500 Kinder und Jugendliche betreibt. "Anstatt die T-Shirts einzulagern, wollten wir sie einfach einem guten Zweck zuführen", sagte Waters dem "Daily Caller".

Wohl nicht ganz zufällig am 4. Juli - dem Unabhängigkeitstag der USA - kamen die Shirts dann in Nairobi an. Unter dem Romney-Ryan-Schriftzug prangt der Slogan: "Believe in America". Paul Ryan, auch das sei hier noch einmal rasch in Erinnerung gerufen, war der Kandidat für die Vizepräsidentschaft. Und so gibt es nun ganz viele Fotos von kenianischen Kindern, die sich sehr fröhlich zu einem Mann namens Mitt Romney bekennen und - wenn man den Slogan wörtlich nimmt - an Amerika glauben.

Cyndy B. Waters (Mitte) mit Schülern: "Romney gemocht" Zur Großansicht
Cyndy B. Waters

Cyndy B. Waters (Mitte) mit Schülern: "Romney gemocht"

Als ich bei Cyndy B. Waters wegen der Kleiderspende nachfrage, sagt sie, dass viele junge Männer dank der Romney-Shirts nun ihre Kleiderauswahl quasi verdoppelt hätten. Manche hätten zudem noch eine Romney-Kappe erhalten. "300 brandneue T-Shirts, das ist eine ungewöhnliche Spende", sagt sie. Und: "Die Romney/Ryan-Shirts werden nun auf viele Jahre hinaus hier im Dorf zu sehen sein."

Aber ausgerechnet Kenia? Schließlich stammt Obamas Vater aus Kenia. Als der spätere US-Präsident vor ein paar Jahren noch als Senator das Land besuchte, da haben sie ihn gefeiert wie einen heimkehrenden Sohn. Und jetzt Romney? Zwar sei Kenia stolz auf Obama, doch wenn man die Schüler frage, ob sie ihn zum Präsidenten Kenias wählen würden, dann sagten viele 'nein'", erzählt Cyndy Waters.

Tatsächlich? Ja, die meisten Schüler hätten die US-Präsidentschaftsdebatten im Fernsehen geschaut: "Viele haben Mitt Romney gemocht, sie hätten für ihn gestimmt."

Interessant. Schließlich galt Romney im vorigen Jahr nicht unbedingt als Vorkämpfer für die Ärmsten der Armen. Auch nicht in den TV-Debatten, jedenfalls so weit ich mich erinnere. Aber wer weiß, vielleicht ist Romney doch wieder im Kommen? Vielleicht versucht er es nochmal bei der nächsten Wahl? Sicherheitshalber frage ich in Washingtons Andenkenladen meines Vertrauens nach, unten an der Freedom Plaza. Haben sie noch Romney-Devotionalien? Kommt gar neues Material nach?

"Unsinn", sagt die Verkäuferin, "der Mann ist Geschichte."

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  • AFP
    Geliebt und gehasst, verspottet und bewundert: Washington, DC, bewegt die Menschen. Als US-Kapitale und Zentrum der Weltpolitik, als Sitz des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, als Stadt der Gegensätze.

    In Washington kommt die ganze Welt zusammen und lebt doch getrennt voneinander. Die Weißen leben im Westen, die Schwarzen im Osten. Das politische Washington ist ein Wanderzirkus, ein ständiger Austausch. Und die Lobbyisten haben sogar ihre eigene Straße. Alle schimpfen auf DC, alle wollen nach DC. Es ist wie mit Amerika.

    Das Stars-and-Stripes-Blog erzählt die kleinen Geschichten eines riesigen Landes. Es geht immer um Washington. Aber Washington ist mehr als eine Stadt. Sie steht für die Idee Amerika.
Zu den Autoren
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    Sebastian Fischer ist US-Korrespondent von SPIEGEL ONLINE. Nach dem Besuch der Deutschen Journalistenschule berichtete er für SPIEGEL ONLINE aus München, wechselte 2009 ins Hauptstadtbüro nach Berlin und arbeitet seit 2011 in Washington.

    Marc Hujer ist Leiter des Washingtoner SPIEGEL-Büros. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Darmstadt und Paris. Seit 2005 ist er Korrespondent beim SPIEGEL, erst in Berlin, seit 2010 in Washington. Er hat ein Buch über den US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 veröffentlicht und eine Biografie Arnold Schwarzeneggers.