Staatsanwältin Boccassini: Berlusconis furchtlose Anklägerin

Von Hans-Jürgen Schlamp

Italien: Berlusconis Quälgeist Fotos
DPA

Sie ist eine der hartnäckigsten Staatsanwältinnen Italiens - er der ewige Angeklagte: Seit fast 20 Jahren sind Ilda Boccassini und Silvio Berlusconi alte Bekannte. Die Juristin gilt als furchtlos, die Schmutzkampagnen der Berlusconi-Medien konnten ihr nichts anhaben. Nun rüstet sie zum Showdown.

Seit vielen Jahren muss er sie ertragen - in immer neuen Strafprozessen. Viele Staatsanwälte haben Silvio Berlusconi vor Gericht gezerrt. Aber kein Ankläger recherchiert so ausdauernd und plädoyiert so beinhart gegen den Medienzaren und Ex-Regierungschef wie die Mailänder Staatsanwältin Ilda Boccassini, 63 Jahre alt, zwei Kinder, keine Interviews.

Wenn Berlusconi über "rote Roben" lamentiert, über die "kommunistische Justiz" und "Sowjets", die ihn zerstören wollen, dann steht sie in seinem Blick sicher in der ersten Reihe.

Berlusconi-Fernsehsender und die Berlusconi-Zeitung "Il Giornale" haben ihr investigative Berichte gewidmet, sie heimlich beim Einkauf im Supermarkt gefilmt oder ihre "extravagante" Kleidung präsentiert, einen Seidenschal für 300 Euro, zum Beispiel, und Strümpfe für 21 Euro.

Sogar einen "Skandal" aus dem Jahr 1982 gruben sie aus. Da war die junge Juristin vor dem Mailänder Justizpalast beim "Austausch von Zärtlichkeiten" mit einem jungen Journalisten ertappt worden. Weil der für das linksradikale Blatt "Lotta Continua" (etwa: "Der Kampf geht weiter") schrieb, gab es eine amtliche Untersuchung des Vorfalls. Ergebnis: Mit Boccassinis Job habe das nichts zu tun. Doch Jahre später reichte es noch, dass sich "Giornale" lesende Berlusconi-Fans über die "rote Ilda" aufregen konnten.

"Ilda kennt keine Angst"

Die gebürtige Neapolitanerin wird schon seit Jugendzeiten so genannt - wegen ihrer roten Haare - und hat sich von all den Kampagnen nicht weiter beeindrucken lassen. Ilda kenne "keine Angst", sagen ihre Freunde. Vieles nimmt sie hin, gegen handfeste Beleidigungen klagt sie.

Jüngstes Beispiel: Der Vorwurf, sie habe es sich "zur Aufgabe gemacht, das Land umzukrempeln", und verfolge Berlusconi deshalb aus "politischen und ideologischen Gründen". Vor ein paar Tagen erst wurde "Il Giornale" deshalb verurteilt, ihr 100.000 Euro Schadensersatz zu zahlen.

Boccassinis großes Vorbild ist der Mafia-Jäger Giovanni Falcone. Als dieser 1992 von einer zentnerschweren Mafia-Bombe zerfetzt wurde, ließ sie sich nach Sizilien versetzen, um die Mörder aufzuspüren. Sie war dabei, als der "Boss der Bosse", Toto Riina, abgeurteilt wurde. Den Mafia-Prozessen folgten, zurück in Mailand, die "Mani Pulite"-Verfahren. "Saubere Hände", so nannte das Team der Staatsanwälte und Richter die Massenaburteilung der korrupten politischen Oberklasse des Landes.

Sex zum Dessert

Dabei stieß sie irgendwann auf einen Angeklagten namens Berlusconi. Den traf sie fortan häufiger. Bis heute. Nun will sie gemeinsam mit einem Kollegen das Plädoyer der Anklage gegen den italienischen Ex-Regierungschef im sogenannten Ruby-Prozess halten und, soweit man hört, eine Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs und Sex mit einer Minderjährigen fordern.

In seiner Villa nahe Mailand habe der Milliardär regelmäßig "Abendveranstaltungen für prostitutive Zwecke" gegeben, so die Anklage: Dem Dinner, folgten "erotische Bunga-Bunga-Tänze", und zum Dessert gab es Sex zwischen bezahlten oder reich beschenkten jungen Damen und geladenen männlichen Gästen beziehungsweise dem Gastgeber. Alles Quatsch, frei erfunden, sagt Berlusconi. Und mit dem minderjährigen marokkanischen Partygirl Ruby habe er schon überhaupt nicht geschlafen. Das Urteil - in erster Instanz - soll noch im März fallen. Und das passt Berlusconi gar nicht.

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Silvio Berlusconi: Dauergast vor italienischen Gerichten
Es könnte nämlich schon bald der nächste Wahlkampf im derzeit unregierbaren Italien anstehen, und da macht sich der 76-Jährige große Hoffnungen: Seine Polit-Auguren melden ihm, er lege in Umfragen zu. Am liebsten schon im Juni, so wird kolportiert, wolle Berlusconi die Italiener noch einmal zur Wahl bitten. Gerichtlich attestierter Sex mit einer bezahlten Minderjährigen macht sich im Wahlkampf freilich nicht gut. Zumal es ja noch weitere Urteile gibt oder demnächst geben könnte:

  • Die Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis am 7. März wegen der illegalen Veröffentlichung eines Telefonmitschnitts kann er verkraften. Das nimmt ihm in Italien kaum einer krumm.
  • Schlimmer ist das, was sich in Neapel zusammenbraut: Da behauptet ein Ex-Senator, Berlusconi habe ihm zwischen 2006 und 2008 drei Millionen Euro dafür gezahlt, dass er die Seiten wechselte und so den Sturz der Regierung Prodi einleitete.
  • Noch schlimmer könnte für ihn das Mediaset-Verfahren werden, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung. Da ist er - in erster Instanz - wegen Steuerbetrugs schon zu vier Jahren Haft verurteilt worden. In diesem Monat steht die zweite Instanz an. Erwartet wird eine Bestätigung des Urteils. Wenn bis zum Sommer 2014, dem Ablauf der Verjährungsfrist, auch die dritte und letzte Rechtsinstanz das Urteil bestätigt, wäre das für Berlusconi fatal: Er müsste sofort aus dem Parlament ausscheiden, dürfte fünf Jahre kein öffentliches Amt bekleiden - das wäre das politische Ende des selbsternannten "Italienretters" Berlusconi.

Deshalb hat er jetzt wohl wieder einmal kräftig auf die Bremse getreten, wie seine Ankläger mutmaßen, um mit Tricks und Finten den prozessualen Ablauf beider Problemverfahren zu stören - Ruby wie Mediaset.

Erst hat er eine Verschiebung aller anstehenden Termine gefordert, weil er politisch zu viel zu tun habe. Als das abgelehnt wurde, wurde er leider krank: Augenentzündung, hat sein Leibarzt attestiert und ihm mindestens eine Woche Erholung verordnet, nicht verhandlungsfähig.

Gemeinsam mit den Kollegen vom Mediaset-Prozess hat Ilda Boccassini gleich nach der Krankmeldung beantragt, den Patienten von einem Amtsarzt untersuchen zu lassen. Der befand Berlusconi für "prozessfähig", was in dessen Lager zu aberwitzigem Protestgeschrei führte. Fabrizio Cicchitto, Chef der Berlusconi-Truppe im Abgeordnetenhaus, sprach gar von "Nazi-Medizinern" und "stalinistischen Staatsanwälten". Gegen diese will Berlusconi jetzt sein "Volk der Freiheit" mobilisieren und Großdemos veranstalten.

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1. Mumpitz...
fatherted98 12.03.2013
....in diesem Jahr gibts in Italien noch Neuwahlen...Berlusconi wird davon profitieren und gewinnen...er wird Regierungschef und sich selbst, wie schon so oft, amnestieren....da kann sich diese Staatsanwältin engagieren wie sie will...das wird nix.
2. Tja
rodelaax 12.03.2013
Die Dame muß aufpassen, dass nicht eines Tages eine Bombe ihren Eifer unterbindet.
3. Jemand vom Format Ilda Boccassini
raylow 12.03.2013
könnten wir in Deutschland gut gebrauchen um die Verbrecher von BER und S21 zur Verantwortung zu ziehen.
4.
spon-facebook-10000283853 12.03.2013
Zitat von sysopSie ist eine der hartnäckigsten Staatsanwältinnen Italiens - er der ewige Angeklagte: Seit fast 20 Jahren sind Ilda Boccassini und Silvio Berlusconi alte Bekannte. Die Juristin gilt als furchtlos, die Schmutzkampagnen der Berlusconi-Medien konnten ihr nichts anhaben. Nun rüstet sie zum Showdown. Ruby-Prozess in Italien: Staatsanwältin Ilda Boccassini vs Berlusconi - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/ruby-prozess-in-italien-staatsanwaeltin-ilda-boccassini-vs-berlusconi-a-888034.html)
Wenn man die Dame sieht, dann scheint mir Berlusconis Beschwerde über die linke politische Agenda hinter den Anklagen nicht ganz aus der Luft gegriffen.
5. Es wird Zeit,
lengst34 12.03.2013
dass die Justiz und die Administration Italiens reformiert wird. Insbesondere müssen die Gesetze, die sich Berlusconi auf den Leib hat schneidern lassen, geprüft und modifiziert werdn. Das bedeutet, dass die Verjährungsfristen enden, wenn Anklage erhoben wird, oder die Bilanzfälschungen wieder bestraft werden u.v.m.
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