Rote-Khmer-Prozess in Kambodscha: Gericht zeigt Fotos aus Folterlager S-21

Bilder des Grauens: Im Prozess gegen einen Funktionär der Roten Khmer hat das Sondertribunal in Phnom Penh erstmals erschütternde Fotos und Videos aus dem berüchtigten Foltergefängnis S-21 vorgelegt. Die Staatsanwältin schilderte Details der unmenschlichen Verhältnisse in dem Lager.

Phnom Penh - Die Aufnahmen zeigen Leichen und Folterinstrumente: Zum ersten Mal hat die Staatsanwaltschaft im Rahmen des Prozesses gegen einen Rote-Khmer-Führer Bildmaterial aus dem Foltergefängnis Toul Sleng (S-21) veröffentlicht. Kaing Guek Eav, alias Duch, ehemaliger Leiter von S-21, werden unter anderem Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Folter vorgeworfen.

Der frühere Rote-Khmer-Führer Kaing Guek Eav alias Duch vor Gericht: Wegen Mordes und Folter angeklagt
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Der frühere Rote-Khmer-Führer Kaing Guek Eav alias Duch vor Gericht: Wegen Mordes und Folter angeklagt

Chefanklägerin Chea Leang präsentierte am Dienstag in ihrem Eröffnungsplädoyer Aufnahmen, die Vietnamesen 1979 wenige Tage nach ihrem Einmarsch in Phnom Penh in dem Gefängnis machten.

Das Video war Auslöser einer hitzigen Debatte von Verteidigung und Staatsanwaltschaft. Duchs französischer Anwalt Francois Roux wollte das Material verbieten lassen. Die Richter lehnten seinen Einwand ab. Der 66-jährige Duch übernahm erneut die Verantwortung und bat die Opfer um Verzeihung. Im Publikum saßen auch ehemalige Insassen des Lagers, die zum Teil verstümmelt worden waren.

"Die Gefangenen verbrachten jede Minute jedes Tages in S-21 unter unmenschlichen Bedingungen", sagte die Staatsanwältin. Sie beschrieb, wie die Festgenommenen entkleidet und mit Fußfesseln an Eisenstangen und aneinander gekettet wurden. Schläge und Elektroschocks seien an der Tagesordnung gewesen. Nur zweimal am Tag hätten die Gefangenen etwas dünne Suppe bekommen.

Kinder mussten die Wunden der Gefolterten notdürftig mit Jod oder Salzlösung säubern. "Zeuge KW15, einer der Sanitäter, wird aussagen, dass er wichtige Gefangene behandeln musste, damit sie weiter verhört werden konnten", sagte Chea Leang. Nur eine Handvoll von mehr als 14.000 Gefangenen überlebte S-21.

Prozess gegen die Roten Khmer
Der Prozess
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Nach knapp drei Jahrzehnten sollen in Kambodscha die Massenmorde und Gräueltaten der Roten Khmer unter der Führung des "Bruders Nummer eins", Pol Pot , aufgearbeitet werden.

Das erste Verfahren vor dem Tribunal wurde gegen Kaing Guek Eav alias Duch eröffnet, der von März 1976 bis Anfang 1979 das berüchtigte Gefängnis Tuol Sleng , das auch "Sicherheitsbüro" (S-21) genannt wurde, leitete. Er wurde am 26. Juli 2010 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Weil er lange Zeit inhaftiert war, wurden ihm 16 Jahre erlassen. In dem von ihm geleiteten Gefängnis kamen nur sieben der insgesamt 14.000 dort Inhaftierten mit dem Leben davon. Die anderen wurden gefoltert, misshandelt und nach erpressten Geständnissen auf den Killing Fields exekutiert.
Die Angeklagten
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Auf der Anklagebank des Roten-Khmer-Tribunals sitzen neben dem bereits zu 35 Jahren Haft verurteilten Kaing Guek Eav alias Duch noch folgende vier: „Bruder Nummer zwei“, Nuon Chea , Ieng Sary, der Ex-Außenminister , und seine Frau Ieng Thirith, die damalige Sozialministerin sowie Khieu Samphan , der Staatschef des Landes während der Khmer-Rouge-Zeit.

Abschließende Urteile sind erst bis 2011 zu erwarten. Für die geringe Zahl der angedachten Prozesse wurde die kambodschanische Regierung viefach kritisert: Auf Veranlassung des derzeitigen Staatschefs Hun Sen wurden sogar mehrere führende Khmer-Rouge-Politiker amnestiert. Zudem sind führende Köpfe der Bewegung, unter ihnen auch Pol Pot und sein Nachfolger Ta Mok aufgrund ihres hohen Alters inzwischen gestorben.
Die Roten Khmer
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Die Roten Khmer waren ultramaoistische Revolutionäre, die in Kambodscha einen reinen Agrarstaat schaffen wollten. Ihre Schreckensherrschaft dauerte von 1975 bis 1979. Mindestens 1,7 Millionen Menschen kamen um, fast ein Viertel der Bevölkerung.

Das Regime unter Pol Pot , der wie andere Kader in Paris studiert hatte, wollte eine kommunistische Agrargesellschaft schaffen. Es scheuchte die Städter aufs Land, schaffte das Geld ab, und brachte jeden, der ein Buch oder eine Brille hatte, als verdächtigen Intellektuellen ins Umerziehungslager.

Das Land schottete sich völlig ab, im Innern begann für Millionen Menschen ein Überlebenskampf. Zwangsarbeit, Hungersnöte, Seuchen rafften Hunderttausende hin. Das paranoide Regime baute einen beispiellosen Spitzelapparat auf. Weitere Hunderttausende Verdächtige wurden als Feinde des Regimes gefoltert und ermordet.

Auch kommunistisch-maoistische Sektierergruppen in Europa unterstützten eine Zeitlang die Roten Khmer - ein Kapitel, das noch der Aufklärung harrt.

jok/dpa/AP/AFP

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