Aus Simi Valley berichtet Gregor Peter Schmitz
Es herrscht Hochbetrieb im Oval Office, die Besucher müssen fast im Minutentakt durcheilen. "Aufrücken", ruft Führerin Rosemary Licata, eine entschieden blickende Dame mit belegter Stimme. Sie wirft ein Lutschbonbon nach. Die Stimmbänder. Licata erklärt, welches Sofa in welcher Ecke stand, welcher Stuhl am bequemsten war für den US-Präsidenten.
Die nächste Besuchergruppe drückt gegen die Absperrleinen, der Nachbau des Oval Office ist die Attraktion, so ist das in jeder Präsidentenbibliothek, natürlich auch in der von Ronald Reagan hoch über Simi Valley, eine Stunde von Los Angeles.
Licata hat das Highlight beim Rundgang bislang noch nicht präsentiert, den speziellen "Reagan-Touch".
"Sehen Sie, dort auf dem Schreibtisch?" Eine schimmernde Plakette, darauf vier schlichte Worte: "It CAN be done." Das "can" ist tatsächlich groß geschrieben.
Besser lasse sich die Philosophie des 40. Präsidenten der USA nicht zusammenfassen, erklärt Licata feierlich. "Die Plakette gibt es auch im Andenkenladen zu kaufen", ruft sie noch rasch. Dann ist die nächste Gruppe dran.
Es herrscht Gedrängel in der Ronald Reagan Presidential Library, pünktlich zu den Feierlichkeiten um Reagans 100. Geburtstag ist sie für 15 Millionen Dollar renoviert worden, sie war schon vorher die bestbesuchte aller Präsidentenbibliotheken. Die Librarys - es gibt rund ein Dutzend davon in den USA - sind keine Bibliotheken im wörtlichen Sinne. Es sind Museen, in denen die Arbeit der amerikanischen Staatsoberhäupter dokumentiert wird, auch wenn jede US-Präsidentenbibliothek vor allem eine Art Schrein ist.
"Amerikas beste Tage liegen noch vor uns"
Doch in Simi Valley, wo Reagan auch begraben liegt, geht es um mehr. Um eine Marke, die jedes Jahr stärker zu werden scheint: Ronald Reagan als Bild des perfekten US-Präsidenten - und Botschafter des Glaubens, dass Amerika einfach alles schaffen kann.
An der Vermarktung wollen viele teilhaben, nicht nur die Verkäufer im Andenkenladen. Republikaner-Hoffnung Sarah Palin erklärte sich zum runden Jubiläum zur "Fußsoldatin" der Reagan-Revolution, Präsident Barack Obama hat für die Geburtstagszeitung, die am Bibliothekseingang ausliegt, einen Jubeltext über seinen Vorgänger beigesteuert.
Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des US-Repräsentantenhauses und denkbarer Präsidentschaftskandidat der Republikaner 2012, schreibt am Eröffnungstag im Air-Force-One-Pavillon der Bibliothek Unterschriften in einen Fotoband über Reagan, den er gerade herausgegeben hat. Gingrich weiß, für einen waschechten Konservativen wie ihn gibt es keinen besseren Ort als den riesigen Saal, in dem jene Air Force One im Original zu bestaunen ist, mit der Reagan in 26 Länder jettete.
Es ist eine Umgebung, in der die USA mächtig und stark wirken, nicht zweifelnd und in Abstiegsangst verfangen. Am Eingang stehen Ronald und Gattin Nancy lebensgroß, darüber steht: "Amerikas beste Tage liegen noch vor uns."
Als Reagan sein Amt antrat, steckte Amerika tief in der Krise, wie heute. Die Arbeitslosigkeit war hoch, der Ölpreis auch, die Inflation sowieso. Die Herrscher in Iran hielten Amerikaner als Geiseln, die Sowjets standen in Afghanistan.
Reagan hielt damals seinen Optimismus dagegen, über Jahrzehnte geschult, als Firmenbotschafter für General Electric, als erfolgreicher Schauspieler in Hollywood. Selbst ein fast tödliches Attentat 1981 konnte diesem Frohmut nichts anhaben, die Bibliothek stellt es in grausigen Details nach, bis hin zum zerrissenen Anzug, den die Ärzte Reagan damals vom Leib schneiden mussten.
"Was immer jetzt mit mir passiert, ich verdanke es Gott", sagte Reagan nach dem Angriff auf ihn, obwohl er selten in die Kirche ging. Vielleicht habe ihn das Erlebnis sogar getrieben, Frieden mit den Sowjets zu versuchen, mutmaßt er selbst in seinen Aufzeichnungen - und diese schließlich, so sehen es zumindest seine Anhänger, in die Knie zu zwingen.
Reagan als Triumphator des Kalten Krieges
Besucher der Bibliothek können durch die Berliner Mauer kriechen, auf allen Vieren durch einen Tunnel, hin zur Freiheit. Natürlich zeigt ein Video die berühmte Rede, in der Reagan Sowjetlenker Gorbatschow entgegen schmettert, er solle endlich diese Steine einreißen.
Friede durch Stärke, so lautete Reagans außenpolitisches Motto. Eine düstere Galerie will in der Bibliothek all die Schurken abbilden, mit denen Amerika sich herumschlagen musste, Gaddafi, Castro, Stalin, Ajatollah Chomeini, Mao. Reagan strahlt hingegen stets hell von der Wand, bestens ausgeleuchtet als Triumphator des Kalten Krieges.
Es ist dieser Geist, den Amerikas Politiker nacheifern wollen, vor allem die Konservativen. Im letzten Wahlkampf debattierten ihre Kandidaten hier, 53-mal erwähnten sie dabei Reagans Namen. Im Mai treffen sich die neuen Hoffnungsträger wieder für die erste große TV-Debatte direkt neben Reagans Air Force One.
Die Präsidentenbibliothek ist für sie ein Denkmal geworden, ein Ort, an dem sie ihre Aufwartung machen müssen. Sie wollen sich an Reagans Optimismus klammern, gerade jetzt, wo die Weltmacht USA im Niedergang scheint. "Lasst Euch von niemandem einreden", predigt der Ex-Präsident einmal mehr von den Wänden, "dass Amerikas beste Tage hinter uns liegen."
Es klingt so einfach, wie die "Reaganomics", das angebliche Wirtschaftswunder seiner Amtszeit. Bibliotheksgäste können diese als Computerspiele nachstellen, das "Cut Taxes Game" gibt es zum Anklicken, Steuersenkungen ganz spielerisch. Oder die "Knock-down-regulations"-Variante: Auf dem Schirm lädt man eine Steinschleuder, damit lässt sich das Telefon-Monopol in den USA abschießen oder das fürs Kabelfernsehen.
Reiche, die immer reicher werden
Doch eigentlich zeigt der simple Zeitvertreib auch die Schwächen von Reagans Vermächtnis. Der gelernte Schauspieler war perfekt darin, den Amerikanern zu suggerieren, alles werde schon gut werden, alles sei einfach. So wie in dem Drei-Minuten-Film zur Besuchereinstimmung, der aussieht wie ein Werbespot für einen Hollywood-Film und Reagan wie sein Star. Ein Mann hatte den Mut und veränderte die Welt, heißt es darin schlicht.
Doch dieser sonnige Optimismus, er verdeckte viele Probleme und nötige Anpassungen. An einer Wand ist aus Reagans Ära als Gouverneur von Kalifornien eine Inschrift über die Suche nach dem Ende der US-Abhängigkeit von ausländischem Öl zu lesen. Das Problem quält Amerika immer noch. Auch gegen andere Vermächtnisse hilft schlichter Optimismus wenig: Das amerikanische Haushaltsdefizit liegt heute bei sagenhaften 14 Billionen Dollar. Die soziale Spaltung Amerikas, unter Reagan zementiert, wächst weiter. Mit Reichen, die immer reicher werden und Armen, die immer weniger haben. Dazwischen eine frustrierte Mittelklasse.
Wie und wann soll Amerika diese Probleme endlich angehen? Es wird nicht leichter dadurch, dass Reagans Erbe den Staat auch vom Bürger entfremdete. Der Staat sei nicht die Lösung für Probleme, er sei selbst das Problem, rief der Republikaner.
Seine Möchtegern-Nachfolger auf der Rechten bieten nicht einmal das sonnige Gemüt Reagans, der stets einen Schokoladenkuchen in der Air Force One verwahrte - falls jemand an Bord Geburtstag feiert. Palin zweifelt offen an Obamas Patriotismus, Gingrich sieht Demokraten meist als Feinde. Fox News, der rechte Krawallsender, steht vor der Bibliothek parat, als er seinen Bibliotheksauftritt absolviert.
Krawall bringt Quote - und lässt kaum noch Raum für den Respekt vor dem Präsidentenamt. Das ist auch in Reagans schöner Bibliothek zu spüren: Als eine Gruppe älterer Damen mit sorgfältig gezupften Haaren durch Reagans Air Force One wandert, wollen sie von der Führerin wissen, ob Obamas heutiges Flugzeug eigentlich größer sei. Ja, erwidert diese, aber nur, weil die Regierung schon unter den Republikanern neue Modelle bestellt habe.
Die sachliche Information kommt nicht recht an bei den Damen. Sie hören vor allem, dass Obamas Flugzeug größer ist, teurer. Eine Frau zischt: "war ja klar".
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