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US-Wahlkampf: Die Muslimin, die sich mit Trump angelegt hat

Von , Rock Hill

Rose Hamid: Ein einfacher Stern machte sie zum Symbol Zur Großansicht
CNN

Rose Hamid: Ein einfacher Stern machte sie zum Symbol

Rose Hamid ist weltweit zum Gesicht des Widerstands gegen Donald Trump geworden. Sie war empört über die Äußerungen des Republikaners über den Islam und stellte sich ihm in den Weg. Hier erzählt sie, was dann geschah.

Der Tag, der Rose Hamid weltweit als Trump-Gegnerin bekannt machen wird, beginnt mit einem gelben Stern. Ein Bekannter hat ihn designt, handtellergroß und zitronengelb, in der Mitte das Wort "Muslim." Ihr Bekannter hat mehrere Exemplare ausgedruckt, er verteilt sie jetzt, an Rose Hamid und einige andere Muslime, die an diesem Abend ebenfalls gegen Trump protestieren wollen. Hamid steckt den Stern ein, er erinnert an den Stern, den die Juden im "Dritten Reich" tragen mussten. So also wird sie Trump entgegentreten.

An jenem Freitagabend Mitte Januar hat sich Trump in der Winthrop Universität in Rock Hill, South Carolina, angekündigt, 6500 Menschen fasst die Sporthalle des örtlichen Sportteams, Charlotte ist nur ein paar Autominuten entfernt. Hamid, 56, ist eine stolze Muslimin, die ihr Kopftuch auch während ihrer Arbeit als Flugbegleiterin trägt, nie ist sie dafür kritisiert worden. Als sie hörte, dass Trump in ihre Gegend kommt, fasste sie den Entschluss, nach Rock Hill zu fahren, sie wollte ein Zeichen setzen, sie machte sich früh auf den Weg, es hieß, dass die Schlange lang sein würde.

Anfangs hatte Hamid Trump kaum beachtet, wie die meisten Amerikaner. Aber als er nach den Anschlägen von Paris und San Bernardino ein "Einreisestopp für alle Muslime" nach Amerika forderte, "bis wir herausgefunden haben, was hier vor sich geht", war für sie eine Schwelle erreicht. Trumps Forderung rüttelt an der Verfassung, die in Zusatzartikel eins das Grundrecht auf Religionsfreiheit festhält.

Trumps Rassismus hat sich verändert, er ist schriller geworden

Hamid sitzt jetzt in ihrem Reihenhaus in einem Vorort von Charlotte und erzählt, warum sie sich von Trumps Forderung so getroffen gefühlt hat. Ihre Mutter stammt aus Kolumbien, ihr Vater aus Palästina, sie wuchs im Bundesstaat New York auf, wurde katholisch erzogen und konvertierte mit Mitte 20 zum Islam. In ihrem Bücherregal stehen die zehn Gebote, an der Wand hängt eine Sure des Korans, sie glaubt an die Vielfalt der Religionen, das wollte sie Trump an diesem Abend mitteilen.

Trumps Rassismus hat sich über die Monate verändert, er ist schriller geworden und hat sich seinem Publikum angepasst. Anfangs sprach Trump über illegale Einwanderer, die es zu deportieren gelte, aber erst, als er merkte, dass dies stets die Stelle seiner Rede war, bei der es den lautesten Beifall gab, legte er nach: Aus Mexiko kämen "vor allem Kriminelle und Vergewaltiger in die USA", donnerte er. Er werde: "eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen, und Mexiko wird dafür bezahlen!" Und er versprach, alle elf Millionen Einwanderer, die sich ohne legale Papiere in den USA aufhalten, binnen zwei Jahren zu deportieren.

Wie immer bei Trump war der Aufschrei groß, aber seine Fans lieben ihn dafür. Die Mauer, obwohl noch nicht gebaut, ist bei seinen Anhängern zu einem Symbol des wehrhaften Amerikas geworden.

Hamid steht einfach still da - und wird von Ordnern abgeführt

Rose Hamid suchte ebenfalls nach einem Symbol, einem, das ihren Widerstand ausdrückt. Ihr Sohn entwarf für den Abend ein türkisfarbenes T-Shirt mit der Aufschrift "Salam, ich komme in Frieden". Am Abend sind sie zu acht, Hamid und ein paar Bekannte. Nachdem sie die Einlasskontrollen passiert haben, suchen sie sich einen Platz auf der Tribüne direkt hinter Trump, die Fernsehkameras sollen einfangen, was sie tun.

Wenn Trump etwas Hasserfülltes sagt, stehen sie auf, das ist der Plan.

Als Trump über Flüchtlinge aus Syrien herzieht, kramt Rose den Stern aus dem Tasche und befestigt ihn an ihrem T-Shirt. Als Trump weiterhetzt, jetzt über den radikalen Islam, steht sie auf und faltet die Hände. Neben ihr erhebt sich ihr jüdischer Bekannter.

Die beiden stehen einfach da, ein Jude und eine Muslimin. Ganz still. Keine Geste, keine Parole. Ein stummer Protest.

Ein paar Sekunden später bricht ein Orkan los. Zu Beginn seiner Auftritte fordert Trump seine Anhänger jeden Abend dazu auf, Störer mit "TRUMP"-Sprechchören niederzuschreien. Jetzt stehen seine Fans auf, sie recken die Fäuste und brüllen Hamid nieder, als habe sie jemanden ermordet. "TRUMP", "TRUMP", schallt es aus den Kehlen von mehreren Tausend Menschen, die Kulisse ist ohrenbetäubend.

Trump ruft in den Saal, es sei unglaublich, wie viel Hass es in der Gesellschaft gebe. Er meint damit Rose Hamid, die doch einfach nur stumm dasteht.

Zwei Ordner kommen und führen Hamid mit festem Griff ab, ihre Nachbarin starrt sie wütend an, Hamid leistet keinen Widerstand. "Ich habe versucht, Trumps Anhängern in die Augen zu schauen, aber es war unmöglich", sagt sie. "Da war eine merkwürdige Leere."

Ob sie Trump hasst?

"Nein", sagt Hamid, "ich hasse weder Trump, noch seine Anhänger. Hass ist nur die Aufforderung zum Gegenhass." Aber der Abend in Rock Hill habe ihr gezeigt, wie schnell aus einer Gruppe freundlicher Menschen ein Mob werden könne, bereit zu allem.

Hamid wird zur Vorzeigebürgerin für das andere Amerika

In den Tagen danach meldete sich Al Jazeera und die BBC, ein niederländischer Sender und der SPIEGEL, auf YouTube gibt es Videos von ihrem stummen Protest. Rose Hamid ist zu einer Vorzeigebürgerin geworden, sie steht für das andere, tolerante Amerika, für Religions- und Meinungsfreiheit. Für all das also, was Trump nicht mag. Sie erhält jetzt Postkarten von wildfremden Menschen, die sich von ihr ermutigt fühlen. Einer ihrer Chefs hat ihr eine Notiz geschickt, dass er stolz auf sie sei.

Auf der anderen Seite, sagt Hamid, sei das Problem mit Trump, dass er das Land und die Menschen verändere. Die anderen Kandidaten schauten sich seine Umfragewerte an und rüsteten ihre Rhetorik entsprechend auf, der Ton in der Politik ändert sich, auch Ted Cruz will jetzt eine Mauer bauen. Das ist es, was Hamid Sorgen macht. "Trump ermutigt die Menschen, aus sich herauszugehen und Dinge zu tun, die sie sonst nicht wagen würden."

Sie hat den gelben Stern nicht weggeworfen. Vielleicht braucht sie ihn noch einmal.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 172 Beiträge
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1. ....
jujo 30.01.2016
Ähnliches erleben wir jetzt auch in Deutschland und Europa. Im Prinzip friedliche Menschen mutieren zu hasserfüllten Monstern, die völlig irrational in die Kameras und Mikrofone schreien.
2. Hochachtung!
laurent1307 30.01.2016
Ich ziehe den Hut: Ein würdevoller Protest der den Menschengruppen die scheinbar wissen, was richtig oder falsch ist, den Spiegel vorhält und somit entlarft was diese Menschen wirklich sind: Hasserfüllte Extremisten! Und die gibt es leider immer mehr auf dieser Welt. Egal ob rechts, links, Muslim, Christ oder Atheist!
3. Interessante Frau
butzibart13 30.01.2016
Die fanatisierten Massen und natürlich Trump selber schreien eine Person nieder, die nichts weiter tut, als stumm dazustehen. Merken die nicht, wie bescheuert sie sind? Dieses hordenhafte Brüllen macht Angst. Scheinbar kann man Trump nur durch stumme Gesten oder durch extrem aggressives Kontern verunsichern.
4.
jasuly 30.01.2016
"Trump ruft in den Saal, es sei unglaublich, wie viel Hass es in der Gesellschaft gebe." Das ist wirklich zynisch, so als würde der Ziegenbock sich darüber beklagen, dass in letzter Zeit zu viel Gras von der Wiese gefressen worden wäre.
5. Eine unfaßbare Entwicklung...
event.staller 30.01.2016
...droht sich anzubahnen: gehört nun auch Fremden-Feindlichkeit zu den "unbegrenzten Möglichkeiten" eines Landes, das erst durch internationale Zuwanderer zu einem starken Staat wurde? Wie schrecklich einfach, die Zukunfts-Ängste der Bevölkerung mit solchen Feindbildern auszunutzen. Wohin das führen kann, haben wir doch aus unserer Geschichte gelernt: Erst Haß, dann Verfolgung und dann...?
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