Russlands Rubel-Krise Kein Grund zur Schadenfreude

Gerade waren die Russen noch euphorisiert vom Anschluss der Krim, jetzt stürzt der Rubel ab. Kein Grund zur Schadenfreude: Die Krise könnte die Nachbarländer destabilisieren - und ein Sturz Putins würde für noch mehr Probleme sorgen.

Putin: Seinem Image hat die Krise kaum geschadet
AP

Putin: Seinem Image hat die Krise kaum geschadet

Eine Analyse von , Moskau


Das US-Magazin "Forbes" hat Wladimir Putin zum mächtigsten Politiker der Welt gewählt - aber schon 2013: vor der Krim-Annexion, vor dem Krieg in der Ostukraine - vor diesem verrückten Jahr 2014, in dem sich der Kreml offenbar vorgenommen hat, die Welt in Atem zu halten.

Am Ende dieses Jahres zeigt sich aber auch, dass die Stärke geliehen war. Rund drei Billionen Dollar hat der Öl-Boom Russland während Putins Regentschaft eingebracht. Das Geld wirkte wie eine Droge: Der Kreml brauchte immer mehr davon.

Der Verfall des Ölpreises lässt jetzt die Luft raus aus der russischen Euphorie: Die Zentralbank rechnet im kommenden Jahr mit einer Rezession, die Wirtschaft könnte um 4,5 Prozent schrumpfen.

Das Durchschnittseinkommen der Russen lag zuletzt bei rund 33.000 Rubel pro Monat, vor Kurzem waren das noch umgerechnet 800 Euro. Inzwischen ist es nur noch die Hälfte wert. Der Rubel stürzt ab und wird bei den Russen - eben noch berauscht von der Krim-Euphorie - für große Löcher in den Portemonnaies sorgen.

Schadenfreude ist allerdings fehl am Platz. Man würde zwar vermuten, dass die Russen die Schuld für den Absturz beim Verursacher suchen, bei ihrem Präsidenten also. Denn Putin schlug einen Konfrontationskurs gegenüber dem Westen ein und tat in den 15 Jahren an der Macht nichts, um die Abhängigkeit der russischen Wirtschaft vom Öl zu reduzieren.

Aber in Russland gelten andere Gesetze. Deshalb ist nicht ausgemacht, dass sich der Zorn der Volkes zwangsläufig gegen den Staatschef richtet. Die russische Geschichte kennt dafür viele Beispiele: Der Zar ist immer gut, Schuld ist sein wahlweise unfähiger oder böswilliger Hofstaat.

Putin hat bereits von dieser Einstellung profitiert: So grollt zwar praktisch jeder Russe der Regierungspartei "Einiges Russland", die im Volksmund verschrien ist als "Partei der Gauner und Diebe". Putins Image aber hat das kaum geschadet - obwohl er die Partei selbst aus der Taufe gehoben hat.

Die Rubel-Krise birgt viele Unwägbarkeiten. Der Absturz der Währung befeuert den schwelenden Machtkampf in der Führung: Die Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina gehört zur Gruppe der Reformer, die nicht nur wirtschaftsliberal denken, sondern Russlands Zukunft an der Seite des Westens sehen. Die Hardliner fordern ihre Ablösung. Ganz Moskau spekuliert zudem, dass die Krise auch Premier Dmitrij Medwedew zu Fall bringen könnte, ebenfalls ein Liberaler.

Ein Zusammenbruch der russischen Wirtschaft könnte viele Nachbarländer ins Chaos stürzen. Denn Millionen Gastarbeiter aus den ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion verdienen ihr Geld in Russland. In Tadschikistan machen Überweisungen von Gastarbeitern aus Russland in die Heimat rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus, in Kirgisien sind es 31 Prozent. Auch in Moldau, das mit einem Assoziierungsabkommen Kurs auf die EU genommen hat, sind es immerhin noch 20 Prozent. Die Russland-Krise sendet bereits jetzt Schockwellen aus in die Nachbarländer: In Georgien und Armenien geraten die nationalen Währungen unter Druck.

Im Donbass-Konflikt scheint das Schwächeln der Wirtschaft immerhin zu mehr Kompromissbereitschaft in Moskau zu führen. Der Kreml rückt von seiner Forderung nach einer Föderalisierung der Ukraine ab.

Mittelfristig könnte die Russland-Krise aber eher zu mehr als zu weniger Spannungen führen. Auf die bislang schwerste Krise - die Massendemonstrationen in Moskau nach den manipulierten Duma-Wahlen 2011 - antwortete die Führung ja auch nicht mit Reformen, sondern mit einer Welle autoritärer Maßnahmen. Sollte der Kreml durch die Rubel-Krise innenpolitisch unter Druck geraten, könnte er mit noch mehr Repression antworten.

Selbst wenn Putin über die Wirtschaftsprobleme über kurz oder lang fallen sollte: Die Probleme Russlands und die Schwierigkeiten, die das Land dem Westen bereitet, werden nicht verschwinden. Im Gegenteil: Selbst scharfe Kritiker des Wirtschaftskurses des Kreml in russischen Investmentbanken warnen vor einem Sturz Putins. "Dann werden die Radikalen das Machtvakuum füllen", sagt ein Top-Banker. Und fügt die Frage an, ob der Westen darauf wirklich hoffen wolle.

Zum Autor
Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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zack69 17.12.2014
1. Freude?
Nein, bei all den Toten und den Kriegen für die Moskau bisher gesogt hat empfindet man keine Freude. Aber es wäre erfreulich gewesen wenn Russland sich an seine Verträge und Zusagen gehalten hätte. Von KSZE Schlussakte bis zu dem Budapester Memorandum. Wir brauchen Russland. Aber ein Starkes, und das geht nur mit echter Demokratie und ohne Krieg und Eroberung.
freespeech1 17.12.2014
2.
Schön, dass SpOn mal darstellt, dass wir in einer globaliserten Welt leben, in der eine Wirtschaftskrise in einem großen Land oder einer Region Auswirkungen auf den gesamten Globus hat. Der Fall der Ölpreise trifft natürlich alle Förderländer, je abhängiger vom Öl, desto mehr. Warum der Ölpreis so stark gesunken ist, sollte auch mal analysiert werden. Angebot und Nachfrage entwickeln sich scheinbar in umgekehrter Richtung
KingTut 17.12.2014
3. Mutwillig zerstörtes Vertrauen
Ob wir uns über den Rubelabsturz und die damit einhergehende Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Lage in Russland freuen oder nicht, ist letztlich unerheblich, denn die Katastrophe ist da und sie ist noch schlimmer, als sie der frühere Finanzminister und Putinvertraute Alexej Kudrin zu Beginn der Ukraine-Krise vorhergesehen hatte. Er ging von einem Rückgang des Lebensstandards von 20 % als Folge der vom Westen verhängten Sanktionen aus und jetzt ist der Durchschnittsrusse schon bei 50 %. Erschwerend für die Lösung dieser Krise ist die Uneinsichtigkeit der russischen Führung, die anscheinend nur an den Symptomen herumoperiert, anstatt die Ursachen zu bekämpfen. Allem voran die nicht vorhandene Wettbewerbsfähigkeit der russischen Industrie. Produkte Made in Russia sind auf den Weltmärkten weitgehend unbekannt. Das Land ist immer noch ein industrielles Schwellenland und in solch einer Situation gießt man nicht noch Öl ins Feuer, indem man an der Peripherie Europas Konflikte vom Zaun bricht, die zusätzlich Geld kosten und Vertrauen zerstören. Von allem was man über Putin weiß, glaube ich nicht, dass er sich ändert. Er wird bei Protesten der Bevölkerung sicherlich in der Art reagieren, dass er den Ton gegen den Westen weiter verschärft, und seine militärischen Drohgebärden verstärkt. Damit wird er aber die Lage nur noch verschlimmern, weil dann auch noch das letzte Quäntchen Vertrauen in die russische Politik schwindet.
michael_1976 17.12.2014
4.
Kein Mensch kann sich über den Absturz Russlands freuen. Am Ende bezahlt die russische Bevölkerung die Rechnung: Preise steigen an, Löhne werden niedriger. Den Russen kann man auch ja keinen Vorwurf machen: die Gehirnwäsche läuft seit Jahren auch Hochtouren, es gibt keine freien Medien, alles wird von Kreml kontrolliert. Und doch: verantwortlich dafür ist Putin. Er hat es eben versäumt ein an Rohstoffen reiches Land in ein demokratisches und modernes umzuwandeln. Wirtschaftluih fällt gerade Russland in die Sowjetzeiten zurück, politisch auch.
n.nixdorff 17.12.2014
5. Schadenfreude?
Da hat ein Despot zum wiederholten Mal geltendes internationales Recht mit Füßen getreten und hoffte, wieder damit durchzukommen. Allerdings steht das von ihm verwaltete Riesenreich wirtschaftlich so mies da, dass er sich diese Abenteuer gar nicht leisten kann. Es war ja so einfach für ihn, sich auf sprudelnde Einnahmen aus den Ölquellen zu verlassen, dass er versäumt hat, den Laden mal von Grund auf zu modernisieren. Stattdessen kaufte Waffen und modernisierte sein ohnehin schon starkes Militär. Da hat sich der Mann mit den antiquierten Ansichten falsche Prioritäten gesetzt und ich empfinde ich es fast schon als ausgleichende Gerechtigkeit, dass nun Sachzwänge aus selbstgemachten Leiden seinem Treiben hoffentlich ein Ende setzen. Wir sollten uns nicht allzu sehr wegen der Dinge die da vielleicht, oder auch nicht, noch aus Richtung Russland auf uns zukommen ängstigen. Auch in Russland gibt es vernünftig denkende Menschen, die erkennen, dass Kooperation besser ist als Konfrontation.
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