Rot-Kreuz-Bericht Im Schattenreich der US-Folterknäste

Prügel, Schlafentzug, Waterboarding: Ein geheimes Rot-Kreuz-Dossier dokumentiert ausführlich, wie Terrorverdächtige in CIA-Geheimgefängnissen systematisch gefoltert wurden. Ein Reporter hat die Aussagen der Betroffenen nun öffentlich gemacht. Horrorberichte aus dem Schattenreich der Geheimdienste.

Von , New York


Der Gefangene erinnerte sich an jedes Detail. Sie hätten ihn aus der Kiste gezerrt, in der er stundenlang eingezwängt gewesen sei, und mit Gurten an eine Bahre gezurrt. Dann hätten sie ihm ein Tuch übers Gesicht gepresst und so lange Wasser darüber gekippt, "bis ich nicht mehr atmen konnte". Er habe sich erbrochen. Trotzdem sei die Prozedur wiederholt, verlängert und verschärft worden. "Ich dachte, ich würde sterben."

Camp X-Ray in Guantanamo (Archivfoto): Terrorverdächtige Attasch, Subeida und Mohammed berichten Rotem Kreuz von Folter in US-Lagern
DDP; AP, DPA

Camp X-Ray in Guantanamo (Archivfoto): Terrorverdächtige Attasch, Subeida und Mohammed berichten Rotem Kreuz von Folter in US-Lagern

Der Gefangene war Abu Subeida, der als Vertrauter von Osama bin Laden galt und 2002 gefasst wurde. "Sie" waren CIA-Beamte in einem geheimen US-Internierungslager, an einem unbekannten Ort irgendwo auf der Welt. Und die Verhörpraxis heißt Waterboarding, eine international geächtete Foltermethode.

Deren Einsatz hat Washington inzwischen zugegeben. Die Details der Tortur Subeidas freilich sind erst seit dieser Woche bekannt und erstmals aus Sicht des direkt Betroffenen - dokumentiert in einem internen Bericht, der die US-Folterdebatte neu anstoßen dürfte.

Es ist die schwerste Sünde der Bush-Ära: Die Folter von Terror-Gefangenen. Ein Thema, das die Amerikaner noch lange verfolgen wird, so sehr sie sich auch dagegen sträuben. Der neue Präsident Barack Obama hat der Folter zwar klar abgeschworen, drückt sich bisher aber um eine akribische Aufbereitung dieser Vergangenheit: "Wir müssen nach vorne schauen, anstatt nach hinten zu schauen."

"An den Rand des Todes und zurück" - Folterberichte
Abu Subeida
AP
Abu Subeida, ein mutmaßlich enger Vertrauer von Osama Bin Laden, wurde im März 2002 in Pakistan gefasst und dabei schwer verletzt. Die CIA sorgte dem Bericht zufolge ausdrücklich dafür, dass er gesundgepflegt wurde - nur um ihn dann foltern zu können. Dazu sei er zwischen mehreren CIA-Lagern hin- und hertransportiert worden.

"Ich erwachte, nackt, an ein Bett gefesselt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß ungefähr vier mal vier Meter. (...) Nach einiger Zeit, ich glaube, dass es mehrere Tage waren, wurde ich zu einem Stuhl gebracht, an den ich an Händen und Füßen gekettet wurde, für die nächsten zwei bis drei Wochen, glaube ich. In der Zeit bekam ich durch das dauerhafte Sitzen Blasen an der Unterseite meiner Beine. (...) In den ersten zwei oder drei Wochen bekam ich, während ich auf dem Stuhl saß, keine feste Nahrung. Mir wurde nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken gegeben. Anfangs musste ich mich von dem Ensure übergeben, aber das wurde mit der Zeit besser. (...) Die Zelle und der Raum waren klimatisiert und sehr kalt. Die ganze Zeit spielte sehr laute Brüllmusik. Sie wiederholte sich alle 15 Minuten, 24 Stunden am Tag. Manchmal stoppte die Musik und wurde von lautem Zischen oder Knattern abgelöst. (...) Zwei schwarze Holzkisten wurden in den Raum außerhalb meiner Zelle gebracht. Eine war hoch, etwas größer als ich und schmal. (...) Die andere war kleiner. (...) Ich wurde aus meiner Zelle geholt, und einer der Vernehmenden wickelte ein Handtuch um meinen Hals, und dann benutzten sie das, um mich herumzuschleudern und mich wiederholt gegen die harte Wand des Raums zu schmettern. Auch wurde ich wiederholt ins Gesicht geschlagen. (...) Dann wurde ich in die große Kiste gesteckt, ich glaube für rund eine bis eineinhalb Stunden. Die Kiste war innen und außen total schwarz. (...) Sie bedeckten die Außenseite der Kiste mit einem schwarzen Tuch, um das Licht zu verdunkeln und meine Luftzufuhr zu drosseln. Es war schwer zu atmen. (...) Nach dem Verprügeln wurde ich in die kleine Kiste gesteckt. (...) Da sie nicht hoch genug war, um aufrecht zu sitzen, musste ich mich zusammenkrümmen. Wegen meiner Wunden war das sehr schwer. (...) Die Wunde an meinem Bein öffnete sich und begann zu bluten. Ich weiß nicht, wie lange ich in der kleinen Kiste blieb, ich bin vielleicht eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. (...) Dann wurde ich aus der kleinen Kiste gezerrt, ohne dass ich ordentlich laufen konnte, und auf etwas geschnallt, was wie ein Krankenhausbett aussah, und mit engen Gurten sehr eng daran gefesselt. Ein schwarzes Tuch wurde über mein Gesicht gepresst, und die Vernehmer nahmen eine Mineralwasserflasche, um Wasser auf das Tuch zu kippen, so dass ich nicht atmen konnte. Nach ein paar Minuten wurde das Tuch weggenommen und das Bett in eine aufrechte Position gedreht. Der Druck der Gurte auf meine Wunden tat sehr weh. Ich erbrach mich. Dann wurde das Bett wieder in eine horizontale Position gedreht und die gleiche Folter wiederholt, mit dem schwarzen Tuch über meinem Gesicht und dem Wasser aus der Flasche. Diesmal hing mein Kopf mehr in einer rückwärtigen, nach unten gerichteten Position, und das Wasser wurde länger ausgeschüttet. Ich kämpfte mit den Gurten, versuchte zu atmen, doch es war hoffnungslos. Ich dachte, ich würde sterben. Ich verlor die Kontrolle über mein Urin. Seitdem verliere ich auch heute noch die Kontrolle über mein Urin, wenn ich unter Stress stehe. (...) Das dauerte etwa eine Woche. In der Zeit wurde die ganze Prozedur fünfmal wiederholt. (...) Einmal wurde das Ersticken dreimal hintereinander wiederholt. (...) Mehrmals brach ich dabei zusammen und verlor das Bewusstsein. Dann wurde die Folter durch die Intervention eines Arztes gestoppt."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Walid bin Attasch
AP
Dem Jemeniten Walid bin Attasch wird vorgeworfen, in die Terroranschläge auf zwei US-Botschaften in Afrika 1998 und den US-Zerstörer "USS Cole" (2000) verwickelt und Osama Bin Ladens Leibwächter gewesen zu sein. Auch soll er mehrere der 9/11-Terroristen trainiert haben. Er wurde 2003 in Karachi gefasst. Attasch verlor 1997 das rechte Bein und trägt eine Prothese. Sein erstes Folterlager befand sich dem ICRC zufolge in Afghanisten.

"Die nächsten zwei Wochen war ich nackt. (...) Ich wurde in einer stehenden Position gehalten, Füße flach am Boden, aber mit meinen Armen über meinem Kopf und mit Handschellen und einer Kette an einer Metallstange befestigt, die quer durch die Zelle lief. Die Zelle war dunkel, ohne künstliches oder natürliches Licht. (...) In den ersten zwei Wochen bekam ich nichts zu essen. Ich bekam nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken. Ein Wärter kam jedesmal und hielt die Flasche, während ich trank. (...) Die Toilette bestand aus einem Eimer in der Zelle. (...) Mir war nicht erlaubt, mich zu säubern, nachdem ich den Eimer benutzt hatte. Während der drei Wochen, die ich dort verbrachte, spielte 24 Stunden am Tag laute Musik. (...) Nachdem ich einige Tage in dieser Position verbracht hatte, begann mein Beinstumpf zu schmerzen, weshalb ich meine Prothese entfernte, um die Schmerzen zu lindern. Daraufhin begann natürlich mein gutes Bein wehzutun und bald einzuknicken, so dass ich mit meinem ganzen Gewicht an meinen Handgelenken hing. Ich rief um Hilfe, aber anfangs kam keiner. Schließlich, nach einer Stunde, kam ein Wärter, und mir wurde meine Prothese zurückgegeben, und ich wurde abermals in die stehende Position gebracht, mit meinen Händen über meinem Kopf. Danach nahmen mir die Vernehmer manchmal absichtlich mein künstliches Bein ab, um der Position noch mehr Stress zu verleihen. (...) Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie lange sie mich so stehen ließen, aber ich glaube, es waren etwa zehn Tage. (...) Während ich so stand, musste ich eine Windel tragen. Manchmal wurde die Windel aber nicht erneuert, weshalb ich mich dann selbst beschmutzte, wenn ich urinierte oder Stuhlgang hatte. Jeden Tag wurde ich mit kaltem Wasser abgespritzt. (...) In den ersten zwei Wochen wurde mir auch jeden Tag eine Schlinge um den Hals gelegt und dann dazu beutzt, um mich gegen die Wände des Verhörraums zu schmettern. (...) In den ersten zwei Wochen wurde ich ebenfalls jeden Tag auf auf eine Plastikplane auf den Boden gelegt, die dann an den Rändern hochgehoben wurde. Kaltes Wasser wurde mit Eimern über meinen Körper geschüttet. (...) Dann wurde ich mit dem kalten Wasser für mehrere Minuten in die Plane gewickelt. Danach wurde ich zum Verhör gebracht."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Chalid Scheich Mohammed
DPA
Chalid Scheich Mohammed gilt als Chefplaner der 9/11-Anschläge. Er wurde im März 2003 im pakistanischen Rawalpindi gefasst. Von dort aus wurde er dem ICRC zufolge erst nach Afghanistan gebracht und später womöglich auch nach Polen. Seine Folter erbrachte nach Angaben des damaligen Präsidenten George W. Bush wichtige Informationen über geplante Terrorakte - eine Behauptung, die jedoch von Experten bezweifelt wird.

"Ich wurde in einen anderen Raum gebracht, wo ich gezwungen wurde, während der Befragung etwa zwei Stunden lang auf Zehenspitzen zu stehen. Etwa 13 Personen waren in dem Raum. Darunter befanden sich der Chef-Vernehmer (ein Mann) und zwei weibliche Vernehmer, außerdem rund zehn Muskelmänner, die Masken trugen. Ich glaube, dass alle Amerikaner waren. Ab und zu schlug mich einer der Muskelmänner in den Brustkorb und in den Magen. (...) Für etwa 40 Minuten wurde ich mit kaltem Wasser aus Eimern überschüttet. Nicht durchgehend, da es Zeit kostete, die Eimer neu zu füllen. Danach wurde ich in den Verhörraum zurückgebracht. Einmal wurde mir während des Verhörs Wasser zum Trinken angeboten, als ich es verweigerte, wurde ich erneut in einen anderen Raum gebracht, wo ich auf den Boden gezwungen wurde, während mich drei Personen festhielten. Ein Schlauch wurde in meinen Anus eingeführt und Wasser hineingeleitet. Danach wollte ich die Toilette benutzen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte Durchfall. Zugang zur Toilette wurde aber erst vier Stunden später gewährt, als sie mir einen Eimer gaben. Jedesmal, wenn ich in meine Zelle zurückgebracht wurde, wurde ich in der Stehposition gehalten, mit meinen Händen in Handschellen und an die Stange über meinem Kopf gekettet. (...) Wenn sie den Eindruck hatten, dass ich nicht kooperiere, wurde ich an eine Wand gestellt und in Oberkörper, Kopf und Gesicht geboxt und geschlagen. (...) Die Prügel und der Einsatz des kalten Wassers geschah im ersten Monat jeden Tag. (...) Ich wurde an ein spezielles Bett gefesselt, das in eine vertikale Position gedreht werden konnte. Ein Tuch wurde auf mein Gesicht gelegt. Kaltes Wasser aus einer Flasche, die in einem Kühlschrank aufbewahrt worden war, wurde dann von einem Wärter auf das Tuch gegossen, so dass ich nicht atmen konnte. (...) Die Prügel wurden schlimmer, und die Wachen richteten kaltes Wasser aus einem Schlauch auf mich, während ich noch in meiner Zelle war. Der schlimmste Tag war, als ich von einem der Vernehmer rund eineinhalb Stunden lang zusammengeschlagen wurde. Mein Kopf wurde so hart gegen die Wand geschleudert, dass er zu bluten begann. (...) Die Folter an dem Tag wurde schließlich durch die Intervention eines Arztes gestoppt. (...) Sie benutzen nie das Wort 'Folter' und sprachen nie von 'physischem Druck', nur davon, es mir 'schwerzumachen'. Ich wurde nie mit dem Tod bedroht, vielmehr wurde mir gesagt, dass sie nicht erlauben würden, dass ich sterbe, sondern dass sie mich 'an den Rand des Todes und wieder zurück' bringen würden."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"

Dieser Blick zurück wird nun aber immer unvermeidbarer. Nicht zuletzt dank des investigativen Reporters Mark Danner: Der bekam dieser Tage einen Top-Secret-Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC) zu Folterungen in den damaligen CIA-Geheimgefängnissen in die Finger - und stieß darin auf die Chronik eines Schattenreichs, die vorher nur einer Handvoll Insider bekannt war. Der 43-seitige, in seiner klinischen Nüchternheit beklemmende Report - dessen Authentizität das ICRC nicht abstritt, seine Veröffentlichung aber bedauerte - stützt sich auf Interviews mit vielen Gefolterten. Seit 2007 liegt er unter Verschluss. Danner zitiert jetzt im "New York Review of Books" erstmals lange Passagen - und offenbart so das wahre Ausmaß dieses politisch-moralischen Skandals, der weiter unbewältigt und ungesühnt bleibt.

Die Folteropfer erzählen ihre Horrorerfahrungen

Demnach wurden die zeitweise mehr als hundert "High-Level"-Häftlinge in den CIA-Lagern "in vielen Fällen" klar gefoltert und erlitten auch auf andere Weise "grausame, unmenschliche oder degradierende Behandlung". Das ICRC beruft sich dazu auf intensive Befragungen der Betroffenen, die - unabhängig und ohne in ihrer Isolation miteinander kommuniziert haben zu können - alle von fast identischen Horrorstorys aus der CIA-Haft berichtet hätten: "Die auffälligen Parallelen in ihren Geschichten, bis ins kleinste Detail, macht es unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich, dass es sich dabei um Erfindungen handelt."

Der Bericht bestätigt, dass die Bush-Regierung im Frühjahr 2002 mit den Folterungen beginnen ließ - von höchster Stelle gebilligt und in klarem Verstoß gegen internationale Konventionen. Top-Regierungsvertreter, allen voran George W. Bush selbst, dementierten das jedoch in Reden, Pressekonferenzen, Interviews und Dokumenten - oft mit offenen Lügen.

Auch der Kongress billigte den Folterknechten noch 2006 mit dem Military Commissions Act Straffreiheit zu, obwohl da viele Einzelheiten schon durchgesickert waren. Selbst die Demokraten wagten nicht aufzumucken, aus Angst, als Terror-Sympathisanten dazustehen. So wurden sie zu Kollaborateuren beim Machtmissbrauch.

AI-Kampagne
Amnesty International
Der Anti-Waterboarding-Spot
Knapp eine Woche nach dem 11. September 2001 hatte die US-Regierung begonnen, ein globales Netzwerk aus Geheimlagern einzurichten, um die mutmaßlich gefährlichsten Terrorverdächtigen dort in die Zange zu nehmen, abseits der kritischen Öffentlichkeit. "Black sites" (schwarze Stätten) hießen diese Lager, von CIA-Beamten geleitet, die auch die "verschärften Vernehmungen" führten.

Dort spielten sich die schlimmsten Folterszenen ab - jenseits des Militärkodexes, mit dem das Pentagon seine Soldaten bindet. Stattdessen übernahm die CIA die Schmutzarbeit, nach eigenen, systematischen Regeln: "Nacktheit, Isolation, Bombardierung mit Lärm und Licht, Entzug von Schlaf und Lebensmittel und wiederholte Prügel und 'Smashings'", zitiert Danner aus dem Bericht. Je länger man sich das durchlese, umso abgestumpfter wirke die "immer wiederkehrende Gewalt" auf einen.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.