Islamisten in Nigeria "Nicht alle binden Bomben um"

In Nigeria hat das Internationale Rote Kreuz mit der Terrorgruppe Boko Haram und dem oft brutalen Militär zu tun. Der Chef der Hilfsorganisation erklärt, warum er selbst mit Islamisten verhandelt.

Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau in einem Propagandavideo
AFP

Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau in einem Propagandavideo

Ein Interview von


Westafrika ist nur eine Woche nach der Afrikareise von Kanzlerin Angela Merkel wieder im Fokus der Bundesregierung - allerdings geht es nun um einen Landstrich, in dem Hunger und Tod alltäglich sind.

Bei der Tschadseekonferenz im Auswärtigen Amt diskutieren die Vertreter Norwegens, der Uno und der betroffenen Staaten in Berlin die politische und humanitäre Krise in Nigeria und den Nachbarländern Tschad und Kamerun. Am Ende einigten sich die 70 Teilnehmerstaaten darauf, gut zwei Milliarden Dollar für langfristige Hilfe und den Wiederaufbau in der Krisenregion zur Verfügung zu stellen.

Geld, das die Region und die Hilfsorganisationen dort dringend brauchen, denn das Elend dauert schon mehr als zehn Jahre. Seit 2007 bekämpft die islamistische Terrorgruppe Boko Haram in Nordnigeria alles, was sie für westlich hält. Ihr Ziel: ein radikalislamischer Gottesstaat. Schulklassen wurden entführt, am bekanntesten ist der Fall der Chibok-Mädchen aus dem Jahr 2014. Und immer wieder schicken die Terroristen Selbstmordattentäter auf Märkte. Die Antwort des nigerianischen Militärs ist oft brutal. Bislang sind mehr als 20.000 Menschen in dem Konflikt gestorben, knapp 2,6 Millionen mussten fliehen, mehr als 20 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen.

Im Interview sagt Peter Maurer, Chef des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), das gesammelte Geld sei immer zu wenig. Er erklärt, wie man mit Islamisten und skrupellosen Militärs verhandeln kann.

Zur Person
  • CICR/ Mari Mortvedt
    Peter Maurer, Jahrgang 1961, war schweizer Spitzendiplomat und leitet seit 2011 das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) mit Sitz in Genf.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Tschadseekonferenz das erreicht, was für die Krisenregion nötig ist?

Maurer: Es sieht gut aus. Viele Länder sind bereit, erhebliche Geldmittel bereitzustellen, wenn auch zum Teil nicht sofort. Und wie immer wird nur ein Teil des Geldes frisches Geld sein. Anderes wird nur so deklariert.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Milliarden wurden versprochen, aber über einen langen Zeitraum, hinter dem akuten Bedarf für 2018 blieben die Zusagen weit zurück. Ist das nicht enttäuschend?

Maurer: Das Geld reicht natürlich nie. Bei solchen Konferenzen geht es auch immer darum, das auf die Ankündigungen aus Oslo, der vergangenen Tschadseekonferenz, jetzt weitreichendere Ankündigen folgen. Alle Teilnehmer haben erklärt: Wir werden die Tschadseeregion in den nächsten zwölf Monaten nicht stabilisieren können. Das Problem bei langfristigen Ankündigungen: Mancher Absender hofft, dass man sich irgendwann nicht mehr daran erinnert.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Organisation hat zuletzt drei neue Büros in Nordnigeria eröffnet, außerhalb der Regionalhauptstadt Maiduguri. Hat sich die Sicherheitslage denn verbessert?

Maurer: Nicht unbedingt. Aber wir versuchen, möglichst weit in Territorien der bewaffneten Opposition vorzudringen, um mehr Menschen zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie redet man mit Islamisten, die Kindern Bomben umbinden und sie auf Märkte schicken?

Maurer: Die Grundannahme ist, dass nicht alle aufseiten der bewaffneten Opposition Menschen Bomben umbinden und sie auf Marktplätzen in die Luft jagen. Es ist eine differenziertere Realität, und an die tasten wir uns heran, Dorf für Dorf. Wir reden mit den Bewaffneten und versuchen, mindestens stillschweigendes Einverständnis mit unserer humanitären Arbeit zu erreichen. Und idealerweise hören dann die Attentate gegen Zivilisten auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen erreichen Sie in der Tschadregion nicht?

Maurer: Die Inseln im Tschadsee und die Sambisa-Waldgebiete nahe Kamerun sind momentan unzugänglich. Wir versuchen, die Regierungen zu überzeugen, dass sie uns auch dort gewähren lassen. Aber leider gibt es etwa 700.000 bis 800.000 Menschen, die wir nicht erreichen können.

Eine Fulani auf der Flucht vor Boko Haram
AP/dpa

Eine Fulani auf der Flucht vor Boko Haram

SPIEGEL ONLINE: Nigeria ist bekannt dafür, dass auch Armee und Polizei das humanitäre Völkerrecht missachten.

Maurer: Wir versuchen mit Trainings für alle Seiten des Konflikts, Verletzungen des humanitären Völkerrechts entgegenzuwirken. Und wir überprüfen nachträglich Einsätze, in denen das Völkerrecht verletzt wurde. Es muss klar sein, dass es für alle bewaffneten Gruppen inklusive der Armee nur eine Lesart gibt: Es gelten die Genfer Konventionen. In einem so radikalisierten Kontext wie in der Tschadseeregion ist das schwierig, weil dort die Logik vorherrscht: Der Gegner ist so brutal, wir müssen noch brutaler sein. Wir wollen diesen Teufelskreis durchbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie grenzen sich bewusst von Menschenrechtsaktivisten ab, die Vergehen lautstark anprangern. Wie schwer ist es, angesichts von Massakern an Unschuldigen, Stillschweigen zu bewahren und nicht doch öffentlich anzuklagen?

Maurer: Öffentlichkeit ist notwendig, aber für uns ist Vertraulichkeit essenziell. Und dass wir bei brutalen Verbrechen nicht öffentlich anklagen, heißt nicht, dass wir nicht reden. Wir sprechen intensiv mit den Verantwortlichen. Wir helfen, Regeln zu entwickeln und in die Ausbildung einzubinden, damit die Soldaten beim nächsten Mal hoffentlich nicht in Panik geraten und blind drauflosschießen. Das geht nur in einem privilegierten Gesprächsumfeld mit der jeweiligen Kriegspartei, das unbedingt vertraulich bleibt.

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