Seit vielen Jahren muss er sie ertragen - in immer neuen Strafprozessen. Viele Staatsanwälte haben Silvio Berlusconi vor Gericht gezerrt. Aber kein Ankläger recherchiert so ausdauernd und plädoyiert so beinhart gegen den Medienzaren und Ex-Regierungschef wie die Mailänder Staatsanwältin Ilda Boccassini, 63 Jahre alt, zwei Kinder, keine Interviews.
Wenn Berlusconi über "rote Roben" lamentiert, über die "kommunistische Justiz" und "Sowjets", die ihn zerstören wollen, dann steht sie in seinem Blick sicher in der ersten Reihe.
Berlusconi-Fernsehsender und die Berlusconi-Zeitung "Il Giornale" haben ihr investigative Berichte gewidmet, sie heimlich beim Einkauf im Supermarkt gefilmt oder ihre "extravagante" Kleidung präsentiert, einen Seidenschal für 300 Euro, zum Beispiel, und Strümpfe für 21 Euro.
Sogar einen "Skandal" aus dem Jahr 1982 gruben sie aus. Da war die junge Juristin vor dem Mailänder Justizpalast beim "Austausch von Zärtlichkeiten" mit einem jungen Journalisten ertappt worden. Weil der für das linksradikale Blatt "Lotta Continua" (etwa: "Der Kampf geht weiter") schrieb, gab es eine amtliche Untersuchung des Vorfalls. Ergebnis: Mit Boccassinis Job habe das nichts zu tun. Doch Jahre später reichte es noch, dass sich "Giornale" lesende Berlusconi-Fans über die "rote Ilda" aufregen konnten.
"Ilda kennt keine Angst"
Die gebürtige Neapolitanerin wird schon seit Jugendzeiten so genannt - wegen ihrer roten Haare - und hat sich von all den Kampagnen nicht weiter beeindrucken lassen. Ilda kenne "keine Angst", sagen ihre Freunde. Vieles nimmt sie hin, gegen handfeste Beleidigungen klagt sie.
Jüngstes Beispiel: Der Vorwurf, sie habe es sich "zur Aufgabe gemacht, das Land umzukrempeln", und verfolge Berlusconi deshalb aus "politischen und ideologischen Gründen". Vor ein paar Tagen erst wurde "Il Giornale" deshalb verurteilt, ihr 100.000 Euro Schadensersatz zu zahlen.
Boccassinis großes Vorbild ist der Mafia-Jäger Giovanni Falcone. Als dieser 1992 von einer zentnerschweren Mafia-Bombe zerfetzt wurde, ließ sie sich nach Sizilien versetzen, um die Mörder aufzuspüren. Sie war dabei, als der "Boss der Bosse", Toto Riina, abgeurteilt wurde. Den Mafia-Prozessen folgten, zurück in Mailand, die "Mani Pulite"-Verfahren. "Saubere Hände", so nannte das Team der Staatsanwälte und Richter die Massenaburteilung der korrupten politischen Oberklasse des Landes.
Sex zum Dessert
Dabei stieß sie irgendwann auf einen Angeklagten namens Berlusconi. Den traf sie fortan häufiger. Bis heute. Nun will sie gemeinsam mit einem Kollegen das Plädoyer der Anklage gegen den italienischen Ex-Regierungschef im sogenannten Ruby-Prozess halten und, soweit man hört, eine Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs und Sex mit einer Minderjährigen fordern.
In seiner Villa nahe Mailand habe der Milliardär regelmäßig "Abendveranstaltungen für prostitutive Zwecke" gegeben, so die Anklage: Dem Dinner, folgten "erotische Bunga-Bunga-Tänze", und zum Dessert gab es Sex zwischen bezahlten oder reich beschenkten jungen Damen und geladenen männlichen Gästen beziehungsweise dem Gastgeber. Alles Quatsch, frei erfunden, sagt Berlusconi. Und mit dem minderjährigen marokkanischen Partygirl Ruby habe er schon überhaupt nicht geschlafen. Das Urteil - in erster Instanz - soll noch im März fallen. Und das passt Berlusconi gar nicht.
Deshalb hat er jetzt wohl wieder einmal kräftig auf die Bremse getreten, wie seine Ankläger mutmaßen, um mit Tricks und Finten den prozessualen Ablauf beider Problemverfahren zu stören - Ruby wie Mediaset.
Erst hat er eine Verschiebung aller anstehenden Termine gefordert, weil er politisch zu viel zu tun habe. Als das abgelehnt wurde, wurde er leider krank: Augenentzündung, hat sein Leibarzt attestiert und ihm mindestens eine Woche Erholung verordnet, nicht verhandlungsfähig.
Gemeinsam mit den Kollegen vom Mediaset-Prozess hat Ilda Boccassini gleich nach der Krankmeldung beantragt, den Patienten von einem Amtsarzt untersuchen zu lassen. Der befand Berlusconi für "prozessfähig", was in dessen Lager zu aberwitzigem Protestgeschrei führte. Fabrizio Cicchitto, Chef der Berlusconi-Truppe im Abgeordnetenhaus, sprach gar von "Nazi-Medizinern" und "stalinistischen Staatsanwälten". Gegen diese will Berlusconi jetzt sein "Volk der Freiheit" mobilisieren und Großdemos veranstalten.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Italien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH