Die Republikaner sprangen auf, klatschten, jubelten, als Mitt Romney sagte: "Wir werden 'Obamacare' zurücknehmen!" Er kam gut an beim Parteitag im Tampa, dieser Satz, denn die Gesundheitsreform, die Barack Obama durchgesetzt hatte, gilt den Konservativen als sozialistisches Bürokratie-Monstrum. Es ist eines der Dauerthemen im Wahlkampf - und immer wieder geißelte Romney sie. "Obamacare" wurde zum Schlachtruf.
Jetzt muss Romney auch die unentschlossenen Wähler der Mitte von sich überzeugen - und gibt sich gemäßigter. In der Fernsehsendung "Meet the Press" fand er versöhnliche Worte für zwei Kernpunkte der Gesundheitsreform: für den Versicherungsschutz von Menschen, die Vorerkrankungen haben, und für den Schutz junger Menschen. Zwar sagt er erneut, er werde "Obamacare" durch ein eigenes Konzept ersetzen; fügte aber auf Nachfrage hinzu, er würde diese beiden Elemente beibehalten.
Der Hintergrund: Obama hatte geschafft, was keinem Präsidenten vor ihm gelungen war - eine verpflichtende Krankenversicherung für alle Amerikaner durchzusetzen. Erst im Juni segnete der Oberste Gerichtshof das umstrittene Gesetzeswerk mit seiner Pflichtversicherung ab 2014 im Kern ab. Zur Reform gehört, dass Versicherer Kunden mit Vorerkrankungen nicht mehr einfach ablehnen dürfen und dass man bis zum Alter von 26 Jahren bei seinen Eltern mitversichert ist.
Wie Obama mit Gesundheitspolitik punkten will
Romney hatte als Gouverneur von Massachusetts vieles von Obamas Reform vorweggenommen - um sie dann während der Vorwahlen um die Präsidentschaftskandidatur zu verteufeln. Bei seinem Fernsehauftritt verwies er nun wiederum auf seine damalige Arbeit: "Selbst in Massachusetts, als ich Gouverneur war, befasste sich unser Plan dort mit Vorerkrankungen und jungen Menschen." Er werde auch als Präsident sicherstellen, dass diejenigen mit Vorerkrankungen Versicherungsschutz bekämen.
Obama wiederum versucht angesichts schlechter Wirtschaftsdaten mit seiner Gesundheitspolitik zu punkten. In die Hand spielt ihm dabei eine neue Studie, wonach künftige Rentner mehr für ihre Gesundheitsvorsorge zahlen müssten, wenn Romney seine Pläne bei Medicare umsetzen würde, also bei der Krankenversicherung Älterer. Die Studienergebnisse dürfte Obama am Sonntag auch bei seinem Wahlkampf in Florida, einem potentiell wahlentscheidenden Swing State mit mehr alten Menschen als in jedem anderen US-Staat, für sich nutzen.
Die Autoren der Studie stehen den Demokraten nahe. Ihr zufolge muss ein Durchschnittsverdiener, der 2023 in Rente geht, danach in seinem Ruhestand fast 60.000 Dollar (47.000 Euro) mehr für seine Gesundheitsversorgung ausgeben, sollten Romneys Vorstellungen zu Medicare umgesetzt werden. 2030 - also für die heute 48-Jährigen - seien es sogar 124.600 Dollar.
Romney und sein Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan wollen das mit Gutscheinen abmildern. Obama sagte dazu bei seiner Wahlkampftour durch Florida, er werden Medicare niemals in ein Gutscheinsystem umwandeln lassen. "Ich glaube, dass kein Amerikaner in seinen goldenen Jahren der Gnade von Versicherungsgesellschaften ausgeliefert sein darf", sagte er.
Das Rennen zwischen beiden Kandidaten ist offen, der Ausgang dürfte knapp werden. Doch zuletzt hatte vor allem Obama Auftrieb. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos käme der Amtsinhaber bei den Wählern derzeit auf 46 Prozent der Stimmen, sein Konkurrent Romney nur auf 44 Prozent.
Die Ergebnisse wurden am Freitag veröffentlicht. Einen Tag zuvor hatte Romney noch mit einem Prozentpunkt geführt. Meinungsforscherin Julia Clark sagte, aus der Umfrage könne geschlossen werden, dass der dreitätige Parteitag Obama geholfen habe. Es bleibe aber dabei, dass das Rennen zwischen Obama und Romney vermutlich bis zur Wahl Anfang November sehr knapp sein werde.
otr/AP/dapd
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