Tagebuch des Hitler-Ideologen Was Alfred Rosenberg niederschrieb

Es ist ein Dokument von großer Brisanz: In den USA wurden persönliche Aufzeichnungen von Alfred Rosenberg präsentiert, Hitlers Chef-Ideologen. Sie galten lange als verschollen. Historiker erhoffen sich neue Erkenntnisse über den Holocaust, Reportern wurde jetzt ein kurzer Einblick gewährt.

Aus Wilmington berichtet


Dies ist der Moment, auf den Henry Mayer gewartet hat. "Seit 17 Jahren", präzisiert er. Leise keuchend und auf einen Stock gestützt, humpelt er in den kleinen Raum, wo sich die Reporter drängen. Sein Gesicht, umkränzt von einem weißen Bart, glüht vor Aufregung.

Auf einem Tisch im Nebenraum, hinter einer Glaswand, liegt der Grund für seine Freude - gut ein Dutzend vergilbter Blätter, einige betippt, andere handbeschrieben, in krakeligem Kursiv. Um letztere geht es: Es sollen Auszüge aus dem seit 1946 verschollenen Tagebuch des Nazi-Chefideologen Alfred Rosenberg sein - heute eines der wohl wichtigsten Dokumente aus dem "Dritten Reich".

Dieser Fund ist Mayers Lebenswerk. Der frühere Chefarchivar des United States Holocaust Museum hat fast seine ganze Karriere dieser Suche gewidmet, bis über seine Pensionierung 2010 hinaus. Und jetzt kann er endlich sagen: "Wir haben das Tagebuch."

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Hitler-Vertrauter Rosenberg: Kopf der NS-Weltanschauung
Der Fund könnte weitreichende Folgen haben: "Wir glauben", fügt er gewagt hinzu, "dass Teile dieser Materialien die geschriebene Geschichte widerlegen."

Ein explosiver Satz, den er dann aber nicht weiter belegt. Doch schon so ist die Brisanz unverkennbar. Die privaten Aufzeichnungen eines Hauptkriegsverbrechers und Hitler-Vertrauten, insgesamt 400 Seiten, 1934 bis 1944, verloren geglaubt bis jetzt: Historiker erhoffen sich von dem Rosenberg-Tagebuch unter anderem neue Erkenntnisse über die Judenvernichtung.

"Die volle Bedeutung des Tagebuchs ist uns noch nicht bewusst", sagt John Morton, der Direktor der US-Zollfahndungsbehörde ICE, die es sicherstellte. Auf jeden Fall verspreche es Einblick "in den Geist einer dunklen Seele".

Mayer und Morton sind umringt von stolzen FBI-Agenten, Beamten des US-Heimatschutzministeriums, Vertretern der Staatsanwaltschaft. Sie alle sind nach Wilmington gekommen, auf halbem Wege zwischen New York und Washington, um an diesem Moment teilzuhaben. Für sie ist dies ein historischer wie kriminologischer Triumph.

"Was mit dem Rosenberg-Tagebuch geschah, ist eines der dauerhaftesten Rätsel der Nachkriegsgeschichte", sagt Morton. "Wir haben dieses Rätsel gelöst."

Aber nicht allein: Auch ein SPIEGEL-Reporter spielte dabei offenbar eine maßgebliche Rolle.

Hitler: "Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen"

Um die Odyssee des Tagebuchs ranken sich viele Legenden, Gerüchte, Spekulationen. Die Alliierten hatten es am 10. August 1945 sichergestellt. Auszüge dienten im Nürnberger Hauptprozess gegen die NS-Täter als Beweismaterial. Dann, nach Rosenbergs Hinrichtung im Oktober 1946, verschwand es.

Mayer, Morton, das Holocaust Museum und das FBI verbürgen sich für die Authentizität der Notizen. "Wir glauben, dass das, was wir bekommen haben, das Original-Tagebuch ist und dass es keine Kopien gibt", sagt Morton. "Dieses Tagebuch ist buchstäblich einzigartig."

Eine unabhängige Überprüfung bleibt zunächst jedoch unmöglich: Nur für zwei Minuten dürfen sich die Reporter den Papieren nähern, um sie unter Aufsicht zu fotografieren und zu filmen.

Sichtbar sind nur Textschnipsel. So schreibt Rosenberg am 2. April 1941, Hitler habe ihn zum Essen eingeladen, "so dass wir den ganzen Abend Zeit für die Behandlung eines Problems haben". Hitler habe ihm gesagt: "Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen." Und weiter unten auf derselben Seite: "Deutschland kann auf Jahrhunderte von seinem Druck erlöst werden, der immer wieder, unter verschiedenen Formen, auf ihm lastete."

Dann werden die Reporter auch schon wieder weggescheucht. Denn wie beim Prozess 1946 ist das Tagebuch erneut Beweismaterial. Doch diesmal in den Justizermittlungen zu seiner seltsamen Reise von Nürnberg bis in die USA - eine Reise, deren Aufklärung Mayer als eine abenteuerliche Geschichte voller Irrungen, falschen Fährten und Sackgassen beschreibt.

1,5 Millionen Bahnwaggons mit Raubgut abtransportiert

Rosenberg stieg seinerzeit schnell auf, vom Chefredakteur des "Völkischen Beobachters" bis zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Sein Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" galt als ideologische Rechtfertigung für die Judenvernichtung. Auch war Rosenberg maßgeblich für die Plünderung jüdischer Archive und Kunst verantwortlich.

Insgesamt wurden dabei, wie Mayer seinem Publikum bewegt in Erinnerung ruft, 1,5 Millionen Bahnwaggons mit Raubgut abtransportiert, "eine erstaunliche Zahl" - darunter übrigens auch das Bernsteinzimmer.

Die Nürnberger Richter sprachen Rosenberg wegen Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Planung, Eröffnung und Durchführung eines Angriffskriegs, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig. Bis zuletzt verteidigte er seine Ideologie.

Der deutschstämmige US-Ankläger Robert Kempner riss sich nach dem Prozess umfangreiches Aktenmaterial unter den Nagel. Lange konnten die Ermittler nur vermuten, dass sich darunter auch Rosenbergs Tagebuch befand.

Erst jetzt sind sie sich sicher: "Das Tagebuch", sagt Morton, "wurde wahrscheinlich von Dr. Robert Kempner in die USA geschmuggelt."

Eine erste Spur eröffnete sich nach Darstellung Mayers im März 1996, zweieinhalb Jahre nach Kempners Tod. Damals hätten zwei enge Mitarbeiterinnen Kempners die damalige Chefhistorikerin des Holocaust Museums, Sybil Milton, auf die Existenz der aus Nürnberg entwendeten Nazi-Unterlagen hingewiesen.

Versprecher verrät, wer das Tagebuch jahrelang versteckte

Ein Jahr später hätten sie in Kempners Haus in Pennsylvania die Akten kistenweise gesichtet. "Das Material war in schlechter Verfassung", erinnert sich Mayer. Nach längerem, auch juristischem Hin und Her sei die Hälfte der Dokumente in den Besitz des Holocaust Museums gelangt. Während dieser Zeit verstarb Sybil Milton.

Was wirklich geschah, war damals schon im SPIEGEL nachzulesen: 2003 teilte ein US-Bezirksgericht den Aktenschatz zu gleichen Teilen auf - zwischen dem Museum und einem Altwarenhändler, der es beim Entrümpeln des einstigen Kempner-Hauses beseitigt hatte.

Nur eines fand man immer noch nicht: "Jedesmal, wenn wir nach diesem Tagebuch suchten, blieb es verschwunden", sagt Mayer.

Erst die Schwester einer der beiden Kempner-Vertrauten habe sie in die richtige Richtung gewiesen: Sie habe einem SPIEGEL-Reporter anvertraut, "dass sie das Rosenberg-Tagebuch einem Freund zur sicheren Aufbewahrung gegeben habe". Bei dem Reporter handelte es sich um Axel Frohn, der damals ausgiebig zu der Kempner-Affäre recherchiert hatte.

Den Namens des mysteriösen "Freundes" verschweigt Mayer, selbst auf mehrmaliges Nachfragen. Durch einen Freudschen Versprecher verrät er ihn dann trotzdem: Statt "Rosenberg" sagte er zweimal "Richardson".

Gerichtsbescheid erzwang Herausgabe des Tagesbuchs

Kenner der Geschichte überrascht das nicht: Herbert Richardson, ein kontroverser Professor, Kempner-Fanatiker und Bekannter der beiden Ex-Mitarbeiterinnen, hatte einen Großteil der Papiere zwischenzeitlich an seinen Wohnort Lewiston an der kanadischen Grenze gebracht.

Doch erst im November 2012, so Mayer, habe ein Privatdetektiv im Auftrag des Museums die Existenz des Tagebuchs in Lewiston bestätigt. Daraufhin hätten Beamte des Justiz- und Heimatschutzministeriums den "Freund" davon "überzeugt, dass das Material in Wahrheit dem Holocaust Museum gehört". Klartext: Sie rückten mit einem Gerichtsbescheid an.

Anfang April dieses Jahres, sagt Mayer mit glänzendem Blick, habe er das Tagebuch in Lewiston erstmals in Augenschein genommen.

Die ICE-Dependance in Wilmington, die auf historisches Raubgut spezialisiert ist, beschlagnahmte das Fundstück danach. Rechtmäßiger Besitzer seien die USA, erklärt Morton, der ausdrücklich "die unermüdliche Ermittlungsarbeit" und "jahrelange Durchhaltekraft" der US-Behörden lobt. Von deutschen Behörden dagegen ist keine Rede.

Auf weitere Details will sich in Wilmington niemand einlassen. Fest steht nur: Das Tagebuch soll nun im Holocaust Museum bleiben, wo es sicher über viele Jahre hinweg ausgewertet wird.

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