Rührseliger Abschied: Putin tritt ab - um als Premier zu bleiben

Von Benjamin Bidder, Moskau

Putin gibt seine letzte große Pressekonferenz im Kreml mit rührseligen Worten des Abschieds und markigen Botschaften Richtung Westen. Der Präsident wünscht seinem Nachfolger Dmitrij Medwedew vor allem einen starken Premier: sich selbst. Putin-Show, Klappe, die letzte - zumindest vorerst.

Moskau - "Es ist wahr, ich bin der reichste Mann, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt", seufzt Putin, als er mit Gerüchten konfrontiert wird, er habe während seiner Amtszeit ein Milliardenvermögen angehäuft. "Ich bin reich. Denn ich sammle Gefühle und Emotionen. Und Russland hat mir zweimal das große Glück gegeben, ihm zu dienen", schwärmt Russlands Präsident rührselig. Nur das mit dem Geld sei an den Haaren herbeigezogener Unsinn.

Noch-Präsident Putin: Papierherzchen zum Valentinstag
AFP

Noch-Präsident Putin: Papierherzchen zum Valentinstag

Vorhang auf zum letzten Akt der Putin-Show: Zum siebten Mal hat der scheidende Präsident zur alljährlichen großen Pressekonferenz in den Kreml geladen. Er feiert Abschied, aber nur ein bisschen. Am 2. März wählt Russland einen neuen Staatschef, aller Voraussicht nach Putins Favoriten Dmitrij Medwedew. Der amtierende Kremlchef will dann als Premierminister die Regierung führen.

"Es war ein Geschenk, das ich vom russischen Volk und von Gott bekommen habe, als mir die Ehre zuteil wurde, als Präsident zu dienen. Es hilft nicht, dem nachzuweinen", sagt Putin. Er freut sich, dass der seinem Land dann auf einem anderen Posten von Nutzen sein kann.

Doch der Anzug des Premierministers, er ist noch zu klein für den vor Kraft strotzenden 55-Jährigen. Er selbst bevorzugte als Präsident stets blasse Premierminister, Technokraten ohne eigne Initiative und großen Einfluss. Legendär sind die Bilder aus Putins Arbeitszimmer im Kreml, in dem er vor laufenden Fernsehkameras seinen ehemaligen Regierungschef Michail Fradkow wie einen Schuljungen maßregelte. Auch der amtierende Premier Wiktor Subkow ist frei von jedem Charisma und begnügt sich damit, auf seine alten Tage Putins willigen Befehlsempfänger zu geben.

Putin will Russlands Politik weiter bestimmen

Schon unter Boris Jelzin waren die oft wechselnden Premiers selten mehr als ein Prellbock für den Präsidenten: Für Probleme zeichnete stets das Kabinett verantwortlich. Wurde der öffentliche Druck zu groß und forderte die Presse einen Kopf, so schasste der Präsident kurzerhand den Ministerpräsidenten.

"Ich habe nie den Drang verspürt, über die zwei Amtsperioden hinaus im Präsidentenamt zu bleiben", beteuert Putin. "Manch einer verfällt dem Tabak, andere den Drogen. Aber es heißt, die größte Abhängigkeit ist die von der Macht. Ich habe das nie empfunden." Gleichwohl strebt Putin eine reale Aufwertung seines neuen Amtes an. Zwar sei der Präsident der "Garant der Verfassung" und gebe die Richtlinien in der Innen- und Außenpolitik vor. "Die ausführende Gewalt liegt aber beim Ministerpräsidenten", unterstreicht Putin seine Ambitionen. "Wir haben genug Kompetenzen und werden sie gut verteilen."

Sollte es so kommen, dann würde Russland zum ersten Mal von einer Doppelspitze geführt werden: Dmitrij Medwedew als Präsident im Kreml und Wladimir Putin als ehrgeiziger Premier im Sitz der russischen Regierung, dem Weißen Haus an der Moskwa. "Unser Verhältnis wird sehr harmonisch sein", versichert Putin.

Zweifel an einem Sieg von Medwedew gibt es nicht. Während in den USA bereits Monate vor der eigentlichen Wahl ein spannender, emotionsgeladener Wahlkampf herrscht, wirkt Russland zweieinhalb Wochen vor dem Urnengang gespenstisch ruhig. Außer Kommunistenchef Gennadij Sjuganow gibt es keinen Oppositionskandidaten - und auch der scheint sich in sein Schicksal als ewiger Wahlverlierer gefügt zu haben. Alle Umfragen prophezeien dem Thronfolger einen haushohen Sieg. Die staatlich kontrollierten Fernsehkanäle trommeln bereits kräftig für Medwedew - dabei entzieht der sich konsequent jeglichen Wahldebatten.

Wunder Punkt Kosovo

"Dass diese Kampagne ruhig abläuft", sagt Wladimir Putin, "zeugt von der Normalisierung des Landes, von seiner Stabilität. Wieso sollte sich Medwedew auf irgendwelche Debatten einlassen? Wir hatten genug Gelegenheit, den Menschen zu sagen, was wir vorhaben."

An die Adresse der USA sendet Putin versöhnliche Töne. Egal, wie der kommende amerikanische Präsident heiße, man werde mit ihm zusammenarbeiten. Er betonte die gemeinsamen Interessen beider Länder, etwa im Kampf gegen den Terrorismus oder die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Härter geht er mit dem Westen in Sachen Kosovo ins Gericht. "Es ist eine Schande, dass die Europäer mit doppelten Standards messen", poltert Putin. Es gebe keinen Unterschied zwischen dem Kosovo und anderen Konfliktherden, etwa Zypern. Beides seien ethnische Konflikte. Eine Unabhängigkeitserklärung des Kosovo und die einseitige Anerkennung durch westliche Länder nennt er "unrecht und unmoralisch".

Der russische Präsident droht, im Falle einer Unabhängigkeitserklärung des Kosovo ähnliche Schritte mit Blick auf Transnistrien und Südossetien zu unternehmen. Moskau unterstützt die abtrünnigen Gebiete von Moldawien und Georgien. "Wir werden niemanden nachäffen. Für uns ist das aber ein Signal", warnt Putin. Russland werde eine entsprechende Antwort geben.

Der Bürgermeister von Russland

Nach den Salven in Richtung Westen mimt Putin noch einmal den Vater der Nation. Sein Sprecher Alexej Gromow erklärt nach drei Stunden das Ende der Pressekonferenz. Doch Putin lässt es sich nicht nehmen, geschlagene 90 weitere Minuten selbst aus dem Heer der 1300 Journalisten weitere Fragesteller herauszupicken. Meist sind es Vertreter aus den Regionen des Riesenreiches, die dem Präsidenten ihre Sorgen klagen. Sie haben flugs mit Textmarkern Transparente gemalt, die sie keck in die Höhe recken, auf dass der Landesvater sie erhöre.

Die Konferenz, sie gerät zur Bürgersprechstunde beim Oberbürgermeister von Russland. Putin lässt sich alles rapportieren, macht sich geduldig Notizen: zu den Brücken im fernen Wladiwostok, über ein Kindersportfest im sibirischen Jakutien, über Gewalt an Schulen im Ural.

Putin lauscht den Klagen über die Probleme von Wehrpflichtigen aufmerksam. Ganz so, als läge seine Amtszeit nicht hinter ihm, sondern als hätte er acht Jahre Präsidentschaft noch vor sich. "Ich werde mich darum kümmern", verspricht er.

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  • Donnerstag, 14.02.2008 – 18:39 Uhr
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