Aus Manassas berichten Sebastian Fischer und Sandra Sperber (Video)
"'Allgemeinwohl' ist die Wohlfahrt derer, die sie
nicht verdienen; jene, die sie verdienen, haben
keinen Anspruch auf Fürsorge." Ayn Rand, "Atlas Shrugged"
Man hat den Eindruck, als sei der republikanischen Basis neuer Enthusiasmus eingehaucht worden. Zu Hunderten stehen sie in den Straßen der kleinen Stadt Manassas vor den Toren Washingtons. Die Menschenschlange biegt hier links, da rechts und weiter hinten wieder links ab. So dass man schließlich gar nicht mehr weiß, wo Anfang und Ende sind.
Heiß ist es und schwül auch, wahnsinnig drückend, die Zunge klebt im Mund. Einige Ältere klappen zusammen, fallen einfach um. Sie richten sich wieder auf, lehnen sich gegen Hauswände. Sie bleiben.
Denn an diesem Samstagnachmittag will ihr Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hier in Virginia seinen Vize präsentieren, den erst 42-jährigen Paul Ryan. Von dem haben sie schon viel gehört. Weil er doch als Chef des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus diesen radikalen Plan zur Budget-Sanierung vorgelegt hat: Sozialkürzungen, Teilprivatisierung der Gesundheitsprogramme für Ärmere und Ältere, massive Steuersenkungen für die Reichen, mehr Militärausgaben.
Romneys Versprecher, Ryans Jubel
Es wäre nichts weniger als der Umbau Amerikas - und diese Aussicht kommt richtig gut an bei der nach rechts gerückten Republikanerbasis. Ryan ist ihr Held. Rebellenrhetorik, Familienvater, drei Kinder, bodenständig, aus dem Mittleren Westen, Wisconsin. Was will man mehr?
Aber Paul Ryan, der hat ein Thema. Und so steht auch Romney für etwas, seitdem er an diesem Morgen vor dem alten Kriegsschiff USS Wisconsin unten in Norfolk, Virginia, Paul Ryan unter den Klängen einer Hollywood-Schmonzette ("Air Force One") erst zum "nächsten Präsidenten" ausrief, sich dann noch mal korrigierte und schließlich beim "nächsten Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika" landete.
Bitter für Romney: Fällt Ryans Name ein paar Stunden später vor der Menge in Manassas, bricht diese in Jubel aus. Fällt seiner, ist merklich weniger los.
Gut drei Stunden lang haben die Leute hier schon ausgeharrt, als Romney und Ryan endlich die Bühne betreten; als Ryan endlich ruft, im November, bei der Präsidentschaftswahl, "da holen wir uns unser Land zurück". Jubel. "Wird unsere Wirtschaft in die richtige Richtung geführt?", fragt er. "Nein", schreien die Anhänger. "Warum?", fragt Ryan. "Obama!" Und dann, wieder und wieder während Ryans Rede: "USA! USA! USA!" So viel Stimmung war selten bei Romney.
Sogar er selbst wirkt aufgeweckter, aktiver als sonst. Vielleicht will Romney sich auch einfach nicht die Show stehlen lassen von diesem jungen Mann, der sein Vize sein soll und das Alter seines ältesten Sohns hat. Romney brüllt, Romney rudert mit den Armen, Romney läuft hin und her. Da geht was, plötzlich.
Mit Ryan geht Romney ein Risiko ein
Ryan nennt er einen Anführer, das höchste zu vergebende Lob in der US-Politik. Ryans wütende Sparvorstellungen münzt er glatt in eine Rettungsaktion für die Sozialsysteme um. In der Menge vor ihm sind jetzt die neuen Winkelemente verteilt worden, am Samstag erst haben sie sie gedruckt, damit keiner Lunte riechen konnte: "Romney" steht groß darauf und darunter, kleiner, "Ryan". "Ich liebe Amerika", ruft Romney all den Schildern mit seinem Namen zu. Es gehe bei dieser Wahl ja nicht um ihn selbst "oder um ihn" - Romney zeigt auf seinen eigenen Sohn hinter sich, meint aber natürlich eigentlich Vize Ryan. Der steht ein bisschen weiter rechts.
Wer dominiert hier wen? Es wird sich zeigen, inwiefern die Personalie Ryan Romneys bisherigen Wahlkampf verändert. Klar ist: Romney hat blassere Kandidaten ausgeschlagen (Ex-Gouverneur Tim Pawlenty, US-Senator Robert Portman), mit Ryan geht er ein Risiko ein. Das offensichtliche Ziel: Endlich gegen Obama in die Offensive kommen. Der kämpft zwar mit einer historisch hohen Arbeitslosenquote, doch Romney kriegt ihn trotzdem nicht zu packen. Also Ryan.
"Wenn ein vorsichtiger Kandidat wie Mitt Romney jemanden wie den Abgeordneten Paul Ryan zu seinem Running Mate macht, dann legt das nahe, dass er sich auf der Verliererstraße gegenüber Präsident Obama sieht", meint die "New York Times".
Den Demokraten gilt Ryan als Verkörperung jener Spielart des Kapitalismus, die die USA überhaupt erst in jene fatale Finanz-, Wirtschafts- und Immobilienkrise manövriert hat. Also feiert Amerikas Linke Ryans Nominierung nicht weniger als Amerikas Rechte. Noch am Samstag veröffentlichte Obamas Wahlkampfteam ein Video über Ryans "extremen Budget-Plan". Schon bisher hatte Romney Mühe, nicht als kühler Kapitalist rüberzukommen, etwa wegen seiner Vergangenheit bei der Investmentfirma Bain Capital. Wird er sich tatsächlich auf Ryans Kürzungspläne festlegen lassen? Und was nutzt Romney eine - endlich - elektrisierte Republikaner-Basis, wenn er dafür die entscheidenden unabhängigen Wähler verprellt?
Eigennutz und Selbstsucht als moralische Prinzipien
Mit dem talentierten Mr. Ryan jedenfalls hat sich Romney einen Überzeugten ins Team geholt. Sie mögen beide die Wirtschaftspolitik in den Mittelpunkt rücken, mögen beide einen technokratischen Politikstil pflegen, mit Zahlen und Charts hantieren - aber an einem Punkt unterscheiden sie sich gewaltig: Romney hat sich stets angepasst, als Gouverneur in Massachusetts den Moderaten gegeben und nun eben den Konservativen. Hin und her, kein Problem. Ryan aber ist anders.
Wenn sein politisches Engagement einer Person zuzuschreiben sei, hat er vor ein paar Jahren festgestellt, dann sei das wohl Ayn Rand. Das ist jene Philosophin, die Ende der Fünfziger die krude Kapitalistenbibel "Atlas Shrugged" veröffentlichte. Dort werden Eigennutz und Selbstsucht als moralische Prinzipien gefeiert, das Allgemeinwohl aber als Kollektivismus verdammt. Das Magazin "Politico" sowie der "New Yorker" riefen am Samstag noch einmal in Erinnerung, welche Bedeutung die Philosophin Rand für Ryan hat. Er selbst sagte 2003 dem konservativen "Weekly Standard", dass er all seinen Praktikanten "Atlas Shrugged" als Weihnachtspräsent überreiche und sie anhalte, den 1386-Seiten-Schmöker auch zu lesen.
Der Ryan-Plan mit seinen Sozialkürzungen wirkt wie die Übersetzung Rands in praktische Politik. Doch halt, Ryan will seit diesem Frühjahr nichts mehr mit der Ultrakapitalistin zu tun haben: "Ich lehne ihre Philosophie ab", zitiert "Politico" aus einem Ryan-Interview mit der "National Review". Es sei eine "atheistische Philosophie". Aha.
Unklar bleibt, woher der Sinneswandel stammt. Klar ist nur, dass Ryan als weiterhin bekennender Rand-Verehrer wohl einen schweren Stand hätte als Kandidat für die Vizepräsidentschaft. Romney jedenfalls feiert Ryan den ganzen Samstag über in Virginia lieber als gläubigen Katholiken.
Das ist doch prima. Vielleicht gerät neben der Ayn-Rand-Nummer bald auch in Vergessenheit, wie die katholische US-Bischofskonferenz im April über Ryans Haushaltspläne urteilte: Diese würden "bestimmte moralische Kriterien" verletzen.
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